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Wo Werder nach dem 1:1 in Nürnberg steht
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Ein Lernprozess, der wehtut

Christoph Bähr 03.02.2019 3 Kommentare

(Nordphoto)

Florian Kohfeldt konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Der Werder-Trainer analysierte das 1:1 in Nürnberg mit ernstem Blick, lächelte deutlich weniger als sonst. Und doch war er merklich darum bemüht, nicht alles schwarzzumalen. Einmal rutschte ihm aber ein Satz raus, der ziemlich trostlos klang: „Wir sind Zehnter. Viel grauer geht es nicht, oder?“, fragte er beim Blick auf die Tabelle. Ist es tatsächlich so? Ist Werder eine graue Maus geworden? Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Nach dem 2:2 gegen Frankfurt wurden die Bremer schließlich noch für ihren spektakulären Spielstil gefeiert.

Was Werder allerdings gerade erlebt, sind die negativen Folgen, die ein ambitioniertes Saisonziel haben kann. Vor der Saison haben die Bremer verkündet, dass sie in den europäischen Wettbewerb wollen. Das war mutig und hat Werder zu Recht viel Lob eingebracht. Aber: Mit einem Mittelplatz und einem Remis beim Abstiegskandidaten Nürnberg ist dann eben auch niemand mehr zufrieden.

„Wir haben uns dieses Ziel am Anfang der Saison gesteckt, doch wir wollen nicht jede Woche darüber reden. Das ist ein bisschen langweilig“, sagte Mittelfeldspieler Davy Klaassen, um dann zu betonen: „Ich glaube immer noch daran, dass wir es schaffen können.“ Sportchef Frank Baumann erklärte, dass es wenig Sinn ergebe, ständig über Europa zu reden. Man solle lieber das Nürnberg-Spiel für sich bewerten. „Und das war zu wenig, egal welche Ziele man hat.“

Das stimmt jedoch nur bedingt. Hätte Werder nach Jahren des Abstiegskampfes einen gesicherten Mittelfeldplatz angestrebt, wäre die Mannschaft aktuell voll im Soll. Der Abstand zum Relegationsrang beträgt komfortable 13 Zähler. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lagen die Bremer nach dem 20. Spieltag auf ebenjenem Relegationsplatz 16, und der Abstieg drohte. Die Lage hat sich also deutlich verbessert, das sollte man nicht vergessen. Kohfeldt nahm daher das Nürnberg-Spiel zum Anlass, einmal zurückzublicken. „Die Entwicklung ging bis hierhin so rasant schnell. Ich muss uns allen zugestehen, dass wir noch lernen müssen“, sagte der Trainer und hielt fest: „Diese Entwicklung tut manchmal weh. Das war jetzt so ein Tag, der weh tut.“

Wieder so ein spätes Gegentor

Auch wenn Werder vor nicht allzu langer Zeit noch ein Abstiegskandidat war, hatte Kohfeldt aber sicherlich gehofft, dass seine Mannschaft in der Entwicklung schon einen Schritt weiter wäre. Diese Misere mit einem späten Gegentor hatte es schließlich in der Hinrunde schon gegeben: beim Hinspiel gegen Nürnberg, als der 1:1-Ausgleich in der 92. Minute fiel. Zum Rückrundenauftakt in Hannover schien es nun so, als hätten die Bremer daraus gelernt. Da schafften sie es, einen 1:0-Vorsprung über die Zeit zu retten. In Nürnberg verfielen sie jedoch wieder in alte Muster und kassierten laut Niklas Moisander „eine gefühlte Niederlage“.  „Wir waren nicht clever genug. Wir dürfen solche Aktionen kurz vor Schluss nicht mehr zulassen“, bemängelte Sportchef Frank Baumann.

Genau diese Cleverness ist es, die Werder im Vergleich zu den Konkurrenten im Kampf um die europäischen Plätze fehlt. „Es gibt Momente, in denen du nicht ans Maximum kommst, auch wenn du dich bemühst“, verdeutlichte Kohfeldt. „Wir haben es nicht geschafft, unsere Leistung abzurufen. Das passiert jeder Mannschaft zwei-, dreimal pro Saison. Uns passiert es vier- oder fünfmal, das ist zweimal zu viel.“ In der Tat erwischen auch die Topteams mal einen schlechten Tag, zumeist gewinnen sie das Spiel dann aber trotzdem irgendwie. So weit ist Werder noch nicht, das hat das Nürnberg-Spiel schonungslos gezeigt.

Ein Gegentor, das sich andeutete

Kohfeldt hatte das Unheil in der Schlussphase kommen sehen, stellte sogar noch das System um. „Wir haben versucht, mit einer klaren Sechs die zweiten Bälle zu verhindern, das hat leider nicht geklappt“, sagte er. Werder verlor vor dem Ausgleich den Ball, verhinderte den Pass von Matheus Pereira nicht und ließ dem Torschützen Mikael Ishak zu viel Platz. Ein Gegentreffer, der sich in den Minuten davor angedeutet hatte. „Wir haben die Struktur und die Positionen verloren. Vielleicht lag das genau daran, dass wir zu viel über so etwas wie das Gegentor im Hinspiel nachdenken“, mutmaßte Kohfeldt. Der späte Nackenschlag beim Heimspiel gegen Nürnberg sei vor dem Anpfiff noch einmal Thema gewesen, erzählte Baumann. Und doch passierte es wieder.

Werder hat zuletzt starke Spiele gegen Frankfurt, Leipzig und Hoffenheim trotz vieler Torchancen nicht gewonnen. Nun hat die Mannschaft ein schlechtes Spiel gegen Nürnberg auch nicht gewonnen, obwohl die drei Punkte zum Greifen nahe waren. In der Summe führt das dazu, dass die Bremer Gefahr laufen, den Anschluss an die internationalen Plätze zu verlieren. Vier Punkte sind es aktuell zum Sechsten Wolfsburg. Das ist noch aufzuholen, aber Spiele gegen Kellerkinder vom Schlage der Nürnberger müssen dafür in Zukunft gewonnen werden.

Nur ein Team für Highlights?

„Wir können das fußballerisch. Wir haben uns in die Richtung entwickelt, dass es immer möglich ist, Spiele zu gewinnen“, betonte Kohfeldt. „Aber wir können uns einfach nicht von Highlight zu Highlight hangeln. Samstagabend gegen Frankfurt gibt es genauso viele Punkte wie Samstagnachmittag gegen Nürnberg.“ Niemand habe den Gegner unterschätzt, versicherte Kohfeldt zwar. Er forderte aber auch: „Der gesamte Reisetross Werder Bremen muss es schaffen, sich anders auf solche Spiele einzustellen.“ Torwart Jiri Pavlenka und Abwehrchef Niklas Moisander klammerte er ausdrücklich aus, „aber ansonsten müssen sich alle angesprochen fühlen“, sagte Kohfeldt.

Schon am kommenden Sonntag gegen die abstiegsbedrohten Augsburger können die Bremer nun beweisen, dass sie es besser können. Vorher stehen aber noch zwei Highlights auf dem Programm: das Pokalspiel in Dortmund am Dienstag und der 120. Geburtstag des Vereins am Montag. Die bevorstehende Feier half dem geknickten Kohfeldt am Sonnabend immerhin auch dabei, das enttäuschende Spiel richtig einzuordnen. „In einer 120-jährigen Geschichte“, sagte er und lachte dann doch einmal, „wird ein 1:1 in Nürnberg insgesamt eine Randnotiz bleiben.“

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