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Kaderplaner Steidten im Interview
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„Früher waren Perlen besser zu finden“

Malte Bürger und Stefan Rommel 10.09.2018 0 Kommentare

(Nordphoto)

Das Transferfenster in Deutschland ist geschlossen, Werder hat mit Nuri Sahin auf den letzten Metern noch einen Spieler verpflichtet. Haben Sie jetzt endlich Urlaub oder rüsten Sie sich bereits für den nächsten Stichtag?

Tim Steidten: Es ist so eine Mischung gerade. Ein bisschen ruhiger ist es schon geworden, aber jetzt geht es damit los, das Scouting neu auszurichten oder anzupassen. Für mich persönlich sind die Herbstferien immer ein Richtwert, wenn die Mannschaft sich ein wenig eingespielt hat. Dann kann ich kurz etwas abschalten.

Sind Sie denn zufrieden mit dem Ergebnis der Transferaktivitäten?

Grundsätzlich bin ich nie zu 100 Prozent zufrieden, sondern es gibt immer noch etwas, das man optimieren könnte. Trotzdem kann man sagen, dass Vieles schon so gelaufen ist, wie wir uns das vorgestellt haben.

Wie dürfen wir uns Ihre Bemühungen vorstellen? Äußert Florian Kohfeldt den Wunsch, welchen Spieler er gerne hätte, stellt dann Frank Baumann als Sportchef die Summe X in den Raum und dann geht Ihre Suche los?

Es ist immer eine Dreierkonstellation. Wir besprechen zusammen, wie wir uns den Kader vorstellen, was noch passen würde und welche Profile wir brauchen. Damit gehe ich dann an die Arbeit und zu den Scouts und wenn wir dann Vorschläge entwickelt haben, gehe ich wieder zu Frank und Florian und wir besprechen, was auch in ihren Augen Sinn machen würde.

Wie haben die neuen technischen Möglichkeiten das Scouting verändert?

Früher war es so, dass Vieles einfach nicht bekannt war. Da ist man auch schon mal zu Spielen ins Ausland geflogen und hat Spieler gesehen, die man vorher noch gar nicht kannte. Das hat sich durch die Globalisierung, aber auch durch die Technik verändert. Damals waren auch die Wege dorthin schwieriger, heute ist man schnell mit einem Video oder einem Anruf zumindest schon einmal etwas informiert. Aber klar, früher waren Perlen vielleicht besser zu finden als jetzt. Wenn man sich aber andererseits Hendrik Weydandt von Hannover 96 anschaut, der vor einigen Jahren noch Kreisliga gespielt hat, ist es schön zu sehen, dass es so etwas im Fußball immer noch gibt. Zum Glück.

Wie viele Spieler haben Sie bei Werder denn so auf dem Radar?

Das ist sehr schwierig zu sagen. Wir haben eine Datenbank, in der zig tausend Spieler sind. Es kommt immer darauf an, was wir suchen. Wenn wir uns auf ein Suchprofil geeinigt haben, dann ergibt sich eine eingeschränkte Anzahl. Je länger diese Suche dauert, desto kleiner wird der Kreis an Kandidaten, die für uns interessant sein könnten. Das passiert nach der Datensichtung durch unser Live-Scouting und durch Erfahrungen aus der Vergangenheit. Bei Jiri Pavlenka war es beispielsweise so, dass wir ihn vorher noch nicht live gesehen hatten, aber die Daten eben dementsprechend gut waren. Und dann haben wir ihn danach live gesehen.

War im Sommer ein Spieler dabei, der über die Datenbank gefunden und verpflichtet wurde?

Nein. Aber es waren Spieler dabei, die im engeren Kreis waren - die wir aber am Ende nicht geholt haben auf Grund der Eindrücke im ­Live-Scouting.

Werder arbeitet auch mit externen Firmen zusammen. Wie läuft diese Zusammenarbeit ab?

