„Der Profi-Fußball wird in eine Ecke gedrängt“

Der Ton wird rauer zwischen der Bremer Politik und dem Profifußball. Werders Manager Frank Baumann wehrt sich im Interview und sagt: „Man sollte den Fußball nicht für seinen Optimismus beschimpfen.“

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Kämpft für seinen SV Werder: Geschäftsführer Frank Baumann.

Herr Baumann, wie überrascht waren Sie, dass Innensenator Ulrich Mäurer am Freitag in einer Pressekonferenz den Antrag von Werder Bremen aufgriff, eine Genehmigung für den Trainingsbetrieb ab Montag zu erhalten?

Frank Baumann: Es war klar, dass es in dieser Pressekonferenz um Details neuer Regelungen für die Kontaktsperre gehen würde, deswegen haben wir interessiert zugesehen. Aber wir waren dann schon überrascht, dass unser Antrag dort ungefragt überhaupt thematisiert wurde, obwohl die Entscheidungsfindung des Innensenators gar nicht abgeschlossen war. Das war unnötig.

Auf was wollen sie hinaus?

Herr Mäurer liest in dieser Pressekonferenz einen kurzen Teil aus unserem mehrseitigen Antrag vor, ohne sich seit der Antragstellung mit uns abzustimmen und behauptet Dinge, die überhaupt nicht stimmen. Es stimmt nicht, dass es einen Beschluss der DFL gibt, dass ab dem 2. Mai wieder gespielt werden soll. Es stimmt nicht, dass die DFL die Klubs aufgefordert hat, wieder mit dem Training zu beginnen. In meiner Wahrnehmung wird der Profifußball hier in Bremen in eine Ecke gedrängt, die er nicht verdient hat.

Wie meinen Sie das?

Durch die Aussagen, dass der Fußball eine Sonderstellung beanspruche, wird suggeriert, dass wir den Ernst der Lage nicht erkannt haben und die Gesundheit der Allgemeinheit aufs Spiel setzen. Dies ist nachweislich falsch. Wir haben bereits im Februar sehr klare Verhaltensregeln bei unserer Mannschaft kommuniziert und umgesetzt. Einige Wochen bevor die Kontaktsperre der Bundesregierung in Kraft getreten ist, haben wir zum Beispiel Selfies und Autogramme mit unseren Fans untersagt und trainieren seit über drei Wochen nur noch individuell. Die DFL hat in jeder Stellungnahme in den letzten Wochen darauf hingewiesen, dass wir immer die Vorgaben der Behörden umsetzen werden – und die zuständigen Behörden entscheiden, wann und wie wir in den Trainings- und Spielbetrieb zurückkehren. Immer unter dem Gesichtspunkt, dass man sich im Rahmen der bestehenden Anordnungen bewegt und die Bevölkerung bestmöglich schützt. 

Was hätten Sie sich gewünscht?

Wir haben auch auf Wunsch der Behörden einen Antrag auf Training in Kleingruppen zum Zweck der Berufsausübung gestellt, den wir auf mehreren Seiten sehr gut begründet haben, in dem wir viele Maßnahmen aufgezeigt haben, um eine Ansteckung zu vermeiden. Unter anderem haben wir sehr deutlich gemacht, dass wir die Abstandsregeln einhalten werden. Es würden keine Spielformen mit körperlicher Nähe auf dem Plan stehen, keine Zweikämpfe. Wir schicken so einen Antrag ja auch nicht anonym in die Post, sondern dafür gibt es Vorgespräche. Und in solchen Vorgesprächen ist der Tonfall immer ein ganz anderer. Wir würden auch jede Entscheidung des Senats akzeptieren, allerdings fand ich in diesem Fall die Art und Weise der Kommunikation suboptimal. An anderen Bundesliga-Standorten hat die Politik nach den Anträgen der Klubs den direkten Austausch mit den Verantwortlichen gesucht und sinnvolle Lösungen für Trainingseinheiten in Kleingruppen gefunden. Diesen Austausch über die Inhalte unseres Antrags hätte ich mir hier ebenfalls gewünscht. Bei anderen Themen funktioniert dieser Austausch ja auch.

Welche Themen meinen Sie?

