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Rangnick im Mein-Werder-Interview
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„Kohfeldt ist eines der größten Trainertalente Deutschlands“

Jean-Julien Beer 17.05.2019 1 Kommentar

(dpa)

 

Herr Rangnick, ganz Bremen rätselt, was für ein RB Leipzig am Samstag gegen Werder antritt. Eines, dass sich vor dem Pokalfinale gegen die Bayern etwas schont – oder eines, wie Florian Kohfeldt vermutet, dass wie immer Vollgas gibt. Können Sie uns aufklären?

Ralf Rangnick: Schonen verträgt sich nicht mit unserer Spielweise. Das würde nicht funktionieren. Mit welcher Mannschaft und mit welcher Grundordnung wir auftreten, das habe ich noch nicht endgültig entschieden. Aber egal, mit welcher Formation oder Aufstellung wir in Bremen spielen – wir werden versuchen, daraus wieder eine Vollgasveranstaltung zu machen und möglichst auch die Punkte mitzunehmen. Das sind wir uns, aber auch dem Wettbewerb schuldig.

Für Werder geht es am letzten Spieltag noch um den großen Traum, wieder international zu spielen. Erwarten Sie auch deshalb eine besondere Atmosphäre im ausverkauften Weserstadion?

Ja, das glaube ich schon. Das hat man ja auch bereits in den Heimspielen zuletzt erlebt, vor allem beim Pokal-Halbfinale gegen Bayern. Da konnte man schon sehen, dass sich das Publikum wieder zu 100 Prozent mit Werder identifiziert, auch mit der Mannschaft und mit der Spielweise – und das ist sicherlich auch ein Verdienst von Florian Kohfeldt, der die Werder-Fans und auch das gesamte Umfeld wieder wach geküsst hat. Deswegen gehen wir davon aus, dass am Samstag richtig was los sein wird.

Kohfeldt beendet mit dem Spiel gegen Sie am Samstag sein erstes komplettes Jahr als Bundesliga-Trainer, und das mit 36 Jahren. Wie sehen Sie die Entwicklung Ihres jungen Trainerkollegen?

Ich schaue ja auch immer darauf, wie sich jemand an der Seitenlinie verhält. Wie lebt er das mit, was gibt er vor? Kann man eine Handschrift wiedererkennen? Und das ist bei ihm alles absolut vorhanden. Ich halte ihn für eines der ganz großen Trainertalente in Deutschland. Wir haben ja wieder einige spannende junge Trainer - und da zähle ich ihn absolut dazu. Dieses erste komplette Jahr von ihm hat mir persönlich sehr gut gefallen. Wenn er sich so weiterentwickelt, wird er ein Trainer, der sicherlich irgendwann mal noch größere Mannschaften als Werder Bremen trainieren kann. Wobei ich das schon direkt relativieren muss: Werder Bremen ist für mich eine große Mannschaft. Größer sind dann vielleicht Klubs wie Borussia Dortmund, Bayern München und andere in dieser Kategorie. Da muss man jetzt natürlich noch etwas vorsichtiger sein, denn man hat ja auch bei Domenico Tedesco gesehen, dass ein Jahr noch nicht alles aussagt. Wobei das bei Domenico auf Schalke sicher nicht nur an ihm lag, er schien mir dort auch etwas allein gelassen. Den Eindruck habe ich zum Beispiel bei Werder Bremen gar nicht. Dort gibt es eine qualitativ richtig gute und hochseriöse Führungs-Crew. Ich habe den Eindruck, dass Florian Kohfeldt dort so sein darf, wie er ist – und das ist ja auch schon mal wichtig für einen Trainer.

Werders Kapitän Max Kruse ist 31 Jahre alt und zögert mit einer Vertragsverlängerung, weil er auf Anfragen von Top-Klubs wartet. Karl-Heinz Rummenigge sagte uns an dieser Stelle, dass Bayern bei Kruse nicht einsteigt. Können Sie das für Leipzig auch ausschließen?

Ich bin ein absoluter Fan von Max Kruse, mir gefällt der Spieler sehr. Aber wie Sie wissen, holen wir Spieler nicht mehr, wenn sie älter sind als 24 – selbst das ist für uns eigentlich schon fast zu alt. Auch wenn der Spieler natürlich in dem Alter noch absolute Topleistungen zeigt, macht so ein Transfer für uns keinen Sinn. Das passt nicht zu unseren Leitplanken und auch nicht zu unserer Identität. Deswegen: Ja, ich kann das ausschließen.

Milot Rashica ist erst 22 und hat sich bei Werder sehr stark entwickelt. Er ist mit seinem Tempo und seinem Alter ein Mann, der zwischen die Leitplanken passen würde. Die Sportbild spekulierte diese Woche über ein Leipziger Interesse. Ist Rashica einer, der Ihnen gefällt?

