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Die Bundesliga-Kolumne
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Der etwas andere Karnevalsverein

Christian Stoll 29.03.2019 0 Kommentare

(Weser-Kurier)

Eine bessere Bezirkssportanlage war das damals zu meinen Studienzeiten in Mainz. September 1995, Stadion am Bruchweg (nomen est omen!), gewaltige 8400 Zuschauer, Pokal gegen Werder, ein Dreckskick der übelsten Sorte bei Dauerregen. Ein gewisser Bestschastnych, Wladimir, erlöste uns kurz vor dem Ende mit dem Tor zum 3:2 für Werder. Ein gewisser Klopponowitsch, Jürgenus, hatte ein paar Jahre zuvor den 3:1-Ehrentreffer für die Meenzer im Weserstadion erzielt. Vor unglaublichen 4900 schier orgastischen Fans, darunter 05 mitgereisten 05ern. Nie zuvor und nie wieder danach hat der Verteidiger Jürgen Klopp irgendetwas getroffen außer Möbelwagen und die freilich goldrichtige Entscheidung, Trainer werden zu wollen.

So war das damals, und aus dem 1. Fußballsportverein Mainz 05 hat die Republik einen Karnevalsverein gemacht. Was wahr war und ist und zum Eigenverständnis dieses Klubs gehört. Es gibt halt ein paar Vereine, die mit ihrer DNA gefühlt anders sind als die anderen. Freiburg gehört dazu, wir und Mainz 05. Selbst als die Rheinhessen zum gefühlt sechsten Mal in Folge nicht in Liga eins aufgestiegen waren, wurde gesungen: „Isch wollt isch wär een Botterblum un ständ am Wech na Gunsenuum“. Auf dem Weg vom Zentrum nach Mainz-Gonsenheim, wo viele Spieler wohnten und wohnen, standen nämlich zwei wesentliche Dinge: das alte Stadion und das BMW-Autohaus, in dem ein gewisser Christian Heidel eigentlich Geschäftsführer war, in Wahrheit aber mit dem allmächtigen FDP-Stadtrat Harald Strutz am neuen FSV baute. Der war spätestens da, als das kleine Mainz europäische Spiele sah, an der Seitenlinie der Werder-Fan Thomas Tuchel den Werder-Freund Jürgen Klopp ablöste und das neue Stadion am Europakreisel wegen des Widerstandes der Umweltkeifer („Frischluftschneise“) tiefer gelegt werden musste. Mainz war in den Schlagzeilen und kam da so leicht nicht mehr raus.

Die gute alte Zeit in der Vereinsgaststätte „Haasekessel“ hatte es hinter sich. Erst musste Strutz wegen, sagen wir, finanzieller Ungenauigkeiten gehen, dann hatte dessen stets rothosiger Nachfolger Johannes Kaluza die famose Idee zwecks Imagegewinn die Profis mit Fans trainieren zu lassen, schließlich hob Christian Heidel ab zu S04. Mainz war nicht mehr Mainz. Zwei absolut geerdete Typen mussten die Stellschraube 05 wieder in die richtige Richtung drehen: der Ur-Meenzer Sandro Schwarz und der kantige Sauerländer Rouven Schröder. Letzterer sagte jüngst der „11 Freunde“ einen Satz, der im beschaulichen Mainz Anlass gibt zum Nachdenken: “Wir sind nicht mehr die kleinen Mainzer“. Angesichts von 140 Millionen Euro Umsatz so wahr wie gewagt. Denn viele dort am Rhein sind gerne nicht so groß, Mainzelmännchen eben. Mahlzeit!

Christian Stoll (58)

ist seit 1996 Stadionsprecher von Werder Bremen im Weserstadion. Im wöchentlichen Wechsel mit Thomas Eichin, Jörg Wontorra, Lou Richter und Klaus-Dieter Fischer schreibt Christian Stoll in unserer Zeitung, was ihm im Bundes­liga-Geschehen aufgefallen ist.

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