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„Europa! Ich wüsste kein anderes Ziel“

Malte Bürger 13.07.2019 1 Kommentar

(nordphoto)

Können Sie es noch hören, wenn Florian Kohfeldt wie so oft in vergangenen Tagen die Worte „Tiefe Läufe“ über den Platz brüllt?

Das stimmt, das hat er schon häufig gesagt. Das ist ein Schwerpunkt in diesem Trainingslager. Es ist aber auch gut, sich darauf zu fokussieren, damit das in unser Spiel hineinkommt und wir uns weiterentwickeln. 

Welche Auswirkungen hat die taktische Bewegung, die derzeit im Mittelfeld herrscht?

Wir müssen viel aufeinander achten. Wenn wir das aber gut machen, dann bekommen wir mehr Räume. Dann muss die Verteidigung einfach etwas weiter hinten spielen und wir bekommen als Sechser, Achter oder Zehner mehr Platz.

Werden Sie künftig deutlich aktiver agieren als noch in der vergangenen Saison oder ändert sich für Sie persönlich gar nicht so viel?

Ich glaube nicht. Letztes Jahr war ich auch defensiv und offensiv unterwegs, das wird auch dieses Jahr wieder so sein. Wenn wir natürlich dominant sind, dann sind wir alle offensiv – und das wollen wir selbstverständlich (grinst).

Mit Max Kruse wird künftig ein ganz wichtiges Element fehlen. Er hat viele Bälle geholt und verteilt, viele Torchancen vorbereitet. Müssen Sie jetzt in diese Rolle schlüpfen?

Ich bin kein richtiger Zehner oder Stürmer wie er es war. Max war natürlich in der Rückrunde super gut, aber wir haben Spieler, die das auch spielen können. Yuya Osako hat das beispielsweise auch schon letzte Saison gemacht. Das wird also kein Problem sein.

Sie würden also ausschließen, dass Sie den klassischen Zehner geben?

Es kann ab und zu dazu kommen, aber ich fokussiere mich eher auf die Acht.

Und eine Doppel-Sechs mit Ihnen ist aktuell auch keine Option?

Nuri Sahin, Kevin Möhwald, Maxi Eggestein und ich können alle sowohl auf der Sechs als auch auf der Acht spielen. Und ich finde es auch gut, dass wir auf dieser Position wechseln können, denn dann wirkt unser Spiel nicht so statisch.

Spüren Sie, dass Sie in diesem Sommer noch mehr Verantwortung übernehmen müssen?

Vielleicht ist das so, weil Max jetzt weg ist. Dadurch kommt jetzt aber vielleicht auch mehr auf alle Spieler zu, was nicht schlimm ist.

Sie sprechen wie ein kommender Kapitän…

(lacht) Das bin ich früher auch schon einmal gewesen. Natürlich haben wir am Ende einen Kapitän, aber eigentlich gibt es immer vier, fünf Spieler in einer Mannschaft, die im Prinzip Kapitäne sind.

Es steht aber außer Frage, dass Sie das Amt annehmen würden?

Natürlich. Aber ich glaube, dass Niklas Moisander immer noch vor mir ist.

Kennen Sie eigentlich Werders jüngsten Kapitänsfluch? Zlatko Junuzovic und Max Kruse haben jeweils im Folgejahr den Verein verlassen. Da dürften Sie doch eigentlich im Sinne der Fans gar nicht Kapitän werden…

Oh nein, das wusste ich nicht. (lacht)

Sie planen aber, noch länger in Bremen zu bleiben?

Natürlich.

Können Sie sich auch vorstellen, vorzeitig zu verlängern?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich habe noch drei Jahre Vertrag. Wir haben also noch nie über etwas gesprochen, drei Jahre sind noch sehr lang. Ich bin ein Spieler, der nicht so weit nach vorne schaut, weil es auch keinen Sinn macht. Es kann so viel passieren in einem Jahr.

Inwiefern hängt Ihre Zukunft vom sportlichen Erfolg in Bremen ab? Welche Rolle spielte Europa?

Es ist nicht so, dass ich denke: Wenn wir es schaffen, bleibe ich. Wenn wir es nicht schaffen, dann gehe ich.

Wie sehr schmerzt es trotzdem noch immer, dass Sie sich derzeit „nur“ für die Bundesliga vorbereiten und die Europa League so knapp verpasst haben?

Das schmerzt schon noch. Gerade gegen die drei Absteiger haben wir so viele Punkte verloren. Wenn wir nur ein paar Punkte mehr geholt hätten, wären wir vielleicht sogar in der Champions League. Das tut natürlich weh. Aber daraus müssen wir lernen. Wir dürfen jetzt enttäuscht sein, müssen aber auch die nächsten Schritte machen.

