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Maximilian Eggestein im Interview
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„Große Hoffnungen habe ich mir nicht gemacht“

Jean-Julien Beer und Christoph Bähr 15.10.2019 6 Kommentare

Maximilian Eggestein im Zweikampf mit dem Frankfurter Sebastian Rode.
Maximilian Eggestein im Zweikampf mit dem Frankfurter Sebastian Rode. (nordphoto)

Herr Eggestein, es ist Länderspielpause, und Sie sind in Bremen. Das kennt man gar nicht, denn sonst waren Sie mit der U21-Nationalmannschaft oder einmal sogar mit dem A-Nationalteam unterwegs. Ist das auch für Sie ungewohnt?

Ein Stück weit ist es schon ungewohnt, weil ich immer mit der U21 unterwegs war. Leider bin ich da jetzt rausgewachsen. Die letzte Länderspielpause habe ich aber auch hier verbracht,  daher kenne ich das schon ein bisschen.

Ihr Bruder Johannes ist momentan nicht da, denn er steht im Kader der U21-Auswahl. Da müssen Sie sich doch langweilen, oder?

Das tut natürlich schon weh, weil ich jetzt abends häufig alleine bin. Mich freut es aber für ihn. Ich fand es immer sehr schön bei der U21, und diese Zeit kann er jetzt noch zwei Jahre lang mitmachen.

Bei der A-Nationalmannschaft ist zuletzt ein Spieler nach dem anderen ausgefallen. Hatten Sie Ihr Handy nach den ganzen Absagen und Verletzungen immer im Blick?

Nein, nicht mehr als sonst. Mit den Nachnominierungen ging es ja auch relativ schnell. Ich habe das erst gar nicht so mitbekommen und dann darüber gelesen wie alle anderen auch.

Wie groß war Ihre Hoffnung, dass der Bundestrainer bei Ihnen anruft?

Wenn man schon einmal dabei war, macht man sich natürlich immer Hoffnungen. Ich habe die Nominierung auch verfolgt, aber dass dann am Sonntag und am Montag so viele Spieler ausgefallen sind, habe ich gar nicht so richtig mitbekommen. Daher war es auch nicht so, dass ich mir ganz große Hoffnungen darauf gemacht habe, nachnominiert zu werden.

Im März standen Sie einmal im Kader der Nationalelf. Gab es in letzter Zeit Kontakt zu Bundestrainer Joachim Löw?

Nein.

Wie sind Sie denn mit dem Trainerstab auseinandergegangen? Wurde Ihnen gesagt, was sie noch verbessern können oder was von Ihnen erwartet wird?

Es gab schon Gespräche, das ist jetzt aber auch bereits ein halbes Jahr her. Da passiert im Fußball relativ viel. Damals ging es noch um die U21-Europameisterschaft und was ich mir dafür vornehmen soll.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie sich in diesem halben Jahr vom Kader der A-Nationalmannschaft ein Stück weiter entfernt haben?

Vor einem halben Jahr war ich dabei, jetzt bin ich nicht dabei. Da liegt es auf der Hand, dass ich im Moment ein Stück weiter weg bin als damals. Das kann sich aber auch schnell wieder verändern. Erst einmal möchte ich jetzt wieder in meinen Rhythmus finden und mich über gute Leistungen empfehlen.

Im Kader der Nationalelf stehen viele Spieler, die mit ihren Vereinen im europäischen Wettbewerb spielen. Sie können sich bei Werder derzeit nicht auf der internationalen Bühne präsentieren. Ist das ein Handicap?

Nein, ich glaube nicht. Es sind jetzt zum Beispiel zwei Spieler des SC Freiburg dabei. Die spielen auch nicht international.

Einer dieser Freiburger Spieler ist Robin Koch. Er wurde genauso wie der Schalker Suat Serdar nachnominiert. Beide waren bei der U21-EM dabei, aber eher als Ergänzungsspieler. Sie haben dagegen in allen Partien in der Startelf gestanden, wurden jetzt aber nicht nominiert. Haben andere Spieler Sie also überholt?

Man muss diese Personalien unabhängig voneinander betrachten. Suat hat in den ersten Saisonspielen gute Leistungen gezeigt, und es läuft bei Schalke echt gut. Damit hat er sich die Nominierung auf jeden Fall verdient. Bei Robin ist es ähnlich, Freiburg steht auch gut da. Bei ihm kommt noch dazu, dass sehr viele Innenverteidiger ausgefallen sind. Er hat sich die Nominierung genauso verdient.

Werder konnte noch nicht so glänzen wie Schalke oder Freiburg. Ein Grund dafür waren die vielen Verletzten. Sie mussten deswegen als Außenverteidiger oder im defensiven Mittelfeld aushelfen. Liegt es auch daran, dass Sie sich noch nicht so in den Vordergrund gespielt haben wie in der vergangenen Saison?

Mir fehlt im Moment ein gewisser Rhythmus. Ich habe in den ersten vier Spielen auf drei verschiedenen Positionen gespielt. Dann war ich verletzt. Das soll keine Ausrede sein, aber wir müssen nach dieser schweren Phase jetzt alle in einen guten Rhythmus kommen, damit alles ein bisschen leichter fällt und sich gewisse Dinge wieder einspielen.

Ist die Länderspielpause ein guter Moment für eine Art Neustart? Einige verletzte Spieler kommen ja zurück.

Neustart trifft es ein Stück weit. Unser Kader ist jetzt hoffentlich mal wieder richtig voll. Auch das Trainingsniveau steigt dadurch, das wird manchmal unterschätzt. Wenn man mit neun oder zehn Spielern trainiert, ist das etwas ganz anderes als mit 20 Spielern. Wir haben alle die Hoffnung, dass wir nach der Länderspielpause richtig angreifen können.

