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Bode im Mein-Werder-Interview, Teil 2
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„Kohfeldt ist mehr als ein normaler Cheftrainer“

Jean-Julien Beer und Christoph Sonnenberg 15.06.2019 7 Kommentare

(nordphoto)

 

Herr Bode, als sich Werder im Herbst 2017 mitten im Abstiegskampf für den jungen Florian Kohfeldt entschied, war das riskant. Was ist es aus heutiger Sicht? Ein Glücksgriff?

Marco Bode: Das würde ich schon sagen, wobei er für uns kein Unbekannter war. Wir kannten ihn ja aus der Jugend, dann als Co-Trainer von Viktor Skripnik und als U23-Trainer. Insofern war im Klub sehr wohl bekannt, dass er ein richtig guter Trainer ist und auch, welche Persönlichkeit er hat. Das einzige Fragezeichen zu diesem Zeitpunkt war: Passt das vom Timing? Nach Nouri und Skripnik ein dritter Trainer hintereinander aus der eigenen Vereinsstruktur - das war ja der Hauptansatz für Kritik in der damaligen Situation. Ihr könnt doch nicht zum dritten Mal den gleichen Fehler machen, das war übertrieben gesagt damals der Vorwurf an uns. Ich habe aber da schon gesagt: Skripnik und Nouri waren keine Fehler, leider haben sie nicht nachhaltig funktioniert. Aber auch sie haben uns in schwierigen Situationen aus der Patsche geholfen. Deshalb waren wir ganz zuversichtlich bei Kohfeldt, haben aber dennoch eine kurze Phase eingebaut, wo wir gesagt haben: Wir schauen uns an, wie die Mannschaft auf ihn reagiert und wie er es schafft, das Team schnell aus dieser Krise zu führen. Als ihm das in kürzester Zeit gelungen ist, war uns klar, dass es eine gute und richtige Entscheidung war. Aus heutiger Sicht kann man schon sagen, dass er eine Menge zu der Entwicklung der vergangenen beiden Jahre beigetragen hat – und wahrscheinlich die wichtigste Figur bei dieser Entwicklung ist.

Wenn Sie wussten, welches Trainertalent Sie da im Stall haben – gab es dann ein bisschen die Angst, einen so guten aber auch so jungen Trainer im Abstiegskampf zu verbrennen?

Man könnte es so formulieren, dass es für ihn ein Risiko war, verbrannt zu werden und dass die Trainerkarriere zumindest eine kleinen Knacks gehabt hätte, wenn es nicht gut gegangen wäre. Trotzdem würde ich sagen, dass Florian Kohfeldt zu gut ist und zu stark, als dass so etwas seine Karriere hätte verhindern können. Er hätte sich auch über einen Umweg noch einmal durchgesetzt. Davon bin ich überzeugt.

Nun ist es ganz anders gekommen. Viele in der Branche sagen jetzt, Kohfeldt sei ein Mann für die Topklubs und würde Bremen deshalb über kurz oder lang verlassen. Hat Werder eine Chance, das zu verhindern?

Ja. Wir können Verträge machen (lacht). Und wir können, ähnlich wie bei Spielern, dafür sorgen, dass auch Florian Kohfeldt das Gefühl hat: Hier ist die Entwicklung noch nicht zu Ende. Man kann das mit Spielern vergleichen, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Denen sagen wir ja auch: Entwickle dich bei uns weiter und denke nicht gleich an den übernächsten Schritt. Ich glaube, dass Florian Kohfeldt sehr wohl weiß, was für ein Umfeld er hier hat. Und dass er mit Frank Baumann, aber auch mit der gesamten Geschäftsführung und dem ganzen Werder-Team hinter sich hier einfach gute Bedingungen hat, um sich als Trainer weiter zu entwickeln. Es mag schon sein, dass die großen Klubs ihn irgendwann haben wollen. Aber dann müssen wir halt schauen, wie die Situation ist und ob wir eine Chance haben, um ihn zu kämpfen. Am Ende lautet die entscheidende Frage: Was will er dann? Ich habe im Moment noch nicht die Befürchtung, dass er uns ganz schnell verlassen wird.

Bei anderen Klubs würde Kohfeldt mehr Geld verdienen, dort würden ihm auch bei Spielern viel teurere Wünsche erfüllt, als es in Bremen möglich ist. Mit welchen Kleinigkeiten kann Werder dem Trainer ein Bleiben schmackhaft machen?

Er ist ja mehr als ein normaler Cheftrainer. Gerade weil er aus der eigenen Jugend kommt, sind für ihn auch Fragen von Bedeutung, die sich zum Beispiel um das Nachwuchsleistungszentrum drehen. Der Neubau oder Umbau ist für ihn wichtig, er möchte sich da einbringen und dazu beitragen, dass sich Werder an der Stelle besser aufstellt. Florian Kohfeldt bekommt von uns schon in vielerlei Hinsicht die Freiheit, dass er über das reine Profi-Team hinaus denken kann. Und ich weiß nicht, ob man das als Trainer überall so kann. Aber das Wichtigste ist, dass er das Gefühl hat: Er ist hier Teil eines Teams, das die gleiche Philosophie verfolgt mit einer ambitionierten, aber trotzdem angemessenen Zielsetzung. Ich wurde kürzlich gefragt: Wie kann man in einer Fußball-Liga spielen und nicht das Ziel haben, erster zu werden?

