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Eggestein im Interview
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„Er hat einen klaren Plan“

Christoph Sonnenberg und Marc Hagedorn 14.12.2017 8 Kommentare

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Maximilian Eggestein läuft unter Florian Kohfeldt zur Hochform auf. (imago)

 

Herr Eggestein, sind Sie kaputt?

Eggestein: Ein wenig, das gehört aber dazu in der englischen Woche.

Wir spielen auf Ihre Laufdaten im Spiel gegen Leverkusen an. 14,01 Kilometer sind Sie gelaufen, das ist Saisonrekord der Bundesliga. Spüren Sie auf dem Platz, wie viel Sie laufen?

Einen Unterschied zwischen 12,  13 oder 14 Kilometern spüre ich nicht. Ich merke aber, dass es eine englische Woche ist.

Sind Sie immer schon so viel gelaufen?

Im U-Bereich wird die Laufleistung nicht gemessen, ganz genau weiß ich es also nicht. Bemüht habe ich mich immer und bin deswegen viel gelaufen. Es hängt auch an der Position. Als Sechser hat man nicht so viele tiefe Läufe, von Strafraum zu Strafraum. Als Achter läuft man mehr.

Was sagt Ihnen dieser Laufwert?

Es ist kein entscheidender Wert für mich. Da sind andere Dinge wichtiger, die wiederum mit dem läuferischen Aufwand zusammenhängen. Durch tiefe Läufe öffne ich Räume für meine Mitspieler, weil ich so Verteidiger binde. Das ist der Sinn hinter der Laufleistung.

Wie viele überflüssige Läufe sind pro Spiel dabei?

Ein, zwei, die ich mir hätte sparen können, sind immer dabei. Aber das weiß man vorher natürlich nicht. Es hängt ja auch am Passgeber, wohin er den Ball spielt.

In den fünfziger Jahren ist ein Spieler im Schnitt drei Kilometer pro Spiel gelaufen, in den siebziger Jahren sechs. Sie laufen 14 Kilometer. Was sagt das über die Entwicklung des Fußballs?

Das er immer athletischer, immer intensiver wird. Die Sprintwerte haben sich bestimmt ähnlich entwickelt. Spieler aus früheren Zeiten werden das sicher bestätigen.

Direkt nach dem Spiel in Leverkusen hat Florian Kohfeldt alle Spieler in der Kabine versammelt und auf das Spiel in Mainz eingeschworen. Zeigt das die immense Wichtigkeit der Partie?

Es zeigt, dass Mainz ein wichtiges Spiel ist. Der Trainer wollte uns deutlich machen, dass wir in der kurzen Zeit zwischen den Spielen den Blick nach vorne richten müssen. Das wir uns direkt auf Mainz konzentrieren und eine gute Leistung bringen.

Wie tritt Kohfeldt in solchen Situationen auf: ruhig, analytisch, emotional?

Er schreit nicht herum, aber seine Stimmlage wird schon lauter. In seinen Emotionen ist er kontrolliert, trotzdem ist er ein emotionaler Typ, der versucht die Mannschaft mitzureißen. Das macht er ganz gut, finde ich.

Ein Sieg gegen Mainz könnte viel verändern. Ist es wichtig für den Kopf, über Weihnachten nicht auf einem Abstiegsplatz zu stehen?

Wenn man nicht auf diesen Plätzen steht, auf denen man auch am Ende der Saison nicht stehen möchte, kommt man leichter aus der Pause zurück. Wichtig ist zunächst, dass wir den Anschluss geschafft haben. Wir wollen gewinnen gegen Mainz. Läuft bei den anderen Ergebnissen parallel alles normal, sollten wir dann auf einem Nicht-Abstiegsplatz stehen.

Es ist also ein Spiel, das Werder nicht verlieren darf, wie es so schön heißt. Wie gehen Sie mit diesem speziellen Druck um?

Ich sehe es nicht als Druck, ich bezeichne es als Chance. Das ist die bessere Perspektive, als sich zusätzlich unter Druck zu setzen. Wir müssen aber nicht drumherum reden, es ist ein wichtiges Spiel. Mit einem Sieg können wir an Mainz vorbeiziehen. Das zeigt, welche Chance in diesem Spiel liegt.

Mut macht auch die Art und Weise, wie Werder nun Fußball spielt. Wie ist es möglich, mit einer identischen Mannschaft innerhalb weniger Wochen einen komplett anderen Fußball zu spielen?