Wir sitzen so oft mit der Bremer Politik oder sozialen Institutionen in Bremen zusammen. Wir produzieren jetzt Videos, um den Ausfall von Sportstunden auszugleichen und Kinder zu Hause zu beschäftigen. Mit Vertretern des Sozialressorts und Bremer Trägern stehen wir in engem Austausch, wie wir die Obdachlosen-Versorgung in diesen Zeiten bestmöglich unterstützen können. Mit dem Deutschen Roten Kreuz bereiten wir eine große Blutspende-Aktion im Weserstadion vor. Mit Kristina Vogt, Ulrich Mäurer und Anja Stahmann suchen wir nach Lösungen, wie wir unsere gemeinsame Bremer Weser-Stadion GmbH durch diese Krise führen. Wir nutzen unsere Kanäle, um alle Botschaften, die die Bundesregierung an die Bevölkerung weitergeben möchte, positiv zu verstärken. Auf vielen Ebenen arbeiten wir zum Wohle Bremens mit der Stadt partnerschaftlich zusammen. Immer herrscht ein kritischer, aber konstruktiver und partnerschaftlicher Umgang. Und deswegen sind wir über diese regelmäßigen öffentlichen Auftritte von Herrn Mäurer mit dieser so negativen Haltung gegenüber dem Profifußball so irritiert.

Eine Entscheidung über den Antrag von Werder ist ja auch noch gar nicht gefallen, sondern sie wurde vertagt.

Das kommt noch hinzu. Wir wurden öffentlich bloßgestellt, aber der Antrag wurde nicht abgelehnt. Richtig ist, dass mittlerweile einige Bundesländer unserer Argumentation gefolgt sind und eine Genehmigung zum Gruppen- und teilweise auch Mannschaftstraining zum Zwecke der Berufsausübung aufgrund der ­bestehenden Rechtsverordnung erhalten ­haben. 

Warum hat Werder selbst den Antrag vorher nicht öffentlich gemacht?

Warum sollten wir eine solche Sachfrage über die Öffentlichkeit klären? Wir stellen einen Antrag bei einer Behörde, warten auf die Antwort und halten uns dann wie bisher auch an die Vorschriften. 

Was passiert denn, wenn Sie bis Montag keine Rückmeldung des Senats bekommen?

Dann werden wir im Gegensatz zu vielen anderen Mannschaften weiterhin individuell trainieren. 

Würden Sie sich eine bundesweit einheitliche Lösung wünschen? 

Wir leben in einem föderativen System, das hat Vor- und Nachteile. Herr Mäurer hat zurecht auf eine bundeseinheitliche Lösung hingewiesen. Dies ist vom ersten Tag der Krise auch der Wunsch der DFL und von Werder gewesen, damit es eben nicht zu diesen Wettbewerbsnachteilen kommt, die wir leider jetzt wieder erleben. 

Sollte Werder bis nach Ostern nicht trainieren können, wäre dann ein Liganeustart im Mai überhaupt noch machbar?

Wir werden auch in nächsten Wochen so gut trainieren, wie es die behördlichen Auflagen hergeben. Unsere Mannschaft hatte jetzt seit vier Wochen kein Pflichtspiel mehr und fast genau so lange kein gemeinsames Training. Somit wird man mindestens drei Wochen Mannschaftstraining vor dem ersten Spiel benötigen. Die DFL möchte die Entscheidung der Bundesregierung an Ostern abwarten und dann weiter auf Sicht fahren. Wenn es einen Wiedereinstieg in die Saison geben wird, dann werden wir das Beste aus der Situation machen und viel Leidenschaft zeigen. Dann wollen wir auch alle beweisen, dass wir sportlich erstklassig sind.

Ist es nicht doppelzüngig von Werder, öffentlichkeitswirksam mit „Stay-at-home“-Trikots zu agieren, dann aber einen Antrag auf Training zu stellen?