Wir haben unsere internen Datenbanken und unser Live-Scouting. Und wir haben das externe, reine Datenscouting. Da arbeiten wir mit zwei Anbietern zusammen, mit Impact und Opta. Wir nutzen beide Datenbanken, um auf die Profile zugreifen zu können. Wenn in einer der Datenbanken ein Spieler auftaucht, schauen wir uns den Spieler genauer an. Lange Zeit war in der Datenerfassung deren Qualität aber nicht ganz klar. Das hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert. Und wir können die rohe Datenmenge nun besser in einen Kontext stellen. Weil Daten eben nicht alles sind. Generell gilt: Live-Scouting schlägt immer Daten-Scouting!

Scoutet Werder bevorzugte Märkte und lässt andere dafür eher außen vor?

Wir haben schon bestimmte Regionen definiert, in denen wir gewisse Vorteile sehen. In Skandinavien etwa, wo die Einschätzungen der Spieler, was die Mentalität angeht, etwas einfacher sind als zum Beispiel im südamerikanischen Raum. Deshalb schließen wir die anderen Märkte aber nicht kategorisch aus.

Im Fall von Nuri Sahin hat Frank Baumann erklärt, dass sich die Tür für einen Wechsel ganz spät erst geöffnet habe. Hat Werder einen Spieler dieses Formats überhaupt langfristig auf dem Zettel oder erkennt man tatsächlich erst ganz am Ende, dass dieser Spieler aufgrund der Konstellationen bei seinem bisherigen Klub infrage kommt?

Grundsätzlich achten wir erst einmal auf die sportliche Qualität und die Frage, welcher Spieler uns wirklich besser machen würde. Dann gibt es eben Spieler, bei denen wir ja sagen, aber sehen, dass es finanziell eher schwierig wird. In solchen Fällen ist es dann meistens so, dass wir am Ende einer Transferphase auf diese Spieler noch einmal besonders achten und schauen, ob sich an der Situation etwas verändert hat. Das ist kein Zocken, aber natürlich kann man sich frühzeitiger festlegen auf einen Spieler, der vielleicht am Ende nicht zu 100 Prozent das Profil erfüllt, oder eine andere Gewichtung der Qualitäten wie der andere hat, den man dann aber eben früher im Kader hat und mit ihm arbeiten kann. Da muss man dann genau abwägen, was entscheidend ist. Natürlich möchte jeder Trainer seinen Kader frühzeitig zusammen haben, aber manchmal sagen wir dann eben, dass man an der Stelle vielleicht noch etwas warten sollte, weil sich noch eine Möglichkeit ergeben könnte.

Und wie lief das jetzt speziell im Fall Nuri ­Sahin?

Er war immer auf unserer Liste weit oben gerankt, aber es sah eben lange auch so aus, als wäre ein Transfer unrealistisch. Aber wir haben immer wieder nachgefragt beim Spieler und beim Berater, da muss man dann auch ein bisschen nerven. Und dann hat sich doch eine kleine Tür geöffnet.

In diesem Jahr war Werder sonst mit den Verpflichtungen von Yuya Osako, Felix Beijmo, Kevin Möhwald und Martin Harnik besonders früh dran. Ist das Zufall gewesen oder war das bewusst geplant?

Einen Spieler wie Davy Klaassen hätten wir natürlich auch schon gern früher gehabt, aber da hat es eben länger gedauert. Felix Beijmo haben wir dagegen schon früh im letzten Jahr versucht zu bekommen und jetzt hat es geklappt. Das ist von Spieler zu Spieler unterschiedlich, weil es verschiedene Konstellationen mit Beratern, abgebenden Vereinen, familiären Situationen oder Verletzungen gibt. Deshalb ist das pauschal schwer zu sagen. Wir waren aber auch in den letzten Jahren durchaus früh dran, haben beispielsweise Thomas Delaney zeitig unter Vertrag genommen. Es waren in diesem Jahr einfach mehr Transfers, vielleicht ist dadurch dieser Eindruck entstanden.

