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„Eine Elf mit zwei Gesichtern"

mw 17.12.2018 0 Kommentare

(Archiv WESER-KURIER)

Im letzten Spiel der Vorrunde wurde vielleicht am deutlichsten, was zu Werders größtem Problem der Rückrunde werden könnte: „Das Anspruchsdenken unserer Anhänger", erzählte Trainer Otto Rehhagel gestern während der Weihnachtsfeier, „ist für uns eine große Belastung!" Doch ist es den Leuten zu verübeln? Seit fast zwei Jahren hat „ihre" Mannschaft im Weserstadion kein Bundesligaspiel mehr verloren, mit 17 Punkten nun die beste Vorrundenbilanz aller Klubs hingelegt. Da wird der Erfolg zur Gewöhnung.

Da wird — wie am Sonnabend geschehen — lautstark gemurrt, wenn der Gegner sich trotz des O:3-Rückstandes noch erdreistet, munter mitzumischen. Er ist besiegt und hat sich gefälligst den Laden vollhauen zu lassen. Gewiß denken nicht alle so. Und die anderen hätten gerade in dieser Saison leicht kuriert werden können: Mit dem Besuch eines Auswärtsspiels. Denn so eindrucksvoll Werders Profis die Punkte im Weserstadion einfuhren — so relativ leicht ließen sie sich auch auswärts oft abnehmen.

Womit das zweite Problem der Rückrunde aufgezeigt ist: „Wenn wir auf fremdem Platz weiter hinter der Musik herlaufen„, formulierte Rehhagel drastisch, „dann wird es mit einem UEFA-Cup-Platz diesmal verdammt schwer!“ Nur ein Sieg, aber vier Niederlagen — das ist in der Tat zu wenig für jemanden, der ganz oben mitmischen will. Denn eines scheint gewiß: Nicht auf alle Ewigkeit lassen sich Fehltritte in der Fremde durch eine makellos weiße Weste im eigenen Heim egalisieren. Auch Werders Fußballer werden mal wieder vor ihrem Anhang stolpern — so wie vor wenigen Tagen der HSV. Und die Gefahr ist in der Rückrunde zweifellos größer als in der ersten Halbserie.

Denn mit Mönchengladbach, dem FC Bayern und Stuttgart kommen alle Klubs ins Weserstadion, die derzeit vor den Bremern liegen — das Risiko, aber auch die Chancen steigen. Gewinnen die Bremer diese Schlüsselspiele, ist viel Boden gutgemacht. Wie ist die Auswärtsschwäche zu beheben? Die Probleme liegen zweifellos mehr im psychischen als im rein fußballerischen Bereich. Spielerisch wie personell brauchen die Bremer sich derzeit hinter keinem Konkurrenten zu verstecken — ausgenommen vielleicht hinter denen im Höhenflug befindlichen Stuttgartern.

Doch Werder fehlte auf fremden Plätzen zweifellos das Selbstbewußtsein und die Nervenstärke etwa der Münchner und Hamburger. Und wohl auch etwas vom Glück des Vorjahrs: „In Bochum, Berlin und Frankfurt haben wir uns in der vorigen Serie noch für unsere Siege entschuldigen müssen, so schmeichelhaft waren sie", erinnerte sich Rehhagel. In Kaiserslautern (3:3), München und Frankfurt (jeweils 0:0) hingegen fehlte dies Glück nun in entscheidenden Phasen, sonst hieße der Tabellenführer nicht Stuttgart, sondern Bremen.

Denn Werders Auswärtspech wurde bisher nicht durch Glück in Bremen wettgemacht — die Heimsiege waren samt und sonders verdient. So bleibt für die Rückserie vor allem die Hoffnung darauf, daß sich gemeinhin am Ende einer Saison Glück und Pech die Waage halten — Werder könnte dabei nur profitieren. Hoffnungsvoll stimmt auch die Erkenntnis, daß Werder an der Jahreswende praktisch ohne Personalprobleme dasteht. Bruno Pezzey ist nach Anfangsschwierigkeiten voll integriert, vier spektakuläre Tore und nur 17 Gegentreffer belegen es. Doch für Rehhagel zählen nicht nur die Zahlen: „Bruno ist auch als Persönlichkeit für die Mannschaft sehr wertvoll!„ Der Österreicher selbst gibt die Komplimente zurück: „Ich kenne keinen anderen Verein, in dem alles so in Ordnung ist wie bei Werder. Diese Mannschaft hat noch Perspektiven!“

Das beginnt bei seinen Nebenleuten: Schaaf hat sich nach zwei Jahren zwischen Bank und Spielfeld endlich einen Stammplatz erkämpft, er ist ebenso wie die ebenfalls 22jährigen Otten und Gruber gewiß noch nicht am Ende seiner fußballerischen Entwicklung angelangt. Und dahinter steht mit dem 19-jährigen Matthias Ruländer ein weiteres großes Talent. Nicht so langfristig sind die Perspektiven im Mittelfeld. Möhlmann und Sidka werden im nächsten Jahr 30, Bracht und Okudera haben diesen Geburtstag bereits hinter sich.

Doch in Werders „zweiter Reihe„ steht zweifellos der Aufsteiger der Saison: Norbert Meier reifte vom Talent mit internationalen Perspektiven zum Stammspieler der Nationalelf, wurde nach Brachts Ausfall auch zum Lenker des Bremer Spiels. Am Ende der Halbserie ist der 25-jährige in einem Atemzug mit Rudi Völler zu nennen, der zweifellos der Mann der vergangenen Saison war. „Beide sind noch nicht am Ende ihrer Möglichkeiten“, glaubt Otto Rehhagel. Das Feld scheint also bestellt, doch jedermann weiß, wie trügerisch im Fußballgeschäft Zufriedenheit sein kann. Schon heute in einem Jahr ist Werders Präsidium gefordert, entscheidende Weichen zu stellen, denn zum Ende der nächsten Saison laufen nahezu alle wichtigen Verträge aus. Auch die von Rudi Völler und Otto Rehhagel.

Das hochauflösende PDF der Original-Zeitungsseite gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).


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