Der Trainer hat zwei, drei Dinge verändert. Einer seine ersten Sätze war: Ballverluste sind nichts Schlimmes. So hat er versucht, uns Mut zu machen. Mut, mit dem Ball zu agieren. Er lässt uns höher attackieren. Und wenn wir den Ball haben, spielen wir schnell und geradlinig nach vorne. Sicher hat es auch mit dem neuen Impuls zu tun, den es gab. So ist es ja nach anderen Trainerwechseln auch gelaufen.

Der Wechsel zu Viktor Skripnik und zu Alexander Nouri hatte einen Wechsel der Mentalität zur Folge. Alle sind wieder gerannt, haben gekämpft. Jetzt aber spielen dieselben Spieler auf eine völlig andere Art Fußball.

Florian Kohfeldt hat uns nicht gesagt, dass wir jetzt rennen, kämpfen und Zweikämpfe gewinnen müssen. Das alles sind Grundvoraussetzungen. Stattdessen hat er Dinge verändert, die ihm nicht gefallen haben: das Spiel mit und gegen den Ball, Gegenpressing, höheres Attackieren, mutig agieren. Das ist seine Idee vom Fußball, eine spielerische Idee. Er hat einen klaren Plan und versucht, diesen umzusetzen.

Und wo zeigt sich das wahre Potenzial der Mannschaft, unter Nouri oder unter Kohfeldt?

Wir haben gute Fußballer in der Mannschaft, wir haben auch Kämpfertypen und Typen, die beides können. So schlecht, wie derzeit dastehen, sind wir nicht. Das ist, denke ich, die vorherrschende Meinung. Wir wollen auch keine Mannschaft sein, die nur kämpft und rennt, wir wollen Fußball spielen. Werder hat es immer ausgezeichnet, frischen, offensiven Fußball zu spielen. Da hinzukommen, sollte unser Anspruch sein.

Der Trainer hat vor kurzem gesagt, dass er sich eine mutige Mannschaft wünscht. Jetzt ist er gegen Leverkusen selbst mutig gewesen und hat Ole Käuper, der noch nie in der Bundesliga gespielt hat, in die Startelf gestellt. Wie sehr hat Sie das überrascht?

Ich glaube, Ole war noch mehr überrascht (schmunzelt). Natürlich lag es auch an der Personalsituation, dass er gespielt hat. Junuzovic und Bargfrede konnten nicht von Beginn an spielen, dann ist Gondorf noch krank geworden. Aber ich finde, Ole hat das gut gemacht, sehr ruhig. Das kann man von einem Debütanten nicht unbedingt so erwarten.

Sie selbst haben das ja auch erst vor wenigen Jahren erlebt: überraschend in der Bundesliga zu debütieren. Wie ist das, wenn man plötzlich reingeworfen wird?

Bei mir war es ja noch etwas anders. Ich bin kurz vor Schluss reingekommen, da stand es 4:0, da kannst du nicht mehr viel verlieren (lacht). Aber natürlich ist ein Bundesliga-Debüt etwas Besonderes. Das ist das, worauf man die ganze Zeit als junger Spieler hingearbeitet hat. Und wenn der Moment dann da ist, dann will man sich zeigen und die Chance auch nutzen. Natürlich hat man ganz hinten im Hinterkopf Fragen wie: Was passiert, wenn ich es jetzt schlecht mache? Aber davon war bei Ole nichts zu sehen.

Sie sind selbst erst 21, haben aber schon viel erlebt. Sind Sie erster Ansprechpartner für Ole?

Ich kenne Ole schon lange, wir waren zusammen in der Schule, haben U17 gespielt, später dann U23. Wir verstehen uns gut und haben gestern auch vor und nach dem Spiel gesprochen.

Und was haben Sie ihm gesagt?

Dass das hier alles nur Fußball ist. Dass er nicht nervös sein muss. Aber Ole ist von Haus aus eh ein cooler Typ.

Was ist das für ein Gefühl, mit 21 schon Ratgeber sein zu können?

Ich freue mich, in dieser Position zu sein. Ich stehe jedem Spieler gern zur Verfügung. Aber man darf nicht vergessen: Ich muss auch noch viel lernen. Ich werde auch noch Fehler machen. Aber klar ist: Ich habe schon einige Spiele mitgemacht. Das Wissen gebe ich gern weiter.

Vermutlich auch an Ihren Bruder Johannes. Wie geht’s ihm?

