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Taktik-Analyse zum Hoffenheim-Spiel
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Kohfeldts Plan bremst Hoffenheim aus

Stefan Rommel 12.05.2019 1 Kommentar

(dpa)

Werder-Trainer Florian Kohfeldt musste oder wollte auf insgesamt vier Positionen tauschen. Neben Sebastian Langkamp und Marco Friedl (beide Bank), sowie dem gesperrten Davy Klaassen fiel kurzfristig auch noch Kapitän Max Kruse aus. Dafür rückten Niklas Moisander, Theo Gebre Selassie, Kevin Möhwald und Johannes Eggestein in die Mannschaft. Auf Hoffenheimer Seite fehlten Stefan Posch und ebenfalls kurzfristig auch Nico Schulz. Dafür begannen Nadiem Amiri und Joshua Brenet.

Werder formierte sich je nach Spielphase in zwei unterschiedlichen Grundordnungen: Mit Ball im Rauten-4-4-2 mit Yuya Osako auf der Zehn und Nuri Sahin auf der Sechs, gegen den Ball fiel die Formation vor der Abwehr gewissermaßen einfach eine Linie nach hinten. Sahin rückte zwischen die beiden Innenverteidiger, Maxilian Eggestein und Möhwald wurden zur Doppel-Sechs, Osako blieb im Zentrum und Johannes Eggestein und Milot Rashica störten in der ersten Linie.

Werder bleibt im Block aktiv

Gegen Hoffenheims 3-4-1-2 und den zu erwartenden diagonalen Kombinationen formierte sich Werder in einem etwas tieferen Mittelfeldpressing in einem extrem kompakten Block und versuchte diesen auch so weit wie möglich zu halten. Verschoben wurde nur innerhalb der Formation, die sich in der Regel weder horizontal noch vertikal nie weiter als rund 30 Meter auseinanderziehen ließ. Bis auf punktuelle Momente, in denen die Mannschaft mal weiter ins Angriffspressing aufrückte, blieb dies über weite Phasen des Spiels die defensive Marschroute.

Die beiden Angreifer hatten dabei sehr viel Laufarbeit im Anlaufen zu verrichten, weil Hoffenheim im tiefen Aufbau immer in Überzahl war, diese aber nicht immer auch gut ausspielte. Stattdessen schafften es Johannes Eggestein und Rashica ein paar Mal, den jeweiligen Halbverteidiger nicht nur nach außen zu lenken, sondern so unter Druck zu setzen, dass der einen überhasteten Pass nach vorne spielen musste.

Die eigentliche Kunst - gerade gegen eine Mannschaft wie Hoffenheim, die in der Offensive dauernd am Rotieren ist und Positionen tauscht - war aber der Umgang mit diesen Freiziehbewegungen. Werders Halbverteidiger hatten ein gutes Timing dafür, einen zurückfallenden Gegenspieler auch mal zu verfolgen und aus der Kette rauszuschießen oder aber die Position zu halten und keine Räume im Rücken preiszugeben.

Hoffenheims ungewohnte Schwächen

Aus dem geordneten Spiel kamen die Gastgeber zwar immer bis 30, 40 Meter vor das Bremer Tor und dann auch zu einer ganzen Reihe an Flanken. Die klassischen Läufe in die Tiefe, um dann über ein Dreiecksspiel in den Rücken der Abwehr zu kommen, setzte Hoffenheim aber nicht an. Gefährlich wurde es nur einmal, als Werder beim Ballverlust am gegnerischen Tor nicht aufmerksam ins Gegenpressing ging und sich dann in seiner nicht-kompakten Anordnung mit drei Pässen komplett ausspielen ließ. Andrej Kramaric traf aber nur den Pfosten. Ansonsten spielte Werder sehr diszipliniert, hielt stark die Höhe und schob nur dann raus, wenn sich die Gelegenheit dazu bot.

Allerdings profitierte Bremen auch von einigen ungewohnten Schwächen des Gegners. Hoffenheims Passspiel war schludrig, einige Spieler leisteten sich viele technische und Abspielfehler, die verbale und nonverbale Kommunikation war schwach. Dazu gab es ein paar mehr Gelegenheiten, nach einem Bremer Ballverlust schnell und vor allen Dingen sofort in die Tiefe umzuschalten - Hoffenheim verpasste diese Chancen aber allesamt. Und weil mit Schulz-Vertreter Brenet ein Rechtsfuß auf der linken Seite anschieben sollte, das aber nicht in der Wucht und Klasse des Nationalspielers schaffte, fehlte den Gastgebern eine sehr wichtige Option in der Offensive.

