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Daten-Prognose stützt Werders Ambitionen
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Auf bestem Weg zurück nach oben

Cedric Voigt 06.09.2018 0 Kommentare

(dpa)

Der Wettkampf um all die kleinen Vorteile, die sich ein Team im Fußball zunutze machen kann, spielt sich längst nicht mehr allein auf dem Rasen ab. Vor fünf Jahren noch hatte der damalige Werder-Manager Thomas Eichin mit dem Einblick für Aufsehen sorgen können, Spieler über die Video-Datenbanken eines Scouting-Anbieters zu sichten, statt jedes Mal zu einem Live-Spiel zu reisen. Im Jahr 2018 sind die modernen Errungenschaften von damals längst selbstverständlich – auch in Bremen.

Tatsächlich eröffnen sich immer neue Möglichkeiten, um die Analyse neben dem Platz zu optimieren: Sei es in der Arbeit mit der Mannschaft, für die Florian Kohfeldt in den Trainingslagern ein Zelt für unmittelbar folgende Videobesprechungen taktischer Einheiten neben dem Spielfeld aufstellen ließ. Oder aber im Scouting, bei dem sich Werder-Sportchef Frank Baumann seit geraumer Zeit von der Bremer Firma „Just Add AI“ unterstützen lässt: Künstliche Intelligenz, die bei der Datenerfassung helfen soll.

Tordifferenz als unparteiisches Kriterium

Auch Jörg Seidel ist im Geschäft mit den Fußball-Daten. Seine Kunden: Profivereine und Spielerberater. „Goalimpact“ nennt sich das Projekt des Hamburger Werder-Sympathisanten, das die Qualität von mehr als 500.000 Fußballspieler anhand eines objektiven Maßstabs jenseits von Toren und Vorlagen, Pass- und Zweikampfquoten beurteilen möchte. Dabei wird ausgewertet, wie sich die Tordifferenz eines Teams verändert, wenn ein bestimmter Spieler auf dem Platz steht. Entwickelt sie sich besser als prognostiziert, steigert der Spieler seinen Wert, entwickelt sie sich schlechter, verliert der Spieler Punkte.

Was einfach klingt, ist eine komplexe Angelegenheit: Um Spieler- und somit mittelbar auch Teamstärke präzise zu erfassen, bezieht der Goalimpact etliche Faktoren mit ein – etwa Qualität von Gegen- und Mitspielern, Heimvorteil, Über- oder Unterzahl oder Ermüdungsgrad. Am Ende wird die Spielerstärke dann aber doch wieder als leicht verdauliche Zahl angegeben – Zahlen wie 100 (Basis-Wert), 135 (Bundesliga-Durchschnitt) oder 200 (absolute Weltspitze). Und auch zu Werder hat der Goalimpact eine „Meinung“ – nur ist diese von jeglicher Subjektivität befreit.

„Insgesamt sehe ich die Mannschaft stärker als letztes Jahr“, betont Seidel und bescheinigt Frank Baumann bei der Kaderzusammenstellung gute Arbeit: „Mit Davy Klaassen und Nuri Sahin hat Werder zwei Top-Transfers getätigt.“ Der Abgang von Thomas Delaney sei zwar auch aus Goalimpact-Sicht schmerzhaft gewesen, habe aber mehr als kompensiert werden können. Den Wechsel von Kapitän Zlatko Junuzovic zu Red Bull Salzburg sehen die Zahlen ohnehin nicht so tragisch.

In der Saisonprognose von Goalimpact, die anhand von statistisch errechneter Kaderqualität und aktuellem Tabellenstand angegeben wird, landet Werder nach dem 2. Spieltag in 35,5 Prozent aller simulierten Szenarien auf einem der ersten sieben Plätze, die – je nach Ausgang des DFB-Pokals – für den internationalen Wettbewerb reichen können. Die Zahlen stützen also das intern als ambitioniert, aber realistisch bewertete Ziel, zur nächsten Saison den Europapokal zu erreichen.

Allerdings drängen sich im Liga-Mittelfeld viele ähnlich starke Vereine. Nuancen geben den Ausschlag, ob jemand auf dem letzten Champions-League-Platz oder in der unteren Tabellenhälfte landet – etwa die Verletzung eines Schlüsselspielers oder ganz einfach Pech mit Spielverläufen. In die andere Richtung können gute Trainer den größten Unterschied machen. Seidel – und hier wird die Einschätzung des Goalimpact-Erfinders erstmals subjektiv – traut Florian Kohfeldt das zu: „Ich kann mir gut vorstellen, dass er aus dem Team mehr macht als die Summe der Teile.“

Auch in seinen Aufstellungen wähle Werders Chefcoach demnach fast immer die Spieler, die auch der Goalimpact auf ihren Positionen am stärksten sieht. Ins defensive Mittelfeld könnte dementsprechend bald Bewegung kommen: Die Statistik beurteilt Last-Minute-Zugang Sahin als besten Werder-Transfer des Summers, der Goalimpact erwartet, dass der Linksfuß sich als Stammspieler durchsetzt.

Ob der Algorithmus mit dieser Erwartung richtig liegt, kann natürlich nur die Zeit zeigen. In der Vergangenheit erwies sich der Goalimpact sich allerdings oft genug als treffsicher: Etwa in der Ur-Version 2004, als Seidel in einem privaten Tippspiel den EM-Erfolg Griechenlands korrekt prognostizieren konnte. Oder wenig später, als die Zahlen einem 16-jährigen Mesut Özil eine Weltkarriere voraussagten. Zur Saison 2017/2018 schließlich war der Goalimpact mit seiner Prognose, Holstein Kiel würde um den Aufstieg in die Bundesliga mitspielen, allein auf weiter Flur. Die Störche scheiterten erst in der Relegation am VfL Wolfsburg.

Apropos: Die Wölfe sind in diesem Jahr laut Goalimpact kein Abstiegskandidat, sondern haben gute Chancen auf die Champions League. „Sie haben ihren Kader unterhalb des Radars vieler Beobachter gut verstärkt“, begründet Seidel die Prognose. Und tatsächlich: Nach zwei Siegen aus zwei Spielen zählen die Niedersachsen derzeit zu den Überraschungen der Liga.

U23 kein Aufstiegsfavorit

Aber zurück nach Bremen: Der Goalimpact erhebt nicht nur Daten für die Bundesligamannschaft, sondern auch für Werders U23. Die tritt in dieser Saison in der Regionalliga Nord an – in der vierthöchsten Spielklasse also, nachdem man in der letzten Saison noch in der dritten Liga hatte spielen dürfen. Der Werder-Nachwuchs könne mit einem einstelligen Tabellenplatz rechnen, sagt Seidel – meint aber auch: „Für einen Aufstieg müsste viel zusammenkommen.“ Immerhin: Nicht nur Sturm-Juwel Joshua Sargent, sondern auch Jean-Manuel Mbom, Jan-Niklas Beste und Julian Rieckmann sieht der Goalimpact auf einem guten Weg, künftig in der Bundesliga Fuß zu fassen.


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