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50+1-Regel auf dem Prüfstand
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"Es geht jetzt wirklich um alles"

Patrick Hoffmann und Christoph Sonnenberg 21.03.2018 4 Kommentare

(Nordphoto)

Manuel Gaber ist Fußballfan, und er findet, dass Fußballfans wie er endlich ihre Stimme erheben müssen. Gegen einen möglichen Ausverkauf der Vereine an Investoren, wie er es nennt, und deshalb hat er zusammen mit ein paar Bekannten in der vergangenen Woche eine Erklärung auf der Internetseite 50plus1bleibt.de veröffentlicht. „Der Fußball gehört uns allen“, steht darin geschrieben, und: „Wir lassen uns 50+1 nicht nehmen.“ Rund 3000 Fanklubs und -verbände aus ganz Deutschland haben diese Erklärung inzwischen unterschrieben, und deshalb wird sich Manuel Gaber an diesem Donnerstag mit der Liste im Gepäck auf den Weg von Freiburg nach Frankfurt machen, um dort ein Zeichen zu setzen.

In Frankfurt kommen an diesem Donnerstag die Vertreter der 36 Bundesligisten zu einer Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zusammen. Für Werder ist Geschäftsführer Klaus Filbry vor Ort. Gemeinsam wollen die Vereinsvertreter diskutieren, wie es mit der 50+1-Regel weitergehen soll. Diese untersagt Investoren, die Stimmenmehrheit an einem Profiklub zu übernehmen, wie es in anderen europäischen Ligen üblich ist. Es geht also um Grundsätzliches, weshalb die Debatte auch von allen Beteiligten leidenschaftlich geführt wird. Es geht um die Frage, wer in Zukunft das Sagen bei den Profiklubs haben soll: Mitglieder oder Investoren?

Werder bleibt 50+1 treu, aber denkt an Reform

Viele Fans haben ihr Urteil bereits gefällt. Sie wollen weiterhin mitbestimmen, was in ihren Vereinen passiert. Unterstützung erhalten sie unter anderem von den Vereinen Dortmund, Mönchengladbach, Freiburg und St. Pauli. Auch Werder will von der Regelung nicht abrücken. „Wir werden auch in Zukunft und unabhängig von den Ergebnissen der anstehenden Diskussion an der 50+1-Regelung festhalten“, sagt Klaus Filbry im Gespräch mit MEIN WERDER. „Diese Entscheidung wird von Verantwortungsträgern aus Vereinspräsidium, Geschäftsführung der Kapitalgesellschaft und Aufsichtsrat mitgetragen und ist in den Statuten des SV Werder Bremen verankert.“ Selbst wenn Werder die Stimmenmehrheit an einen Investor verkaufen wollte (vorausgesetzt, die 50+1-Regel fällt), müsste eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Vereinsmitglieder für eine entsprechende Satzungsänderung votieren.

Für Filbry bedeutet das Bekenntnis zu 50+1 aber nicht, dass alles bleiben soll, wie es ist. Er hält eine Reform für die beste Lösung. „An der jetzigen Regel festzuhalten, ist sicher schön, aber sie wird juristisch herausgefordert“, sagt er. „Schon jetzt liegen ja verschiedene Absichtserklärungen vor, diese Regel vor Gericht prüfen zu lassen.“ Unter anderem von Unternehmer Martin Kind, der liebend gerne Hannover 96 übernehmen möchte, seinen Antrag auf Ausnahmegenehmigung bei der DFL aber aktuell ruhen lässt. „Die Gefahr ist dann gegeben, dass Gerichte Entscheidungen treffen, die unsere Freiheiten bei der Gestaltung der Regel beschränken“, sagt Filbry. „Deswegen sollten die Klubs selbst aktiv werden. Wenn wir nichts tun, wirkt das freie Spiel der Kräfte.“

