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Der Sportchef wehrt sich wegen der Verletzten
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Baumann: „Wir haben nichts verschlampt!“

Jean-Julien Beer 28.08.2019 9 Kommentare

(nordphoto)

Wenigstens einer kann bei Werder noch verteidigen: Frank Baumann, den seine Abwehrqualitäten schon als Spieler bis in die Nationalmannschaft und zu Werders Double-Gewinn führten. Auf dem Platz kann sich der 43-Jährige zwar nicht mehr schützend in jeden Schuss werfen, auch wenn das nach sechs Gegentoren in zwei Bundesligaspielen durchaus hilfreich wäre – schließlich kassierte keine Mannschaft an den ersten beiden Spieltagen mehr Gegentreffer als die Bremer. Übertroffen wird dieser Wert nur noch durch die Anzahl der verletzten Spieler bei Werder: Ömer Toprak schloss sich im Spiel gegen Hoffenheim als siebter Ausfall dem Vereins-Lazarett an. Baumann schaltete deshalb im Gespräch mit dem WESER-KURIER in den Verteidigungsmodus, als Sportchef sieht er den Verein, das Trainerteam und die gesamte medizinische Abteilung derzeit zu Unrecht verdächtigt, schlechte Arbeit abgeliefert zu haben. „Wir machen uns auch intensive Gedanken und schauen uns alle Fälle genau an“, betont Baumann, „aber nichts deutet bei den Verletzten darauf hin, dass wir etwas verschlampt hätten oder falsch behandelt oder falsch diagnostiziert wurde.“

Toprak musste diesmal schon nach 17 Minuten vom Feld, nachdem er auch im ersten Spiel gegen Düsseldorf angeschlagen vom Feld geholt wurde. Gegen die Fortunen waren es Atemprobleme nach einem Zusammenstoß, nun erwischte es ihn erheblich schlimmer: Die Untersuchungen ergaben eine Muskel-Sehnen-Verletzung an der Wade, Toprak wird rund sechs Wochen fehlen.

„Kein Vorwurf an die Athletikabteilung“

In einem Sommer, in dem das Verletzungspech keinen weiten Bogen um Werder macht, ist Topraks Ausfall eine der inzwischen arg vielen kuriosen Geschichten. Bei Borussia Dortmund absolvierte er eine tadellose Saisonvorbereitung. Beim Gewinn des Supercups gegen den FC Bayern, Topraks letztem Pflichtspiel im BVB-Trikot, war er der beste Abwehrspieler auf dem Feld. Und nun verletzte er sich nach nur zwei Wochen im Bremer Training so schwer. Das kann man dem Trainerteam um Florian Kohfeldt oder der medizinischen Abteilung nicht ankreiden.

Und so ging das ja schon los, als sich die Werder-Profis Ende Juni zu den ersten Übungseinheiten versammelten. Der serbische Abwehrspieler Milos Veljkovic (Zeh) und der schwedische Linksverteidiger Ludwig Augustinsson (Knie) kamen verletzt von ihren Nationalmannschaften zurück, inzwischen wurden beide unter der Regie von Werder operiert; während Veljkovic immerhin langsam ans Training gewöhnt wird, fällt Augustinsson nach der Arthroskopie, die am Montag durchgeführt wurde, rund drei Monate aus. Innenverteidiger Sebastian Langkamp riss sich gleich am ersten Tag nach dem Urlaub eine Muskelfaser in der Wade. „Augustinsson, Veljkovic und Langkamp haben sich nicht während unserer Saisonvorbereitung verletzt“,  sagt Baumann, „deshalb kann man der Athletikabteilung keinen Vorwurf machen. Diese Stimmen kamen in den vergangenen Tagen ja auf, dass nicht richtig trainiert würde oder die Prävention nicht funktioniert.“

„Wir liegen im Bundesligaschnitt“

Werders Geschäftsführer versteht natürlich, dass wegen der verletzungsbedingten Ausfälle im ohnehin schon knapp besetzten Werder-Kader auch die Frage diskutiert wird, ob da grundsätzlich etwas falsch läuft beim Bremer Bundesligisten. Er wirbt aber auch für eine differenzierte und damit seriöse Betrachtung: „Eine Mannschaft kommt selten ohne Verletzungen durch die Vorbereitung. Bei jedem Bundesligisten gibt es in der Saisonvorbereitung Verletzungen, im Durchschnitt sind zwei bis drei verletzte Spieler in dieser Phase ganz normal. Da rangieren wir in der Mitte, weder besonders gut, noch besonders schlecht.“