(überlegt) Tja. Er steckt gerade in einer Phase, die für einen jungen Spieler typisch ist…

…er spielt nicht bei den Profis und sitzt in der U23 auch viel draußen…

…das habe ich selbst auch durchgemacht. Deshalb kann ich sagen: Die Spielpraxis ist das allerwichtigste, und die hatte er lange nicht. Das ist nie gut für einen jungen Spieler. Natürlich ist es schön, Teil der Bundesligamannschaft oder der U21-Nationalmannschaft zu sein. Aber das Problem ist: Wenn du dort dann nicht regelmäßig spielst, kommst du aus dem Rhythmus. Und Jojo ist ein Spieler, der seinen Rhythmus braucht.

Es gab in der Hinrunde eine Phase, da hat Werder Stürmer benötigt. Max Kruse war verletzt, Aron Johannsson hat nicht gespielt.

Im Nachhinein kann man vielleicht sagen, dass es Pech für Jojo war, dass Max sich verletzt hat. Dadurch war Jojo zwar immer bei den Profis dabei, der Trainer (Alexander Nouri, Anm. d. Red.) hat ihn aber noch nicht soweit gesehen, dass er wirklich Spielzeit bekommen hat. Woche für Woche Spielrhythmus zu haben, ist in dieser Entwicklungsphase aber sehr wichtig.

Wie geht er damit um?

Sein Vorteil ist, dass er sehr klar im Kopf ist. Deshalb wird er aus dieser Situation auch herauskommen und seine Tore wieder machen. Er hat oft genug gezeigt, dass er ein intelligenter Spieler ist und genug Talent hat. Der Rest kommt mit der Spielpraxis.

Von Johannes wird nicht gerade wenig erwartet. Dortmund, Bayern, Manchester United – Top-Klubs wollten ihn vor eineinhalb Jahren haben. Was macht das mit ihm?

Ich glaube nicht, dass er sich selbst den größten Druck gemacht hat. Die größte Erwartungshaltung hatte die Öffentlichkeit. Natürlich ist es nicht leicht, wenn man überall hoch gehandelt wird. Ich glaube, es ist für junge Spieler nicht gut, wenn man ihnen so früh einen so schweren Rucksack aufsetzt.

Würden Sie das als harte Landung für ihn bezeichnen?

Ich finde, dass er dafür gar nicht so viel kann. Wie gesagt: Da ist sehr viel von außen herangetreten worden, auch von Leuten, die ihn vielleicht gar nicht haben spielen sehen. Aber sie haben gelesen, was für ein großes Talent er ist. Diesem großen Hype kann man als junger Spieler aber kaum gerecht werden, denn der Schritt von der Jugend in den Herrenbereich ist ein so großer Schritt, dass er oft in der Öffentlichkeit unterschätzt wird. Ich weiß selbst, dass man ein, zwei Jahre braucht, um das zu verarbeiten. Es sei denn, man ist Leo Messi, dann spielt man jeden auf Anhieb schwindelig. Aber wir „normale“ Talente brauchen Zeit, um uns zu gewöhnen.

Spielpraxis ist Ihr Schlüsselwort. Wo holt man sich die als Spieler in Johannes‘ Situation am besten? In der U23? Oder über eine Ausleihe?

Das sind Fragen, die mit Frank Baumann besprochen werden müssen. Da wird es bestimmt Gespräche geben und dabei muss man aufzeigen, wie nahe ein junger Spieler tatsächlich an der Profimannschaft dran ist. Danach muss das dann entschieden werden.

Sie selbst sind den Weg zurück über die U23 gegangen.

Im Nachhinein war es genau der richtige Schritt. Aber das kann man nicht voraussagen. Es gibt keinen Königsweg. Da ist auch der Spieler gefragt: Wie geht er damit um, dritte Liga zu spielen? Wie geht er damit um, dass ihn der Trainer der Profimannschaft nicht mehr regelmäßig sieht? Der Spieler muss das mitmachen. Manch einer lässt sich dann aber hängen. Mein Ziel war es aber immer, mich hier durchzusetzen. Ich wollte hier bei Werder zeigen, dass ich es schaffe. Das hat mich angetrieben. Und es gehört auch Glück dazu. Glück, Geduld und Spielpraxis.

Wie wichtig war es für Sie persönlich, dass Florian Kohfeldt der Trainer ist?

Natürlich glaube ich, dass er der Richtige für uns ist, nicht nur für mich. Aber man muss nicht drumherum reden: Ich kenne Flo, er kennt mich, er wusste, wie er mich einsetzen kann, das ist natürlich schon ein Vorteil. Aber nur weil Flo mich kennt, heißt das noch lange nicht, dass ich auch automatisch spiele.

Die Fragen stellten Christoph Sonnenberg und Marc Hagedorn.


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