Was haben Sie geantwortet?

Es ist ja leider so, dass es im Moment für Werder ein Stück weit weg ist, die Bundesliga zu gewinnen. Aber es gibt unter der Zielsetzung Meister weitere Ziele. Für uns zum Beispiel, Europa zu erreichen. Ich glaube schon, dass Florian Kohfeldt das auch in sich trägt. Weil er sich zu 100 Prozent mit Werder identifiziert, könnte ich mir vorstellen, dass er das unbedingt erreichen möchte, mit Bremen international zu spielen - bevor er irgendwann mal auf den Gedanken kommt, uns zu verlassen.

Ist es zu romantisch gedacht, zu glauben, Kohfeldt könnte auch ein Thomas Schaaf werden? Der kam auch aus der eigenen Jugend und blieb dann 14 Jahre Trainer der Profis…

Ich finde das nicht zu romantisch gedacht. Das wäre die Idealvorstellung für mich und wahrscheinlich für viele Menschen, wenn Florian Kohfeldt hier zehn Jahre bleiben würde und Werder eine ähnliche Entwicklung nehmen würde wie unter Thomas Schaaf. Gemeinsamer Erfolg ist das allerbeste Argument. Auch gegenüber ihm. Andererseits wird Erfolg auch immer die anderen Klubs noch etwas interessierter machen. Am besten ist deshalb, man hat trotz aller Liebe zueinander immer noch einen Vertrag. (lacht)

Mit oder ohne Kohfeldt: Wo sehen Sie Werder in fünf oder zehn Jahren? Wohin kann sich der Verein entwickeln? Und haben Sie die Sorge der Fans im Ohr, der Klub könnte dann vor lauter Kommerz im Fußball vielleicht gar nicht mehr Werder Bremen heißen?

Die Frage, wo Werder in fünf oder zehn Jahren steht, hängt auch damit zusammen, wo die Bundesliga dann steht. Wie sind die Regeln? Werden wir noch alle gemeinsam an 50plus1 festhalten? Haben wir auf europäischer Ebene eine Entwicklung, dass über Superligen nachgedacht wird, für die man sich über eine nationale Liga kaum noch qualifizieren kann? Das ist ein weites Feld. Wir sind aber nicht so kalt, wie der ein oder andere glaubt, wenn er denkt: Die geben die Werte des traditionellen Fußballs leichtfertig auf. Das ist überhaupt nicht der Fall. Wir kämpfen an vielen Stellen auch dafür, dass unsere Werte und die Werte des Fußballs verteidigt werden können. Aber sie sind an einigen Stellen auch angegriffen.

Werder soll aber Werder bleiben?

Ich habe die Hoffnung, dass Werder auch in zehn Jahren im Kern noch das ist, was es heute ist. Nämlich ein familiärer, anfassbarer und weltoffener Klub, der erfolgreich sein kann – in der Bundesliga, und hoffentlich auch darüber hinaus. So wie sich vielleicht vor zehn Jahren Borussia Mönchengladbach an uns orientiert hat, können wir sagen, die Entwicklung von Gladbach kann unser Ziel sein. Also immer mal wieder in der Lage zu sein, um Europa und vielleicht sogar die Champions League mitzuspielen – und somit durch sportlichen Erfolg weiter wachsen zu können. Ganz unabhängig von Tabellenplätzen glaube ich: Werder soll und muss für die Region hier, für Bremen und das Werderland, auch in zehn Jahren noch ein wichtiger Identifikationsfaktor sein. Das klingt vielleicht pathetisch. Aber davon bin ich überzeugt. Es geht im Fußball eben auch darum, Menschen zu begeistern. Das gelingt uns aktuell ganz gut. Und das wird auch in Zukunft wichtig sein.

Sie haben die Entwicklung Werders angesprochen. Kapitän Max Kruse hat sich dennoch entschieden, dass dieser Weg nicht mehr sein Weg ist. Konnten Sie das verstehen?

Ich glaube, dass Max nach drei tollen Jahren noch einmal eine Veränderung will. Und er ist in einem Alter, wo es für ihn die vielleicht letzte Chance auf einen noch größeren Vertrag ist. Dass er Kapitän war, hat damit nichts zu tun. Ich empfinde es auch nicht so, dass er Werder im Stich lässt. Max hat entschieden, hier nicht weiter machen zu wollen, dafür muss man Verständnis haben.

Es war eine besondere Konstellation, die Werder und Kruse zueinander führte. Wer hat von wem mehr profitiert: Kruse von Werder, oder Werder von Kruse?