Umstrittene Rechtsgrundlage

Diese Meinung ist unter Sportfunktionären weitverbreitet, unter Juristen allerdings umstritten. „Mir hat noch keiner vernünftig erklären können, warum 50+1 vor einem ordentlichen Gericht zwangsläufig scheitern sollte“, sagt Rechtsanwalt Andreas Hüttl aus Hannover. Er vertritt regelmäßig Fußballfans vor Gericht, ist 96-Mitglied und setzt sich für den Erhalt von 50+1 ein. Er sagt: „Es gibt gute Gründe dafür, dass die 50+1-Regel vor Gericht Bestand hat. Der Fußballverband hat sich die 50+1-Regel selbst auferlegt, und jeder Verband genießt in Deutschland Verbandsautonomie.“ So steht es in Artikel neun des Grundgesetzes.

Andererseits will der Jurist nicht ausschließen, dass die bestehende 50+1-Regel vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) mit Verweis auf europäisches Kartellrecht und die Kapitalfreiheit gekippt werden könnte. Schließlich sind die meisten Fußballabteilungen inzwischen aus den Stammvereinen ausgegliedert und werden als Unternehmen geführt, bei Werder zum Beispiel als GmbH & Co. KG aA. „Ein Geldgeber könnte also klagen und sagen: Ich kann in Fußballfirmen im europäischen Ausland investieren, also muss das auch in Deutschland möglich sein“, sagt Hüttl. Bei bisherigen Klagen gegen Verbandsautonomie hat der EuGH allerdings stets die Autonomie geschützt.

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Kritikern der 50+1-Regel geht es aber ohnehin nicht um juristische Feinheiten, sondern schlicht um sportlichen Erfolg. Sie sehen die internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Das schlechte Abschneiden deutscher Vereine in der laufenden Champions-League- und Europa-League-Saison hat die Diskussion weiter befeuert. „Die Bundesliga muss sich im internationalen Wettbewerb behaupten“, sagt Axel Hellmann, Vorstandsmitglied bei Eintracht Frankfurt, „jede andere Sicht wäre eine Verkennung von Realitäten im internationalen Medien- und Sponsorenmarkt.“ Hellmann schlägt vor, den Weg für Investoren freizumachen, wenn sich diese an klar zu definierende Vorgaben hielten. Zu schützen seien zum Beispiel Name, Standort und Farben des Vereins.

Nachhaltigkeit müsste gewährleistet sein

Zustimmung dafür kommt auch aus Bremen. „Es gibt den Weg, der in Italien, Spanien und England genommen wird: Große Industrielle übernehmen die Klubs. Bis sie keine Lust mehr haben und den Klub weitergeben. Diese Art von Investoren wollen wir in der Bundesliga nicht“, sagt Klaus Filbry. „Wir wollen keine Investoren, die aus reinem Profitinteresse handeln. Deshalb müssen wir die Bedingungen so gestalten, dass sie nicht für jeden infrage kommen. Damit andererseits die Nachhaltigkeit des Investments sichergestellt werden kann. Wir sollten diskutieren, ob es möglich ist, per Statut Haltefristen für Investoren zu verankern. Oder dass Vereinsfarben und Wappen nicht geändert werden dürfen, dass Stehplätze erhalten bleiben müssen.“

Stehplätze und Vereinslogo im Tausch für weniger Mitbestimmung? Auf viele Fans wirkt das wie ein einseitiger Deal. „Das ist der Versuch, den Fans Sand in die Augen zu streuen“, sagt Rechtsanwalt Hüttl. „Natürlich ist den Fans wichtig, dass ihr Verein zum Beispiel Eintracht Frankfurt heißt und nicht Airport Frankfurt. Aber noch wichtiger ist die Teilhabe. Und die soll jetzt im Tausch für das Versprechen hergegeben werden, dass das Vereinswappen nicht verändert werden darf?“ Für Manuel Gaber und die vielen Mitstreiter ist 50+1 nicht verhandelbar. Und deshalb kündigt er bereits weiteren Protest an. 50+1 sei „eine rote Linie, die man überschreiten kann oder nicht“, sagt er. „Es geht jetzt wirklich um alles.“


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