Wie bereiten Sie sich bereits jetzt auf die Zukunft vor? Nehmen wir das Beispiel Jiri Pavlenka, der dort weiterzumachen scheint, wo er in der Vorsaison aufgehört hat. Treffen Sie jetzt schon Vorkehrungen für einen eventuellen Abgang des Torhüters?

Ja, aber das ist unabhängig von Jiri. Das ­machen wir für alle Positionen so. Wir
müssen so aufgestellt und vorbereitet sein, dass wir jederzeit reagieren können. Wir haben ja jetzt schon viele Angebote für unsere Spieler.

Wer oder was ist der wichtigste Baustein in allen Überlegungen?

Unsere Spielphilosophie. Wir wollen und müssen unsere Spielidee bei den Profis und im Nachwuchsbereich immer erkennen können. Also müssen neue Spieler immer in unsere dementsprechend festgelegten Profile passen.

Ist Florian Kohfeldt eigentlich tatsächlich ein Glücksfall, der Türen öffnet in den Gesprächen mit potenziellen Zugängen?

Hundertprozentig! Aber: Kein Transfer wird vollzogen, weil eine einzelne Person das will. Bei Davy Klaassen waren wir zum Beispiel zu dritt in England zu Gesprächen. Ein Transfer ist ein Gesamtkonstrukt mit ganz vielen kleinen Aspekten, die es zu beachten gilt und mit ganz vielen Leuten, die darin involviert sind. Alleine die unterschiedlichen Mitarbeiter oder Abteilungen aufzuzählen, die an jedem Transfer beteiligt sind, würde dieses Interview leider zeitlich sprengen. Insofern ist ein gelungener Transfer auch immer ein Kompliment an den gesamten Verein.

Hat Werder jetzt eigentlich einen Kohfeldt-­Kader beisammen?

Nein, denn es wird bei uns nie einen Kader geben, der alleine für einen Trainer, sondern der für die Spielphilosophie von Werder Bremen zusammengestellt wird. Flo ist in unserer Spielidee als Trainer die wichtigste Person im ganzen Verein und es ist einfach nur ein Glücksfall, dass unsere Spielidee von unserem jetzigen Trainer nicht nur umgesetzt, sondern teilweise sogar mitentwickelt und geprägt wurde. Insofern ist das eben kein Kohfeldt-, Baumann- oder Steidten-Kader, sondern ein Werder-Bremen-Kader.

Wird nach so einer – auf dem Papier – erfolgreichen Transferperiode der Druck auf und für Sie in Zukunft auch größer?

Ich messe mich nicht an den Spielern, die wir geholt haben. Ich sträube mich auch dagegen, dass wir frühzeitig für Transfers gefeiert werden. Sportlicher Erfolg oder Misserfolg kann tausend Gründe haben und muss immer differenziert betrachtet werden. Ein gelungener Transfer ist daher für mich erst dann gelungen, wenn wir auf dem Rasen sportlich erfolgreich sind und nicht nur auf dem Papier gelobt werden. Aber weder ich noch der Trainer oder Frank verspüren Druck, sondern alleine Vorfreude auf diesen Kader. Erst wenn etwas nicht funktioniert, dann verspüre ich persönlich so etwas wie Druck. Dann fange ich an, mich und unsere Arbeit zu hinterfragen, überlege wo wir besser werden müssen, was vielleicht noch nicht gepasst hat.

Das Gespräch führten Malte Bürger und Stefan Rommel.

Tim Steidten (39)

wurde im Februar 2016 Assistent des damaligen Sportchefs Thomas Eichin. Unter Eichin-Nachfolger Frank Baumann wurde Steidten Leiter der Abteilung Scouting/Kaderplanung. Steidten spielte Fußball beim SC Weyhe, SV Werder II, FC Oberneuland, SV Meppen sowie dem VfB und VfL Oldenburg. Kurzzeitig war er auch für die Seattle Sounders aktiv.


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