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Die Bundesliga-Kolumne von Lou Richter
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Die Grenzen des Wachstums

Lou Richter 03.05.2019 1 Kommentar

(Mein Werder)

„Möönsch, du bist aber groß geworden!“ Haben wir nicht alle diesen Satz früher mal gehört, von der dicken Tante? Oder ihn sogar neulich selbst gesagt, zu dem frechen Neffen? Wenn ich mir Werders Mannschaft am Ende dieser Saison anschaue, kommt der Gedanke: Das Team ist ganz hübsch gewachsen. Selbst wenn in den drei ausstehenden Partien kein einziger Punkt dazukommt, steht unterm Strich die beste Saison seit neun Jahren.

Null Abstiegsangst, dafür immer noch der trotzige Sehnsuchtsblick nach Europa. Im Pokal konnten Kohfeldt, Kruse und Kumpanen auf dem Weg nach Berlin lediglich von der besten Bundesliga-Mannschaft und einem schlechten Schiedsrichter aufgehalten werden.  

Wohin kann Werder wieder wachsen? Zu einem Koloss mit der Champions League im Abo wie im seligen Nuller-Jahrzehnt reicht's nicht – dazu fehlen die nötigen Hormone. Die Elite wird immer elitärer, die Reichen werden auch im Fußball immer reicher. Werder ist reich an Fans, Tradition und Werten. Aber Glaube, Liebe, Hoffnung schießen keine Tore. Geld auch nicht, aber Geld kauft herausragende Spieler. Aktuell haben elf Vereine der Bundesliga einen höheren Kadermarktwert als die Bremer, bei sechs davon ist er mindestens doppelt so hoch (Quelle: transfermarkt.de). Da darf der grün-weiße Anhang mit einer Platzierung in der oberen Tabellenhälfte schon mal zufrieden sein. Er, sie und es sollten aber nach oben gucken, denn das ist das Wesen des Sports: Wettbewerb mit dem Streben nach Verbesserung.

Frankfurt als Vorbild

Eintracht Frankfurt macht es vor: 2016 fast abgestiegen, 2018 Pokalsieger, 2019 momentan Bundesliga-Vierter und im Halbfinale der Europa League gegen Chelsea. Die Londoner haben übrigens einen mehr als dreimal höheren Kaderwert. Was dem Hessen recht ist, kann dem Hanseat billig sein. Wachstum ist machbar: mit einer pfiffigen Kaderzusammenstellung für ein Team, das als Gruppe funktioniert (denn Team steht nicht für „Toll, ein anderer macht's!“). Mit einem Trainer, der den Angestellten in den kurzen Hosen nicht nur Beine macht, sondern ihnen auch den Kopf wäscht, damit die „Jungs“ sauberer ticken.

Trainer Florian Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann haben in dieser Saison Werders Wende vom Abstiegs- zum Europa League-Kandidaten geschafft. Sie haben eine Mannschaft mit strukturierter Ordnung, klaren Spielideen und selbstverständlicher Hierarchie erarbeitet.

Im Gegensatz zu Vereinen mit tieferen Taschen herrscht bei Werder eine unaufgeregte Kontinuität. Die ist nötig, wenn am künftigen Wachstum gebastelt wird, zum Beispiel an der Verjüngung des Kaders. Neun Spieler sind älter als 30 Jahre, die deutsche Meisterschaft der Alten Herren wird wohl kaum angestrebt. Und: Was kommt, wenn Kruse geht?

Dabei ist das Heute schon spannend genug. Nach 14 Spielen ohne Niederlage ging's zuletzt dreimal schief. Die kurzfristige Zukunftsplanung ist klar: dem BVB heute nach dem Pokal neulich auch die Meisterschaft vermasseln. Dann in Hoffenheim gegen einen direkten Konkurrenten nach Europa abbiegen. Schließlich im Endspurt gegen das vom kommenden Pokalfinale umnebelte Leipzig mindestens den siebten Platz einsacken. Leicht geschrieben, schwer zu machen. Wenn's nicht klappt: entgangener Gewinn ist kein Verlust. Sondern nur die Grenze des Wachstums.

Lou Richter (58)

wurde dem TV-Publikum durch die Moderation der Sat.1-Sportsendung „ran“ bekannt. Im wöchentlichen Wechsel mit Jörg Wontorra, Thomas Eichin, Christian Stoll und Klaus-Dieter Fischer schreibt er für Mein Werder, was ihm im Bundesliga-Geschehen aufgefallen ist.


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