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Zu Werders Teamgeist kommt Konkurrenzkampf
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Der ideale Zeitpunkt

Jean-Julien Beer 05.10.2019 2 Kommentare

Es wird hart gearbeitet, aber auch gelacht: Trainingseindrücke bei Werder mit Nuri Sahin, Ömer Toprak und Florian Kohfeldt.
Es wird hart gearbeitet, aber auch gelacht: Trainingseindrücke bei Werder mit Nuri Sahin, Ömer Toprak und Florian Kohfeldt. (nordphoto)

Florian Kohfeldt rechnet mit dem Schlimmsten. Nicht beim Spiel in Frankfurt. Sondern vor dem Abflug in die Bankenmetropole. „Ich befürchte, dass sie singen werden“, sagt der junge Trainer über seine Spieler. Denn an diesem Sonnabend wird er ein Jahr älter, 37 ist er dann immerhin. Damit bleibt er hinter dem 32-jährigen Julian Nagelsmann (RB Leipzig) der zweitjüngste Trainer der Bundesliga, doch Welpenschutz gibt es in Werders Kabine nicht. Die Spieler werden ihm inbrünstig ein Ständchen singen, und das beherrschen sie deutlich schlechter als das Fußballspielen. „Das ist nicht immer schön, so ein Männerchor“, weiß Kohfeldt. Ein Geschenk erwartet er nicht. „Es ist eher anders herum", erklärt er, „wer Geburtstag hat, muss liefern. Ein Essen zum Beispiel. Oder ein Stück Kuchen mit Zucker, das ist ja rar in so einer Kabine. Da kann man vielen eine Freude mit machen.“

Doch nicht nur wegen seines Geburtstages hält dieses Wochenende besondere Gefühle für Kohfeldt bereit. Vor beinahe zwei Jahren erlebte er in Frankfurt sein allererstes Spiel als Bundesligatrainer. Jetzt geht es wieder in diese stimmungsvolle Arena. „Das ist für mich ein besonderes Stadion, und das wird auch immer so sein“, betont Kohfeldt wegen seines Debüts 2017, das er mit 1:2 verlor. In diesem Kosmos Bundesliga, sagt Werders Trainer, passiere im Alltag so viel, dass es für ihn durchaus wichtig sei, auch mal kurz inne zu halten – und sich „selbst zu verdeutlichen, welches Privileg das ist, in diesem Beruf und in dieser Liga arbeiten zu dürfen. Und wie viel Spaß einem das auch macht, da darf man sich nicht auffressen lassen.“

Alles, was man für den Erfolg braucht

Doch diese Gefahr besteht bei ihm ohnehin noch nicht. Wer Kohfeldt seit dem unerwarteten, aber verdienten 2:2 in Dortmund erlebt, der sieht wieder einen Trainer, der vor lauter Erfolgshunger eher selbst die ganze Bundesliga auffressen könnte. Vor zwei Wochen war das noch anders, nach den schweren Verletzungen von Yuya Osako und Niclas Füllkrug wirkte auch Kohfeldt kurzzeitig am Boden zerstört, all die schönen Visionen und Ziele schienen zerfleddert zu werden von immer neuen Ausfällen. Doch letztlich holte Werder aus den jüngsten vier Begegnungen gegen Augsburg, Union Berlin, Leipzig und Dortmund respektable sieben Punkte. „Das ist eine sehr gute Ausbeute“, sagt Kohfeldt und sieht darin die Basis für einen erfolgreichen Rest dieser Saison: „Wenn es neben der Punktausbeute etwas Positives aus dieser schweren Phase mit den vielen Ausfällen gibt, dann ist es der Zusammenhalt, der daraus entstanden ist. Es war ja keine normale Zeit, phasenweise haben wir nur noch mit zehn Mann trainiert. Das hat einen Teamgeist heraufbeschworen.“

Jetzt gehe es darum, dieses Gefühl in die nächste Saisonphase mitzunehmen. Denn nun kommen die Verletzten und damit Qualität zurück, dadurch entsteht erstmals in dieser Saison ein Konkurrenzkampf um die Plätze in der Startelf. Damit habe Werder nun „all das, was man braucht, um erfolgreich zu sein“, meint der Trainer. „Wenn wir diesen Zusammenhalt beibehalten, hat die schwere Phase zu Beginn der Saison einen Riesen-Mehrwert für den Rest der Saison“, glaubt Kohfeldt, und schickt einen warnenden Gruß an die Konkurrenz: „Dann wäre ich sehr vorsichtig, uns schon zu früh abzuschreiben.“

Frankfurt ist ein Gegner auf Augenhöhe

Zu diesen Konkurrenten gehört auch Frankfurt. Wie Werder taumelt die Eintracht nach sechs Spieltagen durchs hintere Mittelfeld der Liga, das Ergebnis aus dem direkten Duell am Sonntagabend könnte Aufschluss darüber geben, wer leichter Anschluss ans vordere Tabellendrittel hält. „Frankfurt und danach Hertha BSC: Das sind Mannschaften, die sich grundsätzlich in unserem Dunstkreis bewegen“, weiß Kohfeldt und macht diese Rechnung auf: „Augsburg und Union waren Spiele, da sollte man punkten. Gegen Leipzig und Dortmund wollen wir immer punkten und manchmal gelingt uns das auch. Aber Frankfurt und Hertha, das sind die Spiele auf Augenhöhe. Deshalb ist es nicht ohne Bedeutung, dort Punkte einzufahren.“

So betrachtet kommt der neue Konkurrenzkampf im Kader zum idealen Zeitpunkt. Mit Ömer Toprak ist ein Führungsspieler wieder fit, auch die lange verletzten Abwehrspieler Sebastian Langkamp und Milos Veljkovic sind näher ans Team gerückt. Nach quälenden Wochen hat Kohfeldt nun plötzlich die Qual der Wahl. „Das sind schöne Momente, aber auch ungewohnte Probleme, zumindest in dieser Saison“, sagt der Trainer. Auch wenn gesetzte Führungskräfte wie Toprak oder die demnächst zurückkehrenden Niklas Moisander und Yuya Osako „einen kleinen Bonus“ hätten, fordert Kohfeldt nun eine Wettkampfmentalität ein: „Denn Fakt ist auch: Die, die jetzt gespielt haben, die haben das richtig gut gemacht. Ich hoffe sehr, dass sie sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass sie wieder aus der Startelf müssen.“

Kohfeldt: „Genau so muss es sein“

Nach den Eindrücken der letzten Tage gebe es einen sehr gesunden Konkurrenzkampf, berichtet der Trainer. Deshalb gehe er „sehr entspannt“ mit der Frage um, was die Rückkehr der Verletzten für das Gesamtkonstrukt bei Werder bedeute. „Den Kampf merkt man auch im Training“, erzählt Kohfeldt, „das ist wirklich Konkurrenzkampf, und dann gehst du zehn Minuten später rein und schaust mal mit einem Auge in die Kabine, und dann ist das ein Team. Genau so muss es sein. Da wird keiner dem anderen etwas neiden. Aber jeder wird es mir so schwer wie möglich machen. Das ist eine sehr gute Situation für uns.“ Passenderweise ist die Eintracht der erste Gegner, der das zu spüren bekommen soll.


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