Der Spieler hatte anfangs durchaus noch Probleme gehabt, sich taktisch an die Vorgaben zu halten, auch was das Spiel gegen den Ball angeht. Er hat sich aber in den letzten Monaten enorm entwickelt und ist ja nicht umsonst in Bremen unumstrittener Stammspieler geworden. Er ist sicherlich ein Spieler, der extrem auf sich aufmerksam gemacht hat. Aber auch da kann ich jetzt sagen: Wir sind auf den Positionen richtig gut besetzt. Wir haben da keine Initiative ergriffen und auch keine Gedanken dahingehend. Damit sage ich nicht, dass wir den Spieler nicht gut finden und nicht kennen.

Sie haben mit RB eine sehr starke Saison gespielt, wieder die Champions League erreicht und stehen im Pokalfinale. Eine steile Entwicklung, die Sie mit dem Verein geschafft haben. Welche Bedeutung hätte ein Pokalsieg, gerade gegen den FC Bayern, für Sie persönlich und für die Entwicklung von RB Leipzig?

Das würde natürlich eine jetzt schon hervorragende Saison noch einmal krönen. Wenn wir es schaffen würden, im dritten Bundesligajahr schon den ersten Titel zu holen, dann wäre das auch eine Krönung der gesamten Entwicklung. Wir müssten es natürlich auch erst mal schaffen. Aber die Bedeutung wäre für die Spieler, den Trainerstab, für die Fans und für die Stadt schon erheblich, das würde sicher noch mal einen zusätzlichen Schub bringen. Aber wir wissen, dass wir im Pokalfinale gegen die beste Mannschaft Deutschlands spielen. Das wird ein Endspiel zwischen der besten und der zweitbesten Rückrundenmannschaft, der Dritte gegen den Ersten der Bundesligatabelle. Von daher sind es beste Voraussetzungen für ein richtig spannendes Spiel.

Und ausgerechnet jetzt ging es in Münchner Medien auch darum, dass der FC Bayern Sie vor Hasan Salihamidzic als Sportdirektor verpflichten wollte. Was war da los – und kommt das zufällig zwei Wochen vor dem Pokalfinale gegen die Bayern raus?

Ich habe keine Ahnung. Es gab diesbezüglich keinerlei Gespräche mit irgendeinem Offiziellen von Bayern München. Und selbst wenn die Verantwortlichen solche Gespräche hätten führen wollen, dann hätte ich es gar nicht zugelassen. Denn nach unserem ersten Bundesligajahr und der direkten Qualifikation für die Champions League war für mich völlig klar, dass ich nicht aus Leipzig weggehe – egal, was passiert.

In der kommenden Saison übernimmt Julian Nagelsmann das Traineramt in Leipzig, Sie sind dann wieder Sportdirektor. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie am Samstag im Weserstadion ihr letztes Spiel als Bundesligatrainer machen?

Ich gehe fest davon aus, dass es mein letztes Spiel als Bundesligatrainer von RB Leipzig wird. Ob es mein letztes Spiel als Bundesligatrainer wird, kann ich Ihnen nicht zu 100 Prozent sagen. Dazu bin ich und fühle ich mich noch zu jung. Ich gehe aber genauso fest davon aus, dass ich in den nächsten zwei Jahren hier bei RB tätig sein werde. Wie dann ganz genau das Aufgabengebiet aussehen wird, das werden wir in den Tagen nach dem Pokalfinale gemeinsam festlegen.

RB ist hinter Bayern und Dortmund die dritte Kraft im deutschen Fußball. Stimmt Sie das zufrieden, macht Sie das stolz – oder würden Sie diese steile Entwicklung in Leipzig gerne fortführen und noch mehr erreichen?

Wenn man die letzten drei Jahre im Querschnitt betrachtet, dann sind wir im ersten Jahr Zweiter, dann Sechster und jetzt Dritter geworden. Im Durchschnitt liegen wir also zwischen Platz drei und vier in der Bundesliga. Und das als Verein, der vorher noch nie in der Bundesliga war. Wir haben uns im jedem dieser Jahre für den internationalen Wettbewerb qualifiziert, zuerst für die Champions League, dann für die Europa League, jetzt wieder für die Champions League. Viel mehr war kaum möglich. Natürlich wollen wir uns dort behaupten und uns etablieren. Und wenn es geht, würden wir gerne den Abstand zu Dortmund und Bayern in den nächsten Jahren verringern. Das wird aber nicht über die finanziellen Möglichkeiten gehen. Denn selbst wenn bei uns die Fernsehgelder nun jedes Jahr zunehmen, dann wäre das bei Bayern und Dortmund ja auch der Fall. Deshalb können wir den Abstand nur verringern, indem wir weiterhin kluge, schlaue und in aller Regel erfolgreiche Personalentscheidungen treffen. Gleichzeitig müssen wir mit dem jeweiligen Trainerstab unsere Spieler weiterentwickeln und verbessern. Das ist die einzige Möglichkeit. Es ist unser Ziel und unser Ehrgeiz, das zu schaffen. Aber wir wissen natürlich auch, dass die Bundesliga keine Fehler verzeiht. Wir haben, glaube ich, in den letzten Jahren nicht allzu viele oder zumindest keine schwerwiegenden Fehler gemacht. Jetzt müssen wir darauf achten, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Die Umfrage zum Leipzig-Spiel gibt es hier:


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