Wie schätzen Sie Werders Saisonstart insgesamt ein?

In den ersten beiden Spielen haben wir Punkte hergeschenkt. Danach sind wir ganz gut durch die schwierige Phase gekommen. Gerade gegen Union und Leipzig sind wirklich viele Spieler ausgefallen. Dass man danach in Dortmund unentschieden spielt, ist nicht selbstverständlich. Mit dem Punkt in Frankfurt können wir leben. Nach dem Spiel haben wir uns aber gesagt, dass das nicht unser Fußball war. Wir haben uns vorgenommen, dass wir in den kommenden Wochen wieder zu der Art und Weise des Fußballs zurückfinden, die wir spielen möchten.

Als Werder in der vergangenen Saison so gespielt hat, wie Werder spielen will, haben Sie die Achter-Position bekleidet. Werden Sie dort jetzt wieder dauerhaft spielen?

Auf dieser Position spiele ich am liebsten, das habe ich schon häufiger gesagt. Wegen einiger Ausfälle, die nicht abzusehen waren, musste ich am Anfang der Saison als Außenverteidiger aushelfen. Jeder wusste aber, dass das keine längerfristige Lösung ist. Ich denke schon, dass der Trainer mit mir auf der Acht plant. Da wir häufig das System wechseln, ist es zwischendurch aber auch mal möglich, dass ich auf der Sechs zum Einsatz komme.

Was gefällt Ihnen an der Achter-Position so gut?

Ich spiele auch gerne Sechser. Zu dieser Position gehört es, den Laden zusammenzuhalten und das Zusammenspiel zwischen Offensive und Defensive zu koordinieren. Dadurch spielt man eben nicht so auffällig. Früher hat man häufig gelesen: Wenn ein Sechser unauffällig gespielt hat, hat er ein gutes Spiel gemacht. Auf der Acht kann man dagegen ein bisschen freier agieren und hat mehr Aktionen nach vorne, weil man sich nicht so viele Gedanken darüber machen muss, was hinter einem passiert. Man ist nicht für die Absicherung zuständig. Das gefällt mir auf der Acht besser als auf der Sechs.

Als Achter haben Sie in der vergangenen Saison einen bombastischen Saisonstart hingelegt und schon früh vier Tore auf dem Konto gehabt. Ist es der Fluch der guten Tat, dass viele dadurch heute mit einer unauffälligen Leistung von Ihnen nicht mehr zufrieden sind?

Viele Leute sehen nicht das Gesamtbild und realisieren nicht, was bei uns in den letzten Wochen los war. Ich war ja nicht der Einzige, der auf einer Position gespielt hat, die er nicht favorisiert. In solchen Zeiten ist es wichtig, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Es geht nicht immer darum, sich durch eigene Leistungen zu profilieren, sondern um die Gesamtsituation. Ich stelle immer die Mannschaft in den Vordergrund. Wenn meine eigene Präsenz in der Öffentlichkeit darunter leidet, habe ich damit kein Problem.

Als Sie auf anderen Positionen aushelfen mussten oder gegen Leipzig nach einer Rückenverletzung direkt wieder spielten, weil die Personalnot so groß war, wurde Ihre Leistung in der Öffentlichkeit trotzdem kritisch betrachtet. Fühlten Sie sich manchmal ungerecht behandelt?

Wenn man wahrnimmt, dass so etwas öffentlich über einen gesagt wird, denkt man sich im ersten Moment: Hey, das stimmt doch gar nicht. Letztendlich ist aber das Wichtigste, was bei uns in der Kabine passiert. Was wir untereinander oder mit dem Trainerteam besprechen, weiß die Öffentlichkeit ja meistens gar nicht. Wichtig ist, dass wir uns in die Augen gucken und sagen können: Wir haben alles für die Mannschaft gegeben. Da ist es immer zweitrangig, was außerhalb der Kabine passiert.

Ihr Trainer Florian Kohfeldt hat kürzlich trotzdem ein Plädoyer für Sie gehalten und Sie dafür gelobt, dass Sie sich in den Dienst der Mannschaft gestellt haben. Das tut sicher gut, oder?

Wenn der Trainer sich vor einen stellt, tut das gut. Keine Frage.

Dass Florian Kohfeldt für Sie sehr wichtig ist, weiß man ohnehin. Wie gehen Sie damit um, wenn Spekulationen um den Trainer aufkommen? Kürzlich ging es um einen Wechsel nach Dortmund.

Natürlich wünsche ich mir, dass er hier bleibt. Andererseits habe ich ihn kennengelernt als Co-Trainer der U17. Da war er noch gar nicht fest angestellt beim Verein. Nach dem Weg, den er gegangen ist, freut man sich schon, wenn man von einem Interesse aus Dortmund liest, von einem großen Klub in Europa. So etwas ist eine schöne Anerkennung und zeigt, dass man nicht so viel falsch gemacht hat. Und der Trainer hat ja deutlich gesagt, dass er in Bremen bleibt. Man braucht sich also keine Gedanken darüber zu machen, ob er in nächster Zeit wechselt.

Sie haben im April Ihren Vertrag bei Werder verlängert. Wie wichtig war für Sie bei dieser Entscheidung, dass auch Florian Kohfeldt in Bremen bleibt? Haben Sie sich eher an Werder gebunden oder an den Trainer?

Ich wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass er seinen Vertrag auch verlängern wird. Deswegen habe ich mich eher an Werder gebunden. Man sollte das nicht von einer Personalie abhängig machen. Es war eine Entscheidung für Werder, aber natürlich habe ich sie auch getroffen, um den Weg weiter mit Flo zu gehen.


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