Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Zurückgeblättert: 10. März 2014
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

„Fair-dammt nett“

mw 09.03.2019 0 Kommentare

(Archiv WESER-KURIER)

Ob es daran liegt, dass Aaron Hunt mütterlicherseits englische Wurzeln hat? Schließlich liegen in England die Wurzeln des Fairplays, jener Ur-Tugend der Sportsmanship, die dem Gegner höchstmöglichen Respekt bezeugt. Es ist – das darf man sagen – dann doch alles etwas einfacher, auch wenn diese eine Geste von Aaron Hunt für großes Aufsehen gesorgt hat. Hunt hat, einfach so, einen Elfmeter abgelehnt, weil es keiner war. Was so einfach nicht ist in der Bundesliga, wo ein einziges Tor, ein einziger Pfiff und, ja, ein zweifelhafter Elfmeter über Millionen Euro entscheiden können.

„Ich habe mich fürchterlich aufgeregt“, sagt Sebastian Prödl. Nun ist Sebastian Prödl keiner, der der Unfairness das Wort reden möchte – im Gegenteil. Aus seiner Position auf dem Platz heraus jedoch erschien dem Innenverteidiger die Situation in der 76. Minute klar und geklärt: Foul von Nürnbergs Abwehrspieler Javier Pinola an Hunt, Pfiff von Schiedsrichter Manuel Gräfe, Strafstoß für Werder. Es wäre die große Chance zum 3:0 gewesen, Schluss mit der Angst vor einem Nürnberger Anschlusstor, das Werders Erfolg noch einmal hätte infrage stellen können. „Im ersten Moment hab‘ ich mich gefreut“, sagt Prödl, „ich dachte: Super, Elfmeter.“ Doch es war keiner. Ein Kontakt sei zwar dagewesen, doch nicht seitens Pinola – denn, erklärt Hunt: „Ich wollte mehr den Kontakt als er und hab‘ ein bisschen eingefädelt.“

Gräfe pfiff trotzdem für Hunt. In der Regel werden solche Geschenke dankend angenommen. Vor allem, wenn es um viel geht. Manchmal aber auch, wenn nur wenig bis gar nichts auf dem Spiel steht. So sorgte im vergangenen Oktober Stefan Kießling tagelang für Schlagzeilen, weil sich sein Kopfball gegen Hoffenheim durchs Außennetz den Weg ins Tor suchte. Es war der neunte Spieltag, Leverkusen gewann 2:1, es ging (noch) um nicht viel mehr als drei Punkte. In Nürnberg ging es am Sonnabend um mehr. Es war eines der „Angst-Spiele“, wie der Boulevard die Partien tituliert hatte, es ging um den Klassenerhalt und mithin um die Liga-Existenz der Klubs. So weit wird Thomas Eichin in dem Moment zwar nicht gedacht haben, als Hunt Gräfe über den Fehlpfiff aufklärte. Doch er habe die Ehrlichkeit des Spielmachers, gesteht Eichin offenherzig ein, „auf der Bank mit gemischten Gefühlen“ wahrgenommen.

Thomas Eichin weiß, dass Aaron Hunt auch anders kann. Auch Werders Spielmacher hat sich schon mit Schwalben Strafstöße erschlichen. Das gehört zum Spiel dazu wie das – gemeinhin mit Applaus bedachte – freiwillige Zuspiel zum Gegner, wenn der zuvor wegen eines verletzten Spielers den Ball ins Aus gekickt hatte. Fairness und Unfairness halten in der Regel eine seltsame Balance.

Nürnberg war die Ausnahme von der Regel. Werders Kapitän wollte diesen Hunt-Elfmeter nicht, er musste nicht lange überlegen: „In dem Moment habe ich gar nicht gezögert. Es war relativ schnell klar für mich, dass ich da die Wahrheit sage.“ Aber warum? Darf ein Spieler in so einer Situation, in so einem Spiel überhaupt so fair sein? Ehrlich währt im Fußball nicht am längsten. Wer weiß: Vielleicht wäre Deutschland 1990 nicht Weltmeister geworden, wenn Rudi Völler einst im Finale von Rom angezeigt hätte, gar nicht gefoult worden zu sein. Den zweifelhaften Elfmeter verwandelte Andreas Brehme in der 85. Minute zum 1:0-Endstand gegen Argentinien. Wundert es, dass Franco Di Santo, Argentinier in Bremer Reihen, in Nürnberg ziemlich baff war? Bei ihm zu Hause sei das „völlig unüblich – da musst du sogar damit rechnen, dass die Fans am nächsten Tag vor deiner Haustür stehen“. Und das definitiv nicht, um freundlich guten Tag zu sagen. So etwas prägt, weshalb Di Santo den Strafstoß in Nürnberg dankend angenommen hätte.

Dass er dabei gegen die Benimmregeln des eigenen Trainers entschieden hätte, konnte er nicht wissen: Denn Robin Dutt will „in meiner Mannschaft keine Theatralik und Schauspielerei sehen“. Hunt legt also korrekte Maßstäbe an, wenn er sagt: „So wollen wir kein Spiel gewinnen. Auch im Abstiegskampf sollte man fair sein.“ Fair war zuvor, in der ersten Halbzeit, schon ein Nürnberger gewesen. Hiroshi Kiyotake hatte nach einem Zweikampf mit Sebastian Prödl einen Eckball zugesprochen bekommen. Auch der Japaner winkte gegenüber Schiedsrichter Gräfe ab, signalisierte ihm, dass seine Schuhspitze zuletzt am Ball gewesen wäre. Erst Prödl und dann auch Hunt dankten Kiyotake per Handschlag.

Auch wenn er später nicht bewusst an diese erste Fairplay-Geste des Spiels gedacht hat – vielleicht war durch Kiyotakes Ehrlichkeit eine Atmosphäre geschaffen, die Hunt später seine eigene spontane Entscheidung erleichterte. Aaron Hunt hat sich mehr Respekt verschafft als mit so manchem Tor, als mit so mancher Vorarbeit per Hackentrick oder Pfostenschuss. Auch beim Gegner: „Großer Sport von Aaron Hunt“, twitterte Nürnbergs Per Nilsson. Und im eigenen Team gab’s auch Lob: „Das muss man hoch anrechnen“, findet Prödl und lacht: „Jetzt haben wir nicht nur drei Punkte gewonnen, sondern auch noch einen Fairplay-Preis.“

Das hochauflösende PDF der Original-Zeitungsseite gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).


Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.