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Baumann im Interview
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„Es gibt keinen Anlass, euphorisch zu sein“

Patrick Hoffmann und Marc Hagedorn 04.08.2018 0 Kommentare

(nordphoto)

 

Herr Baumann, was machen Sie jetzt eigentlich bis Ende August? Der Kader steht ja schon.

Frank Baumann: (lacht) Wir haben noch genug zu tun. Jetzt kommt das nächste Trainingslager. Der Tag der Fans. Das Pokalspiel in Worms. Der Bundesligastart. Und außerdem steht in meiner Stellenbeschreibung mehr drin, als Transfers abzuwickeln.

Sichtbar wird Ihre Arbeit aber vor allem bei der Kaderzusammenstellung. Warum ist Werder da in diesem Jahr so früh schon so weit?

Dafür gibt es viele Gründe. Ein Grund ist die Arbeit der Scoutingabteilung in den vergangenen zwei Jahren. Es ist wichtig, frühzeitig zu wissen, welche Spieler man haben will. Das entsteht nicht erst Ende Mai, wenn die neue Saison vor der Tür steht. Das beginnt schon Monate vorher oder noch viel früher. Wir haben den Blick jetzt schon wieder auf den Sommer 2019 gerichtet.

Das heißt, dass beispielsweise Yuya Osako schon länger bei Werder auf der Liste stand?

Spieler, die in der Bundesliga spielen, haben wir ständig im Visier. Die fallen bei der Gegnerbeobachtung auf. Aber auch da entwickeln wir früh ein Interesse. Kevin Möhwald zum Beispiel war bei uns schon ein Thema, bevor er vor drei Jahren zum 1. FC Nürnberg gewechselt ist. Auch den Weg von Davy Klaassen verfolgen wir seit zwei, drei Jahren intensiv. Das ist wichtig, um zu dem Zeitpunkt, wenn alles passt, bereit zu sein.

Es fällt auf, dass Spieler aus Südamerika schon länger nicht mehr für Werder gespielt haben. Das war mal anders: Diego, Naldo, Ailton, Wesley, Carlos Alberto. Sind brasilianische Profis nicht mehr interessant?

Wir haben Märkte für uns definiert, die Priorität haben. Das ist zum einen der deutsche Markt, aber auch die Nachbarländer und Skandinavien. Das hat damit zu tun, dass die Anpassung für die Spieler häufig leichter fällt, dass ähnlicher Fußball gespielt wird, und das hat auch etwas mit den Kosten zu tun. Es ist eben ein Unterschied, ob man zehnmal im Jahr nach Brasilien fliegt oder hier in Mitteleuropa bleibt.

Das Scouting ist also ein Grund dafür, dass die Kaderplanung schon so weit vorangeschritten ist. Und sonst?

Ein zweiter Grund ist, dass wir seit der Übernahme der Mannschaft durch Florian Kohfeldt nicht nur recht erfolgreich waren, sondern auch eine bestimmte Art entwickelt haben, wie wir Fußball spielen. Unsere Art zu spielen, hat den einen oder anderen Spieler von uns überzeugt, der ansonsten vielleicht nicht gekommen wäre. Und es hat auch geholfen, dass wir frühzeitig durch den Verkauf von Thomas Delaney (für rund 20 Millionen Euro zu Borussia Dortmund, Anm. d. Red.) wussten, wie viel Geld wir in die Hand nehmen konnten.

In den vergangenen Jahren sind Spieler wie Max Kruse, Serge Gnabry oder Ishak Belfodil sehr spät gekommen, haben im Grunde die komplette Vorbereitung verpasst. Entsprechend schleppend ist Werder jedes Mal gestartet. War das auch eine Lehre?