Es war eine Win-win-Situation. Wir haben davon profitiert, dass seine Karriere in Wolfsburg ins Stocken geraten war, sonst wäre das für uns nicht machbar gewesen. Max hat uns in den drei Jahren sehr geholfen, er war ein wichtiger Teil des Teams. Für Max war es ganz wichtig, dass er zu dem Zeitpunkt mit Werder einen Klub gefunden hat, wo ihm Vertrauen entgegengebracht wurde. Dass er eine Atmosphäre und Philosophie vorgefunden hat, die ihm eine gewisse Freiheit ermöglichte. Max hat auch von Werder sehr profitiert. Wer da mehr von wem profitierte, diese Analyse überlasse ich den Journalisten. (lacht)

Schaut man die Zahlen der vergangenen drei Jahre an, also Kruses Tore und Vorlagen, kommt automatisch die Frage auf, wie sein Abgang kompensiert werden soll. Er war Werders Topscorer.

Wir haben aber Spiele gehabt, die gezeigt haben, dass wir auch ohne ihn klar kommen können. Ohne dass es kritisch klingen soll: In einer Mannschaft beeinflusst Max die Taktik, die Spielweise, möglicherweise auch die Aufstellung anderer Spieler um ihn herum. Ohne Max muss man neu denken, darin liegen aber auch Chancen. Florian Kohfeldt und Frank Baumann machen sich darüber intensive Gedanken, wie wir Max Abgang kompensieren können. Wir werden besprechen, ob es mit dem aktuellen Kader gehen könnte, oder ob wir noch Veränderungen vornehmen werden.

Gibt es finanzielle Mittel, den Kader weiter umzubauen? Frank Baumann dämpfte zuletzt die Erwartungen und betonte, bei Werder sei eine Transferausgabe im zweistelligen Millionenbereich für einen Spieler diesen Sommer eher nicht möglich.

Im Zusammenhang mit dem Kader möchte ich nicht über Geld sprechen. Es hängt davon ab, was man machen will. Es gibt kreative Lösungen. Dass bedeutet auch, dass es kein Spieler in der Preiskategorie eines Max Kruse sein muss. Werders Philosophie war immer, Fantasie bei der Entwicklung von Spielern zu haben. Ich bin ein großer Fan von Spielern wie Fin Bartels oder Kevin Möhwald, die nicht als Stars zu Werder kommen, sich dann aber positiv entwickeln. Vielleicht ist Möhwald jemand, der sich im nächsten Jahr zum Stammspieler entwickelt.

Wie wichtig waren die Vertragsverlängerungen von Maximilian und Johannes Eggestein und das Bleiben von Marco Friedl für das Ansehen Werders?

Ich würde die Verlängerungen von Jiri Pavlenka, Theo Gebre Selassie oder Ludwig Augustinsson mit hinzunehmen, das sind alles sehr positive Zeichen. Das zeigt, dass sie die Entwicklung Werders wahrnehmen und Spaß daran haben, in dieser Mannschaft Leistung zu bringen. Darüber hinaus ist es ein Zeichen an die Konkurrenz in der Liga, dass sich in Bremen etwas tut. Überregional werden wir ja schon wieder sehr viel positiver wahrgenommen. 

Ein Gesicht der Saison war Claudio Pizarro. Wenn Sie Ihn sehen – haben Sie Ihre Karriere doch zu früh beendet?

Wenn ich heute in meinen Körper hineinhöre, war es nicht zu früh. (lacht) Claudio ist ein Sonderfall. Ich dachte, dass seine Rolle schon stärker die eines Mentors wäre, zwischen Mannschaft und Trainer-Team. Dass er als Joker und Torjäger diesen Einfluss auf die Saison hatte, war sehr positiv und überraschend. Natürlich ist uns die Entwicklung der jüngeren Spieler auf seiner Position auch wichtig. Das ist Kern unserer Philosophie, die wollen wir weiter vorantreiben. Aber ich bin sehr froh, dass Claudio da ist, wir haben durch ihn auch sehr viele Sympathien bekommen. Er ist ja ein internationales Phänomen, in seinem Alter auf diesem Niveau in der Bundesliga zu spielen.

Sobald Pizarro seine Karriere beendet hat, will ihn der FC Bayern als Repräsentant zurückholen. Das hat für viele Emotionen unter den Werder-Fans gesorgt. Hat Werder eine Chance, das abzuwenden? Oder muss man verstehen, dass er einfach zwei Vereine hat?

Wir müssen akzeptieren, dass die Bayern-Fans ihn auch mögen (lacht). Auch wenn ich aus Werder-Sicht der Meinung bin, sein Herz war immer ein bisschen mehr in Bremen als in München. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass Claudio bisher oft gesagt hat, dass sein Wohnsitz nach der Karriere wohl München sein wird. Aber es gibt keinen Kampf um Claudio. Im Zweifel kann er ja auch Botschafter für die gesamte Bundesliga sein, diesen Vorschlag von Frank Baumann fand ich sehr charmant. Im Moment ist Claudio Pizarro Werderaner - und wir fangen nicht an, um Claudio zu streiten.


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