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Die Bundesliga-Kolumne von Christian Stoll
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Die Stadt Leipzig atmet Fußball-Tradition

Christian Stoll 21.12.2018 0 Kommentare

(Mein Werder)

Ganz ehrlich: Ich bin Mittwochabend auf der Tribüne fast ausgerastet, hätte unseren wendigen Rapido, den kleinen Schnellzug aus dem Kosovo, Werders Nummer 11, gern nach Prizren oder Pristina verwunschen, aber wahrscheinlich wird er Weihnachten ja sowieso da sein. Und haben nicht auch „Anneliese“ Görts, Rudolf Völler oder Goncalves da Silva mal Hundertprozentige daneben gemacht? Und der Junge ist erst 22! Also sorry, Milot Rashica, wird wieder vorkommen, bei Dir und bei mir, aber ist das nicht herrlich, diese Aufregung, diese Emotion, diese mutige Mannschaft?

Das war – danke auch an 1899 Hoffenheim – in weiten Teilen Spektakel-Fußball at its best und hinterher sagte Hoffe-Coach Julian Nagelsmann: Irgendwie sah es so aus, als hätten Flo und ich uns auf ein 4:4 geeinigt. Jener junge Herr Nagelsmann, dessen Hemden-, Jacken- und Mantel-Kollektion zwar diskussionswürdig ist, der aber gemeinsam mit einem gewissen Florian Kohfeldt den Fußball spielen lässt, den die Leute mit Bluthochdruck, Herz- und Kreislaufschwäche gar nicht sehen wollen. Und der bald Rasenballer trainieren wird. Womit wir bei heute Nachmittag wären.

Erst Erfolge, dann Chaoten

Wer noch nie in Leipzig war, sollte mal dringend da hinfahren. Jetzt weniger wegen der Weihnachtseinkäufe, da kann man sich auch anderswo rumschubsen, nein, Leipzig atmet Fußball-Tradition. Am 28. Januar 1900 wurde dort der Deutsche Fußball-Bund gegründet, der VfB Leipzig stand bis 1914 ganze sechsmal im Endspiel, gewann 1903 den ersten offiziellen deutschen Titel. Nach der Gründung der DDR kämpften dann Chemie, Lok und Rotation um die Vorherrschaft am Karl-Heine-Kanal.

International freilich war Lok neben Magdeburg und Jena die große Nummer im DDR-Fußball, unsere Grün-Weißen können davon ein Lied singen. Uefa-Pokal 83/84, 2. Runde, 1:1 und 0:1 und raus. Nach der Wende war dann der VfB Leipzig auf einmal wieder da. In der Saison 93/94 gab es im Weserstadion ein 3:1 und im noch nicht umgebauten Zentralstadion ein 1:1. Am Ende der Serie stieg der VfB sang- und klanglos wieder ab. Danach machte Leipzig eigentlich nur noch durch zum Teil radikale Randale der verschiedenen Fan-Gruppen Schlagzeilen. Der Fußball, ob im Bruno-Plache-Stadion, beim Alfred-Kunze-Sportpark oder am Cottaweg war nur eine Bühne für Chaoten.

Zeit für andere Ergebnisse

Ich persönlich kenne Familien, die ihre Kinder genau deshalb nicht mehr zu Lok, Chemie oder Sachsen geschickt haben. Viele schauen sehr bewundernd und kaum neidisch auf das, was ein Brausekonzern da geschaffen hat. Natürlich auch um am Ende des Tages abzuschöpfen, aber zunächst einmal hat RB es geschafft, den familiären und friedlichen Leipziger Fußballfans eine neue Heimat zu geben. Und weil wir an der Weser ja gerade um ein neues Nachwuchsleistungszentrum in der Pauliner Marsch kämpfen: Vor Jahrzehnten war Werder mit seinem Wilhelm-Scharnow-Internat das große Vorbild, nun schaut alle Welt nach Leipzig, wo sie schätzungsweise allein für ihr NLZ so viel Geld investiert haben wie Drittligisten für ein neues Stadion.

Apropos Stadion: Für mich Groundhopper war es Ursünde, das „Stadion der Hunderttausend“ (Zentralstadion) abzureißen und in dessen Kern diese neue Arena zu setzen. Die müssen jetzt schon wieder erweitern, und wenn Nagelsmann da und Rangnick weg ist, dann hätte man die alte Bude auch schon fast voll. In Leipzig haben wir mittlerweile zweimal gespielt und zweimal verloren. Damit hat es an diesem Sonnabend ein Ende.

Christian Stoll (58)

ist seit 1996 Stadionsprecher von Werder Bremen im Weserstadion. Im wöchentlichen Wechsel mit Thomas Eichin, Jörg Wontorra, Lou Richter und Klaus-Dieter Fischer schreibt Christian Stoll bei Mein Werder, was ihm im Bundes­liga-Geschehen aufgefallen ist.


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