Wetter: Nebel, 11 bis 16 °C
Zurückgeblättert: 31. Dezember 1988
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

„Happy-End mit einem Schönheitsfehler“

mw 01.01.2019 0 Kommentare

(Archiv WESER-KURIER)

 

Der WESER-KURIER schrieb am 31. Dezember 1988:

Morgens um 5.30 Uhr, als in der „Scala" fast alles gesagt worden war zum Thema Hallenturnier, da verließ auch Willi Lemke den Ort der Nachfeier. Doch ehe er nach Hause ging und bis mittags das Telefon abstellte, schaute er noch Im Park-Hotel vorbei. Dort rüstete Spartak Moskau zum Aufbruch, man versicherte einander nochmals dauerhafter Freundschaft, mit einem auch konkreten Ergebnis: „Einiges spricht dafür", erzählte Lemke gestern nachmittag, „daß wir eine Ausnahme machen und die Moskauer auch zum nächsten Hallenturnier einladen. Denn sie waren In jeder Beziehung eine Bereicherung!"

So standen am Morgen nach der langen Nacht in Stadthalle und „Scala" praktisch schon drei der Teilnehmer für das 7. internationale Hallenturnier fest das wiederum zwischen Weihnachten und Neujahr stattfindet: Neben dem fünffachen Sieger Werder, dessen Serie nur Blau-Weiß Berlin 1987 unterbrochen hatte, noch DDR-Meister Dynamo Ost-Berlin und wohl auch die Moskauer, die nun schon zum zweitenmal 2:6 in Bremen verloren hatten: Zum erstenmal in jenem denkwürdigen Europacupspiel vor gut einem Jahr, nun im Finale des Bremer Hallenturniers.

Doch nach welchem Modus der nächste Turniersieger ermittelt wird, das steht noch keineswegs fest das war einer der am meisten diskutierten Punkte. So freute sich Werner Koop zwar, daß schon gegen 22 Uhr die 20.000 belegten Brötchen der „Comet„-Crew vergriffen waren, doch der Chef des Turnier-Sponsors hatte auch mitbekommen: „In zwei Spielen am Schlußtag ging es um nichts mehr, das war langweilig. Wir müssen uns über den Modus unterhalten!“ In der Tat trug es gewiß nicht zur Steigerung der Spannung bei, daß mit Sambia die einzige Mannschaft die im Fünferfeld vorzeitig auf der Strecke blieb, schon nach dem ersten Spiel des zweiten Tages feststand. Und daß es Dynamo Dresden schaffte, mit nur einem mühsamem Sieg (3:2 über Sambia) das Spiel um Platz drei zu erreichen und auch Dritter vor den insgesamt überzeugender spielenden Berlinern zu werden, spricht auch nicht gerade für die Gerechtigkeit des Modus.

Willi Lemke, der Erfinder der in diesem Jahr erstmals praktizierten Regelung, bestritt die Problematik nicht. Doch für Werders Manager war es der sicherste Weg, das zweifellos größte Risiko des Turniers so klein wie möglich zu halten, den vorzeitigen K.o. des Gastgebers. Lemke: „Ich weiß auch, daß es spannender ist wenn es am zweiten Tag nur noch im K.o.-System mit den erfolgreichsten Mannschaften des ersten Tages weitergeht. Doch was ist wenn es mal Werder vorzeitig erwischt? Ein zweiter Tag ohne uns wäre doch grausam!"

Nun scheiterten die grün-weißen Kicker ja bisher noch nie vorzeitig, auch nicht zu Zeiten, in denen noch in zwei Staffeln gespielt wurde. Diesmal allerdings war Werders Start so schwach wie noch nie, mit einer Niederlage (gegen Blau-Weiß) und einem Unentschieden (gegen Sambia). Doch dann bewiesen die Bremer eine Fähigkeit die in den letzten Jahren auch im „richtigen" Fußball auf dem Feld Grundstein vieler Erfolge war: Sie können sich in puncto Konzentration und Disziplin enorm steigern, wenn es erforderlich ist An dieser Geschlossenheit ohne Lücken (beide Torhüter wurden im Verlauf des Turniers immer besser) bissen sich letztlich auch die Russen die Zähne aus.

So bleibt als Fazit: Spartak spielte den elegantesten, Blau-Weiß Berlin den ideenreichsten, Werder jedoch den erfolgreichsten Hallenfußball, basierend auf einer immer stärker werdenden Spielanlage und schönen Einzelleistungen von Hermann, Ordenewitz, Otten oder Meier (Sprecher Christian Günther: „Der König der Stadthalle!")

Ende gut alles gut also, da stand der Abschluß-Sause nichts mehr im Wege. Den meisten Spaß dabei hatten offenkundig die Gäste, allem voran die lustigen Sambianer, die dann auch von Moderator Töpperwien als „sympathischste Mannschaft des Turniers" einen Farb-Fernseher mit auf den Weg bekamen. Der Berliner Dinauer nahm als erfolgreichster Torschütze (neun Treffer) einen Videorecorder in Empfang, auch der Russe Rodionow (acht) ging nicht leer aus. Sein Mannschaftskamerad Passulko wurde als bester Techniker, der Bremer Norbert Meier für das schönste Tor ausgezeichnet das er per Scherenschlag mit Direktschuß erzielt hatte.

Als dann der Morgen graute, hatte sich auch die von Willi Lemke initiierte Armenien-Spende sehr positiv entwickelt Da waren die ursprünglichen 30.000 Mark auf 55.000 Mark angewachsen, 1000 Mark waren auch aus der Mannschaftskasse des Turniersiegers gekommen. „Ich habe den Ehrgeiz, mit 100.000 Mark in der Tasche nach Tiflis zu fliegen", kündigte Lemke weitere Bemühungen an.

Nur eine schlechte Nachricht hatte Werders Manager zu später Stunde für seine Spieler: Den Anbruch des neuen Jahres, so empfahl er, sollte man nicht allzu lange feiern. Denn bereits um 6.45 Uhr am Neujahrsmorgen treffen sich die Bremer Kicker zum Abflug nach Zürich, dem Ort des nächsten Hallenturniers.

Das hochauflösende PDF der Original-Zeitungsseite gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).


Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.