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Wie Werder sich gegen das Unheil wehrt
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Ein Verein in der Trotzphase

Jean-Julien Beer 23.09.2019 12 Kommentare

(nordphoto)

Der SV Werder befindet sich in einem Zustand, in dem man nichts mehr ausschließen kann. Nicht einmal den Besuch von Außerirdischen. Man muss sich das mal vorstellen, wie diese Aliens übers Land des vierfachen Weltmeisters fliegen, um diesen Fußball zu erkunden, der so viele Energien freisetzt. Wegen heftiger Turbulenzen am Tegernsee sind sie nach Norddeutschland abgedriftet. In Hamburg konnten Sie am Montag auf den Spuren eines Dinos nichts Relevantes registrieren. Am Donnerstag düsten sie über die Stadt, in der es mehr Autos gibt als Zuschauer, glaubten aber an einen Irrtum, weil dort nur 10.000 Menschen ein Europapokalspiel sehen wollten. Und dann kamen sie am Sonnabend an den Osterdeich, angezogen von diesem ausverkauften Weserstadion mit seinen leuchtenden Flutlichtmasten, wo sich nach 88 Minuten die Massen erhoben und leidenschaftlich Beifall klatschten. Das muss er sein, dieser große Fußball, müssen die Aliens da gedacht haben.

Kohfeldt: „Mein Dank ans Stadion“

Denn solche Außerirdischen können ja nicht wissen, dass dieses Spiel der Bremer Mannschaft in Wirklichkeit phasenweise ziemlich unterirdisch war, beim Verteidigen von Eckbällen zum Beispiel, aber auch beim Versuch, sich aus der eigenen Defensive zu befreien. Und dass zwar Bremen auf dem Trikot stand, das Spiel der Mannschaft aber kaum noch etwas von dieser berühmten Werder-DNA erkennen ließ. Das ging einfach nicht mit diesem allerletzten Aufgebot, schon gar nicht gegen einen Gegner wie RB Leipzig, der souverän die Bundesliga anführt und unter der Woche mal eben in der Champions League bei Benfica Lissabon gewann. Wenn sich dann trotzdem die Fans kurz vor Schluss erheben, bei einem aussichtlosen Rückstand von 0:3, „dann ist das nicht normal“, bemerkte auch Florian Kohfeldt. „Ich kann mich nur bedanken beim Stadion, für diese besondere Reaktion der Fans“, sagte Werders Trainer, „am liebsten hätten wir uns noch während des Spiels bedankt für die überragende Unterstützung. Wenn man das sieht, sind wir hier immer noch auf dem richtigen Weg.“

Baumann: „Enger zusammenrücken“

Seit Wochen muss Werder Rückschläge verkraften, der Reihe nach fallen die Spieler aus, zuletzt mehr als zehn Profis. Vor dem Duell mit Leipzig traf es die Mannschaft noch einmal mit voller Wucht, Kohfeldt benutzte dafür sogar das Wort „brutal“. Erst riss sich Werders Topscorer Yuya Osako im Training den Muskel, dann zerfetzte sich der formstarke Torjäger Niclas Füllkrug im Abschlusstraining das Kreuzband. Osako fehlt nun viele Wochen, Füllkrug wahrscheinlich sogar den ganzen Rest der Saison. Ohne diese Dramatik kann man nicht verstehen, was da im Weserstadion nach 88 Minuten passierte. Diese Gesänge pro Werder und der anhaltende Applaus für ein Team, das sich selbst in Überzahl recht chancenlos, aber stets engagiert mühte, gegen eine Bundesliga-Spitzenmannschaft ein Tor zu schießen. Frank Baumann, seit 20 Jahren im Verein, ordnet die Reaktion des Publikums und den Kampf der Mannschaft positiv ein. „Bei so einer Verletztenmisere gibt es zwei Möglichkeiten: Man lässt sich hängen, oder man nimmt die Situation an und versucht, das Beste daraus zu machen. Es ist auch eine Chance, dass wir insgesamt enger zusammenrücken“, sagte der Sportchef.

Knappe 24 Stunden zuvor mussten Mannschaft und Trainer schwierige Momente durchstehen, es war der schwärzeste Freitag des Jahres. „Das war echt schlimm. Da gibt es auch kein anderes Wort für“, berichtete Kohfeldt über die Verletzung von Füllkrug, „ich bin in den zwei Jahren hier noch nie an Fans vorbei gegangen und habe kein Autogramm gegeben, aber an dem Tag ging es einfach nicht, ich musste rein zu ihm in die Kabine. Jeder, der die Verletzung im Training erlebt hat, wusste, dass etwas Schlimmes passiert ist. Ein trauriger Moment.“ Beim Abendessen im Mannschaftshotel informierte Kohfeldt die Spieler über die niederschmetternde Diagnose, die menschlich eine Tragödie ist für einen Spieler wie Füllkrug, der schon so viele Rückschläge wegstecken musste; sie ist aber auch sportlich verheerend, weil Werders erhoffte Rückkehr nach Europa in der Zeit nach Max Kruse entscheidend mit dem Spielertypen Füllkrug verbunden war.