Wie fast alle Klubs in der Bundesliga arbeite auch Werder mit den Spielern entsprechend der modernen Erkenntnisse. „Das läuft heutzutage ganz anders als früher, wo vom ersten Tag der Vorbereitung an Vollgas gegeben wurde“, erklärt Baumann, „wir machen präventiv sehr viel, arbeiten mit individuellen Leistungstests und hatten vor dem Trainingslager im Zillertal sogar eine Phase, in der jeder Spieler sehr individuell ans Mannschaftstraining herangeführt wurde.“ In der Summe sei die Zahl der Verletzungen, die in der Vorbereitungszeit passierten, sehr überschaubar. Eigentlich traf es in der Zeit nur Langkamp, der zu früh wieder eingestiegen war und sich prompt erneut verletzte. „Er hatte einen Rückschlag, das verlängert die Ausfallzeit einfach deutlich“, bestätigt Baumann. Neben Langkamp fiel in dieser Zeit nur Fin Bartels aus, doch der 32-Jährige geht als Sonderfall durch. Nach einer der schwersten Verletzungen überhaupt, einem Achillessehnenriss im Jahr 2017, schuftet er unermüdlich für ein Comeback, muss aber alle paar Monate Rückschläge wegstecken. „Er ist nicht mehr der Allerjüngste“, sagt Baumann, „bei einer so langen Verletzungspause können auch immer Sachen dazwischen kommen, die mit der ursprünglichen Verletzung nichts zu tun haben.“

Andere Stelle bei Rashica

Für Irritationen sorgte hingegen die schwere Oberschenkelverletzung von Milot Rashica, der am ersten Spieltag gegen Düsseldorf verletzt vom Feld musste und in der Trainingswoche zuvor bereits wegen muskulärer Beschwerden ausgesetzt hatte. Hierzu betont Baumann: „Rashica hat die Verletzung jetzt an einer anderen Stelle, es ist nicht der Muskel, der vorher im Training Probleme machte. Aber das kann natürlich zusammenhängen, weil man den Körper anders belastet, wenn man Probleme an einer Stelle spürt.“ Solche Verletzungen sind jedoch Alltag im Profifußball, gerade bei sprintstarken Spielern.

Dass Augustinsson nun doch am Knie operiert werden musste, ist einer alten Verletzung aus Teenager-Tagen geschuldet. "Bei ihm bestand die berechtigte Hoffnung, dass er sein Bein durch Ruhe statt Belastung wieder vernünftig aufbauen kann“, erläutert der Sportchef, „es ist normal, dass man möglichst lange versucht, eine erneute Operation zu vermeiden und man lieber erst mal auf eine konservative Behandlung setzt.“

„Nichts Unvernünftiges zu erkennen“

Baumann und Kohfeldt haben mit ihren engsten Mitarbeitern jeden einzelnen Fall analysiert, einen Zusammenhang konnten sie nicht finden. Solche Zusammenhänge werden aber in Werders Umfeld diskutiert und vor allem im Internet verbreitet. „Es gab auch den Vorwurf an uns, die längeren Ausfallzeiten wären uns bei einigen Spielern bekannt gewesen“, sagt Baumann und wehrt auch das mit Argumenten ab: „Es gibt für uns aber gar keinen Grund, eine kürzere Ausfallzeit zu kommunizieren, als sie tatsächlich sein soll. Das ergibt doch gar keinen Sinn. Wir geben es immer so an, wie es zu diesem Zeitpunkt realistisch ist. Aber wie bei jedem Heilungsprozess kann es im Laufe der Zeit Veränderungen geben.“ Es sei ohnehin die Ausnahme, „dass wir in Deutschland jede Verletzung so detailliert bekannt geben“. Im Ausland heiße es oft nur, ein Spieler habe etwas am Knie oder am Oberschenkel; dort höre man aber nie etwas von einer Bänder- oder Kapselverletzung. Baumann: „Die Diagnose oder die Ausfallzeit werden dort gar nicht kommuniziert.“

Mit Blick auf die eigenen Abläufe bei Werder zieht Baumann ein beruhigendes, aber wenig hilfreiches Fazit: „Es wird bei uns sehr viel auf Regeneration geachtet, insgesamt ist nichts Unvernünftiges zu erkennen.“ In diesem Fall wäre das Gegenteil vielleicht besser. Denn dann hätte Werder angesichts der Ausfälle wenigstens einen konkreten Anhaltspunkt, was man verbessern könnte.


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