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„Das routinierte Talent“

(wkf) 21.07.2019 0 Kommentare

(Archiv WESER-KURIER)

Der WESER-KURIER schrieb am 22. Juli 2014:

Einerseits, sagt Nils Petersen, sei der Neue ein sehr netter Typ. Andererseits sei er aber auch ziemlich unangenehm. Der Neue, das ist Fin Bartels – und dass Petersen, sein Teamkollege bei Werder Bremen, ihn so unterschiedlich beurteilt, hat einen einfachen Grund: Bartels wirkt auf dem Platz ganz anders als jenseits des Rasens. Bei der Saisonabschlussfeier seines früheren Klubs FC St. Pauli im Mai trugen alle Spieler Trikots mit Tarnnamen. Bartels ging als „Two-Face“. Als der Mann mit den zwei Gesichtern.

Privat ist Bartels zurückhaltend, ja: introvertiert. Auf dem Platz, das sagt er selbst, „ist das alles ein bisschen anders“. Petersen erlebt diesen Unterschied zum einen in der Kabine, wo er vorher neben Marko Arnautovic und Ludovic Obraniak gesessen hat – und nun Bartels neben sich hat: „Da hab‘ ich jetzt einen sehr netten Banknachbarn.“ Zum anderen sieht er, wie Bartels im Training im Zillertal agiert: „Er macht wenig Fehler am Ball, er hat eine extrem enge Ballführung. Wenn ich Verteidiger wäre, wäre er für mich ein total unangenehmer Gegenspieler.“ Es scheint, als falle der Offensivspieler Bartels durch alle Raster, die der Profifußball kennt. Er ist der lebende Beweis dafür, dass es auch in der arg genormten Kickerbranche noch schräge Ansätze gibt – und dass nicht jeder Spieler einen von A bis Z durchgestylten Karriereplan braucht.

Bartels ist 27 Jahre alt, aber er ist immer noch eine Art Neuling in der Bundesliga. Er ist schon ein Routinier, aber er spricht noch tastend und vorsichtig wie ein Talent. Das klingt dann so: „Ich freue mich einfach auf die Einheiten hier. Ich werde mich voll reinhängen und alles aufsaugen.“ Bartels ist gewiss der ungewöhnlichste Zugang seines Klubs für die kommende Saison – egal wer jetzt noch kommt.

Eigentlich sucht Werder ja sogenannte Mehrwertspieler: junge Hochbegabte, die für kleines Geld kommen, ein paar Jahre ganz Bremen begeistern und dann für großes Geld wieder gehen. Bei Bartels ist die Chance, dass er demnächst vom FC Bayern oder Real Madrid abgeworben wird, eher gering – schon wegen seines Alters. Trotzdem können, wie es aussieht, durch seinen Transfer zu Werder beide Seiten nur gewinnen: Bartels, der schon zwei Mal je ein Jahr lang in der Bundesliga gespielt hat, bekommt nun seine dritte und vielleicht letzte Chance, sich in der Erstklassigkeit zu etablieren. Und sein neuer Verein bekommt ablösefrei einen Spieler, der offensiv flexibel einsetzbar ist – und trotzdem niemals meckern würde, wenn sein Stammplatz am Ende auf der Ersatzbank ist.

Wo Bartels in der Mannschaftshierarchie anzusiedeln ist, mag Trainer Robin Dutt noch nicht einschätzen. Aber er deutet an, dass die Vielseitigkeit des Neulings sein Vorteil werden könnte. „Leute wie Fin Bartels haben wir geholt, um die Konkurrenzsituation breiter aufzustellen“, sagt Dutt. Im Herbst vergangenen Jahres habe sein Team sehr darunter gelitten, viele Verletzte zu haben – und keinen gleichwertigen Ersatz. Nun sei Bartels da und könne im Mittelfeld wie im Angriff einspringen, immer da, wo er gerade gebraucht wird. Vielleicht wächst er ja sogar zur Stammkraft heran. Angreifer Petersen jedenfalls hat beobachtet, dass Bartels eine Qualität mitbringt, die Werder zuletzt gefehlt hat: „Er stößt immer wieder vorne mit rein.“ Bei anderen Mannschaften hätten viele Mittelfeldspieler durch konsequentes Nachrücken Treffer erzielt, so Petersen. Bei Werder habe das gefehlt: „Das war immer unser Problem letzte Saison: dass wir bei Hereingaben von außen maximal allein oder zu zweit drinnen waren.“ Im Trainingslager im Zillertal zeigt Bartels bei den täglichen Spielchen schon, dass er einen guten Überblick hat. Er glaubt, seine Erfahrung helfe ihm dabei, im richtigen Moment das Richtige zu tun.

Vier Mal ist Bartels in seiner Karriere abgestiegen. „Natürlich liest man das nicht gerne in der Vita“, gibt er zu. Aber er habe aus diesen Niederlagen gelernt. „Wir waren immer ein bisschen grün hinter den Ohren. Wir haben uns manchmal als Mannschaft eine Saison leichtfertig kaputtgemacht“, sagt Bartels. Er und seine damaligen Kollegen von St. Pauli und Hansa Rostock haben zu oft viel riskiert und wenig gewonnen. Jetzt weiß Bartels, „dass man in gewissen Situationen vielleicht cleverer sein muss“. Und dass der sichere Weg manchmal der bessere ist.

Klingt, als könne das was werden mit dem Neuling aus der Zweiten Liga. Ein bisschen, merkt Trainer Dutt an, müsse Bartels sich noch an das Tempo gewöhnen. Aber ansonsten sei er sportlich voll auf der Höhe: „Der muss keinen Durchbruch mehr schaffen. Der hat ein Leistungsniveau, das absolut gut ist. Wir sind jetzt schon froh, dass wir ihn geholt haben.“ Und die vier Abstiege? Sind die nicht doch ein Zeichen dafür, dass dieser Fin Bartels in seiner Karriere zu oft zur falschen Zeit am falschen Ort war? Das glaubt er nicht. Er lacht und sagt: „Ich hab' ja jetzt fast eine Erfolgsstory: drei Jahre hintereinander nicht abgestiegen.“ Sein Ziel ist klar: „Bis an mein Karriereende keinen Abstieg mehr.“ Bartels betont, er sei „felsenfest davon überzeugt“, dass er dieses Ziel erreicht.

Das hochauflösende PDF der originalen Zeitungsseite von damals gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).


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