Das Ziel jedes Managers, jedes Trainers, jedes Klubs ist es, zum Trainingsstart alle Spieler zusammenzuhaben und keinen mehr zu verkaufen. Das sagt sich aber leicht. Man muss bei Werder jedes der vergangenen Jahre für sich betrachten. Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal in dieser Funktion war, konnte man erst recht spät planen (Baumann übernahm die Nachfolge von Thomas Eichin am 19. Mai, Anm. d. Red.). Werder hatte zu der Zeit auch sportlich keine so gute Phase, und dann zögern Spieler auch mal mit einem Wechsel zu uns. Und im vergangenen Jahr war es so, dass wir lange gewartet haben, weil lange Zeit kein Spielertransfer mit dem Profil, das wir gesucht haben, machbar war, ehe wir dann Ishak holen konnten.

Diesmal ist das anders. Mit welchen Argumenten haben Sie Osako, der bei der halben Liga auf dem Zettel stand, oder Klaassen von Werder überzeugt?

Wir haben mutigen Fußball gespielt. Wir standen ja auch bei den Experten für attraktiven Fußball (zum Beispiel bei den TV-Analysten Matthias Sammer und Dietmar Hamann, Anm. d. Red.). Das ist für Spieler, die Wert auf spielerische Lösungen legen, sehr wichtig. Es gab aber auch vor zwei Jahren schon gute Argumente für Werder, sonst wären Max Kruse oder Serge Gnabry nicht zu haben gewesen. Aber es war jetzt vielleicht noch einen Tick leichter.

Wie viel Druck hat der Trainer dabei gemacht?

Da braucht der Trainer keinen Druck zu machen. Wir waren uns immer einig. Wir haben besprochen, dass wir bei Davy Klaassen abwarten. Wir haben nicht die Nerven verloren, auch als es zwischendurch einmal so aussah, als könnten wir ihn doch nicht bekommen. Wir hätten in der Zwischenzeit auch zwei, drei andere Spieler holen können, die interessant gewesen wären, aber wir hatten bei Davy die größte Überzeugung. Wir haben gesagt: Wir haben die Geduld, wir warten auf ihn.

Wie schwer ist es Ihnen, also dem Typen Frank Baumann, eigentlich gefallen, so viele Millionen auszugeben? Werder hat so viel wie noch nie investiert.

(schmunzelt) Ich tue bei jeder Investition und jeder Einnahme so, als ob es mein eigenes Geld wäre. Wäre ich bereit, das Geld auszugeben, wenn es mein eigenes Geld wäre, dann mache ich das auch als Manager. Aber man muss das ganze Thema Rekordtransfers und Rekordausgaben auch mal richtig einordnen.

Und zwar?

Wir haben natürlich Geld in einer Größenordnung investiert, die es bei Werder noch nie gab. Aber wir haben auch viel Geld eingenommen. Und außerdem haben sich die Transfersummen insgesamt deutlich nach oben verschoben. Ich glaube, dass es in den vergangenen zwei, drei Jahren keinen Klub gegeben hat, der für seine Verhältnisse keinen Rekordtransfer gemacht hat.

Wenn solche Transfers wie jetzt bei Werder getätigt werden, passiert ja immer das Gleiche: die Erwartungshaltung steigt. Bei den Fans. Bei den Experten. Das erhöht den Druck auf die Spieler und den Trainer.

Aber auch das muss man doch mal im Ligavergleich einordnen. Wir haben keine 25 Millionen Euro ausgegeben. Es gibt jetzt schon acht Klubs, die mehr als 25 Millionen Euro investiert haben, manche sogar deutlich mehr. Da sind die Bayern noch nicht einmal dabei, und da werden noch zwei, drei Klubs bis Ende der Transferperiode dazukommen. Wir machen hier in Bremen nichts Außergewöhnliches im Branchenvergleich. Deshalb verstehe ich auch ehrlich gesagt nicht, warum man jetzt sagt: Nun müssen sie bei Werder aber durchstarten! Wenn wir der einzige Klub mit solchen Investitionen gewesen wären: Ja, dann könnte ich das verstehen. Aber so nicht. Im Ligavergleich sind wir, auch was die Gehaltsbudgets betrifft, in der unteren Hälfte.

Aber die Erwartungshaltung beispielsweise an Davy Klaassen bleibt trotzdem groß.

