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Werders Pläne im Scoutingbereich
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Fritz oder Mister X

Jean-Julien Beer 09.10.2019 6 Kommentare

Arbeitsplatz Weserstadion: Clemens Fritz absolviert bereits seit März 2018 ein zweijähriges Traineeprogramm beim Bremer Bundesligisten.
Arbeitsplatz Weserstadion: Clemens Fritz absolviert bereits seit März 2018 ein zweijähriges Traineeprogramm beim Bremer Bundesligisten. (nordphoto)

Die Frage eines bayerischen Zuschauers sorgte beim Trainingslager in Grassau in diesem Sommer für einige Lacher. „Und was ist das jetzt für eine Werder-Mannschaft?“, fragte der Mann und schaute etwas ratlos auf die mit grünen Werder-Klamotten ausgestatteten Herren, die gerade in Mannschaftsstärke zum Trainingsplatz kamen – während die Bremer Profis dort schon trainierten. Es waren die Werder-Scouts, die Sportchef Frank Baumann zu einem zweitägigen Workshop an den Chiemsee bestellt hatte. Darunter Werder-Größen wie Mirko Votava, Frank Ordenewitz oder Ehrenspielführer Clemens Fritz.

Auch wenn Baumann die “enorme Wichtigkeit dieses Bereichs“ bei dem Workshop Ende Juli betonte, ist diese Abteilung schon länger eine Baustelle. Schuld daran ist der frühere Bremer Simon Rolfes. In seiner neuen Rolle als Sportdirektor von Bayer Leverkusen warb er Werder im Juni den langjährigen Kaderplaner Tim Steidten ab. Nach mehr als einem Jahrzehnt in der Scoutingsabteilung am Osterdeich lockte der Champions-League-Klub vom Rhein mit einem Gesamtpaket, das man kaum ablehnen kann. Einerseits war Steidten bei der Auswahl potenzieller Neuzugänge und bei der Vorbereitung von Transfers einer der wichtigsten Mitarbeiter von Baumann; andererseits begriff der Sportchef den Verlust schnell als Chance, den gesamten und für ihn sehr relevanten Bereich Scouting und Kaderplanung anders aufzustellen. Mit Blick auf eine Nachfolgeregelung für Steidten betont Baumann: „Es ist meine Verantwortung, die bestmögliche Lösung für Werder zu finden und umzusetzen.“

Externe Kandidaten stehen unter Vertrag

Bei Werder werden gerade zwei Optionen diskutiert: Entweder übernimmt Fritz die Leitung der Scoutingabteilung, oder es wird ein externen Spezialist für diese Position verpflichtet. Die richtig guten Leute, die entscheidend weiterhelfen könnten, stehen aber meist bei anderen Vereinen oder bei Verbänden unter Vertrag. Hier muss im Einzelfall geklärt werden, wann und zu welchen Konditionen sie überhaupt unter Vertrag genommen werden können. An möglichen Kandidaten mangelt es nicht, wie Baumann verrät: „Wir haben viele Bewerbungen und Empfehlungen für diese Position bekommen. Extrem viele Leute würden diese Aufgabe gerne übernehmen.“

Unter der Regie von Baumann und Trainer Florian Kohfeldt wurden in den vergangenen Jahren viele Strukturen und Prozesse im Verein neu aufgebaut oder angepasst. Nun ist der Bereich Kaderplanung und Scouting dran. Dabei soll Qualität vor Schnelligkeit gehen, heißt es dazu immer wieder. Dass inzwischen Monate verstrichen sind, stört Baumann nicht. „Wir sind im Scouting in allen Altersklassen weiterhin handlungsfähig, auch wenn der Bereich derzeit kommissarisch geführt wird“, sagt der Sportchef, „die vergangenen Monate haben gezeigt, dass wir da aktuell auch sehr gut aufgestellt sind.“ Kommissarisch wurden alle Entscheidungen und Verträge zuletzt von Baumann und Fritz sowie von Chefscout Sebastian Hartung und Justiziar Tarek Brauer abgearbeitet.