Immerhin hatte Hoffenheim den Gegner im Spiel gegen den Ball fast vollständig im Griff. Werder zeigte nur vereinzelt Ansätze des „Werder-Fußballs“ mit Überladungen über die Halbräume, versuchte es stattdessen deutlich direkter in die Spitze und suchte dort immer wieder Osako, der seine Dribbelstärke in direkten Duellen gegen Florian Grillitsch einbringen sollte. Osako hatte seine Momente, die Bremer Führung bekamen die Gäste aber zu einem beträchtlichen Teil geschenkt. Nach einem etwas überheblich gespieltem Pass von Torhüter Oliver Baumann traf Johannes Eggestein im zweiten Versuch.

Probleme im Anlaufen

Zu diesem Zeitpunkt musste Kohfeldt den nächsten wichtigen Spieler ersetzen, für den verletzten Gebre Selassie kam Friedl und musste einmal mehr positionsfremd auf der rechten Außenbahn spielen. Der Charakter der Partie blieb auch nach der Pause derselbe. Hoffenheim mit über 70 Prozent Ballbesitz, Werder in einer sehr tiefen Position dagegen. Nach wenigen Minuten brachte Nagelsmann in Joelinton (für Szalai) noch einen Spieler, der sich besser in den Zwischenlinienraum bewegt und die Bälle festmachen kann.

Auch Kohfeldt musste wechseln und Rashica vom Feld nehmen, der über Übelkeit klagte. Claudio Pizarro kam, das Wechselkontingent war damit aber schon nach einer Stunde deutlich belastet und wurde in der Endphase noch zu einem Faktor. Hoffenheim versuchte es immer öfter auch direkt durchs Zentrum, Kramaric, Joelinton und Belfodil boten sich immer wieder gut an - wurden aber durch Werders sehr aufmerksames Herausrücken sofort bearbeitet und kamen kaum einmal dazu, in Torrichtung zu agieren.

Nagelsmann nahm den unauffälligen Demirbay vom Feld und brachte mit Nelsson dafür einen klassischen Dribbler. Werder hatte in der Schlussphase einige Mühe im Anlaufen, gerade Osako - der eigentlich früher hätte ausgewechselt werden sollen - wirkte sehr müde. Hoffenheim spielte in der Abwehr Mann gegen Mann und schickte stattdessen noch mehr Spieler im eigenen Ballbesitz mit nach vorne. Die Gastgeber bauten nun nicht mehr kleinteilig auf, sondern spielten schnell und mit langen Bällen in die Spitze.

Zweite Bälle landen bei Werder

Das erzeugte auf der einen Seite zwar dauerhaften Druck, hatte aber zwei Schwachstellen: Werder wurde förmlich zu Kontern eingeladen, drei, vier Mal ergaben sich Gegenstöße in Gleichzahl, die Kohfeldts Mannschaft aber zu früh abbrach oder in der finalen Aktion nicht sauber ausführte. Und bei den vielen abgewehrten Bällen waren fast immer Bremer Spieler zuerst am Ball. Werder kontrollierte die zweiten Bälle am und im eigenen Strafraum oder hatte zumindest immer einen Spieler parat, der noch blocken oder klären konnte. Nur einmal kam Hoffenheim über den Zwischenlinienraum und durchs Zentrum durch, aber Pavlenka wehrte die beste Chance durch Kramaric ab.

Die Partie wurde jetzt ziemlich wild mit technischen Fehlern und einigen Querschlägern auf beiden Seiten - was in der Regel eher der Mannschaft hilft, die einen Rückstand aufholen muss. Kohfeldt brachte mit Langkamp in den letzten Minuten auch noch den letzten Innenverteidiger, um im Zentrum die zu erwartenden hohen Bälle zu verteidigen und stellte auf 5-3-2 um, um mit den drei Mittelfeldspielern vor den drei Innenverteidigern das Zentrum komplett zu verschließen - was letztlich auch gelang, ohne Hoffenheim noch eine gute Möglichkeit zu gewähren.

Werder hat gezeigt, dass es innerhalb seiner Prinzipien auch ein ziemlich anderes Spiel hinlegen kann, als man es von der Mannschaft gewohnt ist. Die angespannte Personalsituation und die Angriffsstärke des Gegners ließen Kohfeldt kaum eine andere Wahl, als deutlich tiefer und kontrollierter zu agieren. Dass die Mannschaft aber nicht passiv wurde und jederzeit aufmerksam blieb, war eine sehr reife Leistung. Und führte letztlich auch zu einem durchaus verdienten Sieg gegen allerdings in einigen Punkten auch enttäuschende Hoffenheimer.


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