Jetzt geht es um Mentalität

Kohfeldt brauchte nach dem ersten Schock am Freitag eine Weile, bis er damit umzugehen wusste. Als er seine verbliebenen Spieler dann unmittelbar nach dem 0:3 gegen Leipzig in einem Kreis versammelte, sprach der Trainer so emotional wie kämpferisch: „Es ging darum, positiv zu bleiben. Weil ich ganz sicher bin, dass jeder, der in diesem Kreis stand, in den Spiegel schauen und sagen kann, dass er alles rausgehauen hat.“ Einige hätten gegen Leipzig auf Positionen gespielt, „die sie sich früher nicht ins Poesie-Album geschrieben haben“. Kein Wort benutzte Kohfeldt an diesem Abend häufiger als „Mentalität“, darum dreht sich nun alles bei Werder vor den Auswärtsspielen bei den Europacupstartern in Dortmund und Frankfurt. Der Trainer musste dabei aufpassen, sich nicht selbst zu verletzen. Nicht etwa, weil er plötzlich an der Hand blutete („Keine Ahnung, wie das jetzt passiert ist“), sondern weil er einen schmerzhaften Spagat versucht. Er will angesichts der ganzen Rückschläge „weder Kritik noch übertriebenen Pathos“ in den Vordergrund stellen. Dabei agiert seine Mannschaft zeitweise in der Vorstufe zum Mitleid. Wenn selbst simple Ballgewinne und ein gewonnenes Dribbling im Mittelfeld von den Zuschauern aufmunternd gefeiert werden, verschwimmen die großen Ambitionen und die tatsächliche Leistung zu einem schwer überschaubaren Gemenge. Genau das aber will Kohfeldt unbedingt verhindern.

„Wir werden definitiv punkten“

Er verordnete ganz Werder eine Trotzphase. Eine „Jetzt-erst-Recht-Mentalität“, wie er das nennt: „Hier wird keiner jammern, wir werden alles raushauen.“ Er werde das Saisonziel Europacup „nicht korrigieren“, auch wenn es gerade die schwierigste Phase sei für ihn als Werder-Trainer, weil es wegen der vielen Ausfälle „nichts Verlässliches“ mehr gebe. Kohfeldt: „Alle haben gegen Leipzig gesehen, was im Moment möglich ist, und was nicht. Aber: Wir werden weiter machen.  Wie wir trotz der Probleme in der Bundesliga bestehen können, das haben wir gegen Augsburg und Union gezeigt. Wir haben eine Mentalität entwickelt, wie wir bestehen wollen. Wir werden definitiv punkten, weil wir den Mut nicht verloren haben. Ich sehe keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.“ Dass Werder trotz der heiklen Personalsituation bereits sechs Punkte habe und damit einen Abstand zum Tabellenkeller, „das gibt mir die brutale Sicherheit, dass wir ein weiteres Mittel haben, um Bundesliga zu spielen. Nämlich diese Mentalität. Wir stemmen uns dagegen.“

Auch Baumann ist zuversichtlich. „Die Spieler zeigen, dass sie sich nicht verstecken, sie haben aufopferungsvoll gekämpft und sind auch schon die letzten Wochen dagegen angegangen“, sagte der Sportchef, „wegen der Mentalität der Mannschaft mache ich mir keine Sorgen.“ Zur Wahrheit gehört schließlich auch: Selbst mit der besten Elf wäre Werder gegen Leipzig klarer Außenseiter gewesen. „Wir hatten Spieler auf dem Feld, die sonst in der Regionalliga zu Hause sind“, betonte Baumann, „trotzdem haben wir in der ersten Halbzeit aus dem Spiel heraus kaum Chancen zugelassen.“ Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann sagte nach dem 3:0-Sieg und dem Ausbau der Tabellenführung: „Wir hatten nicht unseren Sahnetag. Wenn die Bremer heute mit der vollen Kapelle hätten spielen können, wäre es nicht ganz so einfach gewesen.“ Das war ein sehr irdisches Fazit. Auch wenn das für Werder zunächst nicht ermutigend klang.


Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.