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Warum Werder das Remis von Frankfurt guttut
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Glücklich in die Pause

Christoph Sonnenberg 07.10.2019 11 Kommentare

Christian Groß, Davy Klaassen, Leonardo Bittencourt und Josh Sargent (von links) bejubeln das 1:0.
Christian Groß, Davy Klaassen, Leonardo Bittencourt und Josh Sargent (von links) bejubeln das 1:0. (nordphoto)

Die Zeit drängte, auch wenn der Weg von der Frankfurter Arena zum Flughafen nur knappe zehn Kilometer beträgt. Aber Florian Kohfeldt hatte gute Laune und so stand er im Bauch des Stadions und erklärte ausgiebig die Gründe und Hintergründe des 2:2 bei der Eintracht. Also redete Kohfeldt, deutlich erleichtert, dass es doch noch gut gegangen war, wenn auch in quasi allerletzter Sekunde der Nachspielzeit, während die Mannschaft schon längst im Bus saß, um am Sonntagabend den letzten Flieger zurück nach Bremen zu erreichen.

“Ganz zufrieden bin ich mit dem Spiel nicht, weil wir nicht an unser Limit gekommen sind”, sprach Kohfeldt und sah dabei eigentlich ganz zufrieden aus. Dann zog er eine Art Mini-Fazit vor der anstehenden Länderspielpause: “Es ist alles erklärbar. Wir sind in einer Ausgangssituation, die es uns erlaubt, weiter über unsere Saisonziele nachzudenken. Und die es uns erlaubt, zu sagen: die Mentalität mitnehmen, den Willen mitnehmen, und weiter Fußballspielen.” 

Das späte Remis in Frankfurt, das den achten Punktgewinn im siebten Spiel bedeutete, war in der Tat der Mentalität, dem Willen der Bremer Mannschaft zuzuordnen. Auch wenn das Wort Mentalität gerade ein wenig in Verruf geraten ist dank der Wutrede Marco Reus'.

Klaassen setzt ein Zeichen

Es war ein Akt des Willens, dass Davy Klaassen nach intensiven 90 Minuten noch den weiten Weg in den gegnerischen Strafraum suchte, wo ihn Frankfurts Hasebe dann elfmeterreif foulte. Dass Klaassen wenige Sekunden vor Schluss nicht das Ergebnis abgehakt hatte, sondern weiter in die Offensive stürmte, ist ein Zeichen, dass die Mannschaft will und an die eigenen Fähigkeiten glaubt, seien die Umstände auch noch so widrig. 

Die Begriffe Wille und Mentalität fielen häufig, als es galt, das Ergebnis, mit dem wohl kaum noch jemand gerechnet hatte, zu erklären. “Wenn man schaut, dass wir in der 88. Minute 1:2 in Rückstand geraten und dann das 2:2 machen, ist das schon irgendwie glücklich”, sagte Marco Friedl. “Aber es zeigt wieder mal die Moral und unseren Teamgeist, dass wir nach so einem Rückschlag ganz kurz vor Schluss wieder zurückkommen.” Sportchef Frank Baumann sprach der Mannschaft ein Kompliment aus, “wie sie sich reingehauen hat und zum Schluss zurückgekommen ist”. Auch wenn fußballerisch ganz offensichtlich etwas fehlt, wenn es mitunter Probleme gibt, strukturiert einen Gegner zu verteidigen oder zu bespielen, das Fundament aus Einstellung und Mentalität stimmt, da sind sie sich einig bei Werder. Und darauf lässt sich aufbauen.

Bei allem Lob für die Mentalität hat das Spiel in Frankfurt die aktuellen fußballerischen Mängel allerdings ebenfalls gezeigt. Werder war nicht in der Lage, die vielen Flanken der Eintracht zu unterbinden, auch wenn bekannt ist, dass das Flügelspiel Frankfurts Stärke ist. "Auf beiden Seiten haben wir nicht so gut zugestellt”, sagte Friedl, der als Außenverteidiger für das Zustellen zuständig war. “Wir waren oft in Unterzahl, weil wir es in der Mitte einfach kompakt gehalten haben und dann auf außen oft Zwei-gegen-eins-Situationen zugelassen haben.” In der zweiten Halbzeit fehlte den Bremern jegliche Struktur im Aufbauspiel. Das Konzept, die Bälle aus der Defensive hoch und weit in die generische Hälfte zu schlagen, dürfte nicht das vorher festgelegte gewesen sein. “Der Schlüssel liegt im Ballbesitz. Wenn man jeden Ball nur hinten rauskloppt, fängt Frankfurt ihn ab und rollt wieder an. Dann weiß jeder Fußballer, dass irgendwann die Lücke aufgeht”, sagte Kohfeldt.

Hoffnung auf Osako

Dass es am Ende doch gut gegangen ist, sorgt dafür, dass sportliche Leitung und Spieler glücklich in die Pause gehen, die jetzt aufgrund der Länderspiele ansteht, bevor es am 19. Oktober im Weserstadion gegen Hertha BSC weiter geht. Wirklich enttäuschend ist für Kohfeldt in dieser Saison nur die Heimniederlage zum Auftakt gegen Düsseldorf. “Das Spiel müssen wir gewinnen, das ärgert mich. Die drei Punkte mehr, dann wären wir komplett im Soll.” Glücklich sind sie auch, weil sie wissen, dass es auch anders hätte laufen können gegen Frankfurt und Werder den Rückweg nach Bremen ohne Punkt angetreten hätte. Und glücklich sind sie nicht zuletzt, weil sich die seit Monaten angespannte Personalsituation nach der Länderspielpause entspannt haben wird. 

Ömer Toprak dürfte endlich gesund sein, auch wenn Kohfeldt mit Ironie in der Stimme anmerkte, dass er bereits mehrfach ein Comeback ankündigte, “aber Vorsicht, da ist ja noch Training dazwischen”. Viele Spieler werden durch Training und das Testspiel gegen St. Pauli am Freitag kommender Woche physisch weiter sein. Zum Beispiel Philipp Bargfrede, der nach der Länderspielpause “definitiv ein Kandidat für die Startelf ist”. Sebastian Langkamp wird näher dran sein. “Vorne wird was passieren”, sagte Kohfeldt und meinte Yuya Osako, der “hoffentlich gegen Hertha wieder dabei ist”. Und dann, sagt der Trainer, “dann haben wir Varianten.”

Verändern werde sich durch die Rückkehr der verletzten Spieler etwas, das in der öffentlichen Wahrnehmung eher untergehen würde, sagte der Trainer. “Wir müssen trainieren, trainieren, trainieren. Das ist wichtig für uns.” Die Woche vor dem Spiel gegen Frankfurt sei die erste richtige Trainingswoche nach der Sommerpause gewesen, “in der wir mal wieder zehn gegen zehn spielen konnten”.

Alles sei eine Frage der Zeit, beziehungsweise der personellen Alternativen: “Ich stelle die These auf: Wenn wir ein bisschen gefestigter wären momentan, wäre die Drucksituation von Frankfurt so nicht entstanden. Weil wir ein paar Situationen deutlicher rausgespielt hätten.” So soll es gegen Hertha sein, ein Neustart light in die Saison, die Vorzeichen sind dann andere. Jetzt aber geht es erstmal glücklich in die Pause.​


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