Baumanns Vergleich mit Kohfeldt

Intern genießt Fritz einen guten Ruf bei Werder, die Handelnden haben eine hohe Meinung vom Ex-Nationalspieler, der bei Werder gerade ein Traineeprogramm durchläuft. Trotzdem ist die Entscheidung für den Ehrenspielführer noch nicht gefallen. Die Frage scheint, wann der ideale Zeitpunkt wäre, einem Mann wie ihm mehr Verantwortung zu übertragen. In jedem Fall befindet sich Fritz für die Steidten-Nachfolge in einem Wettbewerb mit externen Kandidaten. „Die Position ist zu wichtig, um einen Schnellschuss zu machen“, betont Baumann, „hier geht es darum, einen sehr professionellen und sorgfältigen Prozess aufzusetzen, bis man die beste Lösung für Werder Bremen gefunden hat. Bis wir uns endgültig für Florian Kohfeldt als Trainer entschieden haben, hat das auch gedauert.“

Baumann hatte auch überlegt, die Strukturen zu verändern und das sportliche Fachwissen in dieser Abteilung zu trennen von den anderen Aufgaben, wie etwa den ständigen Kontakten zu Spielerberatern, den Vorgesprächen mit Kandidaten und ersten Verhandlungen. Klar ist: Um auf einen Niclas Füllkrug, Ömer Toprak, Leonardo Bittencourt oder Michael Lang zu kommen, also vier Neuzugänge dieses Sommers, braucht man keine Scoutingabteilung. Alle sind bekannte Bundesligaprofis. Um aber die Möglichkeiten einer Verpflichtung abzuklopfen und den Kontakt zu den Spielern und ihren Beratern zu halten, braucht man clevere Leute. Sehr gute Scouts sind wichtig, um einen Milot Rashica frühzeitig in den Niederlanden aufzuspüren oder Jiri Pavlenka in Prag richtig einzuschätzen.

„Ein professioneller Rekrutierungsprozess“

Fritz ist, wenn man so will, Werders Plan A für Veränderungen in dieser Abteilung. Doch es gibt im Verein auch Überlegungen, Fritz näher an die Profimannschaft und das Trainerteam zu rücken, damit er Kohfeldt zum Beispiel bei der täglichen Medienarbeit unterstützt. Das sind zwei verschiedene Jobs. Es gibt aber bei Werder nur einen Fritz. Auch solche Fragen warten noch auf Beantwortung.

Baumanns Hinweis auf Kohfeldts Amtsübernahme vor zwei Jahren ist passend. Auch der junge Trainer aus der hauseigenen U23 wurde nicht sofort Chef, sondern agierte gewissermaßen kommissarisch. Er wusste, dass der Verein andere Optionen prüft. Damals war Kohfeldt die Benchmark, die es zu erreichen galt. Letztlich lag diese Latte so hoch, dass kein anderer für Werder erschwinglicher Kandidat sie überspringen konnte. Bei Fritz, der sich bisher primär um die 13 von Werder verliehenen Spieler kümmert, läuft es nun ähnlich. Deshalb agiert Baumann demonstrativ entspannt: „Weil wir mit Clemens Fritz einen sehr guten Kandidaten im eigenen Haus haben, gibt es keinen extremen Druck bei unseren Überlegungen. Es ist ein normaler, professioneller Rekrutierungsprozess.“

Baumann ist jedoch auch ein Freund davon, den Kader schon ein paar Jahre im Voraus grob zu strukturieren und Transferentscheidungen vorzubereiten. Dazu braucht er einen Stab, auf den er sich konstant und langfristig verlassen kann. Länger als bis zum Jahreswechsel würde Baumann auf einen externen Kandidaten sicher nicht warten. Schließlich liegt Werders Chance bei der Kaderplanung und im Scouting vor allem darin, schneller zu sein als die Konkurrenz.


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