Bei einer oberflächlichen Betrachtung kann dieser Eindruck entstehen. Aber ich sehe keinen Widerspruch. Unser aller Interesse ist es, diese Krise bestmöglich zu meistern und dazu gehört, dass sich die Gesellschaft diese Kontaktsperre auferlegt und sie auch bestmöglich einhält. Und damit hat zum Beispiel der SV Werder Bremen begonnen, lange bevor es behördliche Regelungen gab. Wir trainieren seit fast vier Wochen nicht mehr als Team, wir haben vorher schon die Fans aufgefordert, nicht den Kontakt zu den Spielern zu suchen, wir haben Trainingseinheiten ins Stadion verlegt, um Besucherverkehr zu vermeiden. Und jetzt engagieren wir uns mit großer Leidenschaft für die Aufklärung, pushen jede Nachricht der Bundesregierung, bestücken unsere reichweitenstarken Portale mit entsprechenden Botschaften und zeigen auch, dass unsere Profis – wie alle anderen Bremer auch – zu Hause bei ihren Familien bleiben müssen. Nur für eine sehr kleine Gruppe, die ihren Beruf ausüben muss, damit ein wichtiges Bremer Unternehmen und damit Hunderte Arbeitsplätze nicht verloren gehen, haben wir einen Antrag auf eine praktikable Lösung gestellt. Der Fußball sucht hier keinen Sonderweg, der Fußball sucht Lösungen, die es zum Beispiel auch in der Baubranche gibt. Deswegen hat die DFL mit dem DFB eine „Medizin Task Force“ gegründet, die im engen Austausch mit der Bundesregierung steht. 

Mäurer kritisiert, dass der Profifußball ähnlich wie lange Zeit das IOC nicht den Ernst der Lage verstanden habe. Wie finden Sie diesen Vergleich mit den inzwischen um ein Jahr verschobenen Olympischen Spielen?

Ich möchte mich an diesem verbalen Spitzen zwischen Herrn Mäurer und der DFL nicht beteiligen. Das führt doch zu nichts. In dieser Zeit muss jeder, der Verantwortung trägt, schwere Entscheidungen treffen und Risiken abwägen. Ich habe vor jedem in der Verantwortung stehenden Politiker, Manager und Vereinspräsidenten in diesen Zeiten großen Respekt. 

Auch Geisterspiele kann sich Innensenator Mäurer weiterhin kaum vorstellen. Von denen hängt aber offenbar die Existenz vieler Bundesligavereine ab. Gab es darüber von Vereinsseite doch keinen vernünftigen Austausch mit dem Innensenator? Und wie stehen Sie zu Geisterspielen in Bremen?

Natürlich tauschen wir uns darüber aus. Und es ist doch auch so, dass wir uns zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls keine Spiele ohne Zuschauer vorstellen können. Da gibt es keinen Konflikt. Wir reden alle über eine Zeit, in der sich die Lage entspannt hat. Und keiner weiß, wann das sein wird. Aber der Bürgermeister und der Innensenator blicken auch nur bis zum 19. April und bewerten die Lage dann neu. Und genau so verfährt der Fußball auch. Die Spiele ohne Zuschauer kommen erst in einer Zeit in Frage, in der wieder Lockerungen der Kontaktsperre möglich sind, vielleicht die Schulen wieder geöffnet sind. Irgendwann wird diese Zeit kommen und man sollte den Fußball nicht für seinen Optimismus beschimpfen, dass es vielleicht im Verlaufe des Monats Mai soweit sein könnte.

Viele Fans haben den Eindruck, dass Werder in all diesen Fragen gerade mal wieder zwischen die ohnehin durch den Polizeikostenstreit verhärteten Fronten von DFL und Bremer Senat gerät. Wie sehen Sie es?

Ich möchte diese Themen nicht vermengen. Es ist jetzt nicht die Zeit, unsere unterschiedlichen Haltungen zum Thema Polizeikosten zu thematisieren.

Was sagen Sie zu den Gerüchten, dass Werder zu den Vereinen gehört, die in absehbarer Zeit von der Insolvenz bedroht wären, sollte es keine Geisterspiele geben?

Wir haben, wie viele andere Vereine auch, eine sehr große Herausforderung zu stemmen. Wir sind aber optimistisch, dass wir mit unseren fantastischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, unseren Partnern, unseren Fans, unseren Ideen, unserem Fleiß und unserer Leidensfähigkeit diese Krise überstehen und Werder auch in Zukunft seinen gesellschaftlichen Platz in der Region und seinen sportlichen Platz in der ersten Liga behaupten wird.

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