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Wie Werder die Verletzungsserie analysiert
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Alles auf den Kopf gestellt

Christoph Sonnenberg 19.09.2019 2 Kommentare

(nordphoto)

Es ist nicht ganz einfach, bei Werders Misere den kompletten Überblick zu behalten. Beinahe täglich kommt ja ein neuer Spieler hinzu, der sich verletzt und dann gleich auch für längere Zeit ausfällt. „Wenn ich einen vergessen habe, bitte erinnern", sagte Florian Kohfeldt, als er am Donnerstag all die Namen der Profis aufzählte, die am Sonnabend gegen RB Leipzig nicht einsatzbereit sind. Die Liste ist lang, da kann selbst dem Trainer mal einer durchrutschen.

Der letzte dieser Serie, die sich mittlerweile fast als Fluch bezeichnen lässt, ist Yuya Osako. Sechs Wochen wird er fehlen, mindestens. „Yuya hat eine Muskelverletzung am hinteren Oberschenkel“, klärte Kohfeldt auf. Da sind genaue Prognosen schwierig, wie Werder nicht zuletzt durch Sebastian Langkamp weiß. Der Innenverteidiger verletzte sich Anfang Juli, ein Muskelfaserriss. Läuft alles glatt, soll Langkamp kommende Woche, nach rund drei Monaten, wieder in den normalen Trainingsbetrieb einsteigen.

Am Donnerstagnachmittag war es Milot Rashica, der vorzeitig den Trainingsplatz verließ. Rashica hatte sich nach einer Adduktorenverletzung grade erst zurückgemeldet und war für die Partie gegen Leipzig fest eingeplant. Nach dem Aufwärmen aber war schon wieder Schluss. Angeblich, so ließ der Klub mitteilen, sei das eine reine Vorsichtsmaßnahme. Und bereits am Freitag zur Abschlusseinheit soll Rashica wieder dabei sein.

Kohfeldt ist sichtlich genervt ob des Themas und zusehends weniger gewillt, Fragen zur nicht enden wollenden Verletzungsserie zu beantworten. Bei jedem weiteren Spieler, der sich abmeldet, werden die Fragen zu den Hintergründen erneut gestellt. Was läuft da bei Werder schief? Und da es so viel Pech oder einen Fluch nicht geben kann, muss es reale Gründe geben – eine Vermutung, in der immer auch ein kleines bisschen ein Vorwurf mitschwingt, irgendwo stecke bei Werder ein Fehler im System. 

Dem widerspricht der Trainer. „Es ist eine Stelle, die vorher nie auffällig war. Das ist bei einer simplen Drehung im Training passiert“, betonte Kohfeldt, als er über Osakos Verletzung sprach. Um dann detailliert zu erklären, wie Werder im Bereich medizinischer Vorsorge und Versorgung arbeitet. Mehrfach in der Woche, beginnend am Dienstag zum Start in die Trainingswoche, gibt es Besprechungen zu diesem Thema. Berichte zum körperlichen Status eines jeden Spielers nach dem Spieltag werden analysiert. Am Tag darauf folgt die nächste Sitzung, auch dort seien Ärzte, Physiotherapeuten, Mitarbeiter der Athletikabteilung sowie des Trainerstabs anwesend.

Um den Fitnesszustand der Spieler zu überprüfen, verwendet Werder ein Monitoring-System. Anhand der so gesammelten Daten lässt sich beispielsweise nachvollziehen, ob ein Spieler überlastet ist oder nicht. Entsprechend wird der Trainingsumfang oder die Art angepasst. Und mittlerweile steht sei bei jedem Training ein Physiotherapeut am Platz, um „Auffälligkeiten im Bewegungsablauf zu erkennen", sagt Kohfeldt. Es werde nicht nur den Daten vertraut, auch die menschliche Beobachtung fließt ein.

Hat sich ein Spieler verletzt, wird der Verletzungshergang besprochen. Dazu werden Videobilder angeschaut um zu analysieren, was und wie es passiert ist. Aufgrund der Häufung der Verletzungen hat Werder auch Ungewöhliches hinterfragt. „Wir haben Informationen über die Bodenbeschaffenheit eingeholt wegen möglicher Zusammenhänge mit Verletzungen", sagt Kohfeldt. Andere, externe Mediziner hat der Verein konsultiert. „Ich kann sagen, dass wir alles auf den Kopf gestellt haben", sagt Kohfeldt. Das Ergebnis war eindeutig: „Keiner, auch kein Externer, kann ein Muster erkennen."

Deshalb tut Kohfeldt das, was er bereits mehrfach getan hat, er nimmt seine Mitarbeiter in Schutz. „Ich stelle mich ganz stark vor die medizinische und athletische Abteilung. Alle, die hier arbeiten, sind sehr gut qualifiziert und machen einen sehr guten Job."

Das müssen auch die Spieler, die am Sonnabend auf dem Platz stehen. Mit Leipzig kommt der Tabellenführer ins Weserstadion, sie sind die Mannschaft der Stunde. Für Kohfeldt liegt das zum einen am neuen Trainer Julian Nagelsmann, der „viel Positives und Gutes" eingeführt habe. Und dann an der individuellen Qualität. Timo Werner, Emil Forsberg, Marcel Sabitzer und Torwart Peter Gulacsi nannte Kohfeldt namentlich.

Leipzig habe immer mehr Momente, wo sie das Spiel kontrollieren und nicht komplett hohes Risiko gehen. Sie könnten sich die Kräfte besser einteilen, stellt Kohfeldt fest. Und sagt: „Sie reifen zu einer wirklichen Spitzenmannschaft.„ Es wird also schwer für Werder, aufgrund der personellen Misere noch mehr. Doch egal wie lang die Liste der Verletzten auch ist: „Wir haben eine klare Idee und das Ziel, zu gewinnen“, sagt Kohfeldt.

Zur Sache

Das Team der fehlenden Profis

Es ist eine Spielerei, aber sie ist durchaus beeindruckend. Nimmt man all die Spieler, die Werder beim Spiel gegen Leipzig fehlen, lässt sich daraus eine Startelf zusammenstellen, die in der Bundesliga mithalten könnte. Nur der Torwart muss ausgeklammert werden, alle Keeper sind fit. In der Abwehr fallen derweil mit den Innenverteidigern Niklas Moisander (Muskelfaserriss in der Wade), Ömer Toprak (Muskel-Sehnen-Verletzung in der Wade), Milos Veljkovic (Zehenbruch) und Sebastian Langkamp (Muskelfaserriss in der Wade) sowie Linksverteidiger Ludwig Augustinsson (Knie-Operation) gleich fünf Profis aus. Im Mittelfeld fehlen der gesperrte Nuri Sahin und Kevin Möhwald (Knie-Operation). Bei Maximilian Eggestein (Rückenprobleme) entscheidet sich noch, ob er dabei sein kann. Dazu kommen im Sturm Fin Bartels (Knie-Operation) und Yuya Osako (Muskelverletzung im Oberschenkel).


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