Bei Ihnen und Ihren Kollegen ist bereits durchzuhören, dass die internationalen Plätze wieder in Angriff genommen werden sollen. Kann es gar kein anderes Saisonziel geben?

Ich wüsste nicht, was es sonst für ein Ziel geben sollte. Aber wir müssen natürlich schauen, was sonst noch passiert.

Ein Problem ist: Die Konkurrenz rüstet mächtig auf, während es bei Werder recht ruhig ist. Ist da Europa überhaupt realistisch?

Es war doch im letzten Jahr ganz genauso. Alle haben auch gesagt, dass die anderen Mannschaften einen viel besseren Kader haben. Am Ende waren wir dann doch nicht so schlecht wie alle dachten.

Was meinen Sie denn, wo benötigt Ihr Team noch Verstärkungen?

Schwierig. Da müssen wir erst noch einmal abwarten, bis alle Spieler zurück sind. Es aber ja zum Glück ohnehin nicht meine Aufgabe Spieler zu kaufen. 

Schauen Sie nicht trotzdem ein wenig neidisch zur Konkurrenz, wenn man sieht, welche Mittel dort vorhanden sind?

Natürlich wollen wir das hier auch haben – aber es ist eben einfach nicht so. Und das ist nicht schlimm. Wenn du nicht ganz so viel Geld hast, dann kommst du auf ganz andere Ideen, weil es eben alles nicht so einfach ist.

Aktuell wird viel über Michael Gregoritsch gesprochen. Sportchef Frank Baumann hat schon gesagt, dass ein Transfer dieser Größenordnung nicht möglich ist. Ist das nicht aber frustrierend?

Was nicht geht, das geht nicht.

Welche Bedeutung haben diese ganzen Zahlen im Fußball für Sie. Ihr eigener Marktwert wird derzeit mit 22 Millionen Euro beziffert…

Eigentlich gar keine. Ich wusste nicht einmal, dass mein Marktwert so hoch sein soll. Am Ende bezahlt ein Verein, was er für einen Spieler bezahlen will.

Aber das sind doch teils unfassbare Summen.

Ja, natürlich. Das wird immer verrückter.

Haben Sie jemals am Computer einen Fußball-Manager gespielt?

Ja, klar.

Hätten Sie sich gekauft?

Früher schon (lacht). In Deutschland ist alles noch ein bisschen ruhig. In England geht es viel verrückter zu.

Wie lebt es sich eigentlich als Werders Rekordtransfer? Spüren Sie, dass Sie ein ganz besonderer Spieler für den Klub sind?

Nicht wirklich. Als ich in der letzten Saison neu war, haben natürlich viele Menschen darüber gesprochen. Da hatte ich schon das Gefühl, dass ich zeigen muss, dass ich es auch wert bin.

Die Bundesliga träumt von großen Namen, will die Topstars nach Deutschland holen – die dann aber doch meist in England, Spanien oder Italien landen. Geht es am Ende doch immer nur ums Geld?

Natürlich spielt es eine große Rolle. Wenn man gerade sieht, was in England bezahlt wird. Das machen die meisten Topvereine in Deutschland eben nicht. Das Marketing der Premier League ist aber auch ein ganz anderes. Für mich ist Deutschland trotzdem sehr schön, der Fußball passt viel besser zu mir.

Wie sehen Sie die Liga im Vergleich?

Von der Physis her kann man das nur schwer mit der Premier League vergleichen. Dort gibt es richtig viele starke und schnelle Spieler. Taktisch ist die Bundesliga aber besser, denke ich.

Hatten Sie nie den Gedanken, dass der Wechsel aus England nach Deutschland ein Rückschritt sein könnte?

Der Spielstil in England hat mir nicht so gefallen, außerdem habe ich ja nicht so häufig gespielt. Für mich war es daher ein Schritt nach vorne, als nach hinten. 

In wenigen Wochen gibt es am „Tag der Fans“ ein Wiedersehen mit Ihrem Ex-Klub FC Everton. Kribbelt es schon ein bisschen?

Ich finde das richtig schön. Es sind viele Jungs dabei, mit denen ich schon gespielt habe. Das ist für mich natürlich ein Topspiel und ich möchte unbedingt gewinnen.

Ist es eigentlich Ihr Ziel, deutlich mehr Scorerpunkte zu sammeln?

Das ist nicht das Wichtigste. Für mich ist es wichtig zu gewinnen. Aber natürlich wollen alle Spieler so wichtig wie möglich sein – und Tore und Assists gehören nun einmal dazu.

Tore könnten Sie natürlich als Werders neuer Elfmeterschütze machen. Mit Max Kruse hat Mr. 100 Prozent den Verein verlassen. Da wird ein Nachfolger dringend gesucht. Haben Sie Interesse an dem Job?

Ich kann das machen (lacht). Ich habe es früher schon oft gemacht.


Ein Artikel von

Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.