Natürlich. Aber es wäre realitätsfremd zu glauben, dass Davy in jedem Spiel herausstechen wird. So funktioniert Fußball nicht. Selbstverständlich spielt er eine bedeutende Rolle, aber um Erfolg zu haben, ist jeder gefordert, auch diejenigen, die weniger Ablöse gekostet haben, bis hin zu den Spielern, die am Spieltag mal nicht im Kader stehen. Zwei oder drei Spieler allein werden es nicht richten können.

Werder hat nach Geschäftsjahren mit Millionenverlusten zuletzt zweimal kleine Gewinne gemacht. Was muss die Mannschaft erreichen, damit das so bleibt?

Unser Ziel ist es, das Ergebnisplus weiter auszubauen. Und dafür sind die größten Hebel der sportliche Erfolg und Transfererlöse.

Sportlicher Erfolg heißt: Europa League?

(schmunzelt) Wir haben ja zuletzt auch ohne Europa Gewinne gemacht. Auch Erfolge im Pokal sorgen für einen finanziellen Schub, Beispiel Frankfurt. Aber klar: Den größten Effekt hat es, wenn man international spielt.

Steht das Wort Europa bei Werder eigentlich auf dem Index?

Wir haben das Wort nie auf den Index gesetzt. Im Gegenteil: Vor zwei Jahren bei der Mitgliederversammlung haben wir gesagt, dass Europa mittelfristig dauerhaft das Ziel ist. Dafür sind wir belächelt worden.    

Wenn also Claudio Pizarro bei seiner Vorstellung von der Europa League spricht, ist das auch in Ihrem Sinne?

Wir wollen Spieler haben, die ambitioniert sind. Und es steht jedem Spieler frei, seine Ziele zu äußern. Wir als Sportliche Leitung werden das in den nächsten Wochen ja auch noch tun. Wir kriegen natürlich auch mit, dass die Stimmung in Bremen gerade sehr positiv ist. Und auch wir sind optimistisch.

Aber?

Aber es besteht aus meiner Sicht noch überhaupt kein Anlass, euphorisch zu sein. Nicht für die Fans, und erst recht nicht für die Mannschaft. Wir sind jetzt in einer ganz entscheidenden Phase der Vorbereitung und müssen in den kommenden Tagen am Chiemsee ganz, ganz hart arbeiten. Es gibt noch viel zu tun, für jeden Einzelnen, aber auch für die Mannschaft insgesamt.

Sie klingen fast ein bisschen mahnend. Ist Ihnen die Stimmung in Bremen zu euphorisch?

Der Punkt ist: Wir registrieren die Stimmungslage, aber wir dürfen daraufhin nicht die falsche Reaktion zeigen. Wir haben noch nichts erreicht. Wir fühlen uns sehr wohl mit dem Kader, keine Frage. Ich glaube auch, dass wir damit einiges erreichen können. Aber wir haben noch keinen Punkt geholt in der Bundesliga, wir sind noch keine Runde weitergekommen im Pokal. Es besteht überhaupt kein Anlass, irgendwelchen Träumereien zu erliegen. Wir wollen uns ambitionierte Ziele setzen, klar, und daran wollen wir uns dann auch messen lassen. Aber das Entscheidende dafür ist die tägliche Arbeit: Wir müssen jeden Tag hochkonzentriert arbeiten und dürfen nicht nachlassen.

Wir haben bereits über die Zugänge gesprochen, aber wie sieht es mit Abgängen aus? Können Sie garantieren, dass in diesem Sommer kein Leistungsträger mehr den Verein verlässt?

Ja. Wir werden keinen Spieler mehr abgeben, der zu den ersten 16 im Kader gehört.

Das heißt, auch Ludwig Augustinsson bleibt? Der Linksverteidiger hatte einer schwedischen Zeitung während der WM erzählt, dass er nach dem Turnier dringend etwas mit seinem Berater zu besprechen habe. Haben Sie keine Angst, dass es sich dabei um ein verlockendes Angebot aus dem Ausland handeln könnte?

Nein. Vielleicht geht es in dem Gespräch ja auch darum, was wir bei Werder langfristig mit dem Spieler vorhaben …


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