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Werders Gegner in der Analyse
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Leipziger Chamäleonfußball

Stefan Rommel 21.09.2019 0 Kommentare

(nordphoto)

Das sind Leipzigs Stärken:

Die Leipziger Dogmen sind spätestens mit der Umbesetzung auf der Trainerposition noch weiter aufgeweicht, die Evolution der Mannschaft schreitet weiter voran. Und das macht es für die Gegner unglaublich schwer, diese Mannschaft zu packen. Das Leipziger 4-2-2-2-Patent wurde ja bereits in den letzten Jahren immer mal wieder getauscht gegen andere Anordnungen mit der Viererkette oder vereinzelt auch eine Dreierkette in der letzten Linie. Mit Julian Nagelsmann ist nun ein Trainer da, der sehr gerne mit drei Verteidigern agieren lässt und in den bisherigen Pflichtspielen auch munter zwischen den Grundordnungen hin- und herspringt.

Ein wichtiger Bestandteil ist dabei eine gesunde Portion Pragmatismus. Leipzig spielt nicht mehr nur „seinen“ Pressing-Gegenpressing-Umschalt-Krawall-Fußball, sondern hat für jede Spielphase verschiedene Lösungsansätze, von denen Nagelsmann dann auch regen Gebrauch macht. Variabilität ist das große Schlagwort in allen Bereichen, immer auch so stark wie nötig ausgerichtet am Gegner, ohne dabei die eigenen Stärken außer Acht zu lassen. Diesen sehr schmalen Grat bekommt Leipzig bisher sehr gut hin.

Die grundsätzlichen Stärken der Mannschaft sind erhalten geblieben, das Pressing bleibt in Phasen intensiv und ultra-aggressiv, wechselt dann aber plötzlich wieder in der Anlaufhöhe und stellt den Gegner so vor immer neue Aufgaben. Nagelsmann bevorzugt eigentlich den eigenen Ballbesitz, hat seine Mannschaft nun aber im schweren Auswärtsspiel in Gladbach und gegen die Bayern eher verhaltener agieren lassen und dem Gegner erstaunlich lange den Ball überlassen - und es sich stattdessen in einer tieferen Position bequem gemacht, um von dort aus zu kontern.

Gegen die Bayern funktionierte das eine Halbzeit lang nicht, aber es waren - wie schon davor gegen Gladbachs 4-2-3-1 - Nagelsmanns Umstellungen, die die Wende brachten. Unabhängig von der Grundordnung bleibt der Fokus im Spiel gegen den Ball auf der Sicherung des Zentrums und, eine große Stärke: Die Kontrolle einer Partie auch mit weniger Ballbesitz als der Gegner. Nicht selten sieht es so aus, als habe mit dem Ballbesitz auch die gegnerische Mannschaft das Heft in der Hand, dabei bestimmt Leipzig aus einer eher zurückhaltenden Position Rhythmus und Geschwindigkeit des Spiels. Um den Gegner dann doch wieder mit dem typischen Leipziger Umschaltfußball zu erwischen.

Ein unschätzbarer individueller Vorteil sind dabei die Angriffsspitzen: Mit Timo Werner und Yussuf Poulsen sind besitzt RB zwei Stürmer, die auch im Alleingang Tore erzielen können. Kaum eine Mannschaft in der Bundesliga kann auch in Unterzahlsituationen im Angriff so viel Wucht und Tempo erzeugen wie Leipzig, weshalb auch nicht immer viele Spiele mit nachrücken müssen und so die Konstellationen für das Gegenpressing und die Restverteidigung optimal sind. Eine Sache, die in Hoffenheims sehr dominanten Ballbesitzfußball immer wieder für große Probleme gesorgt hatte, weil schlicht zu viele Spieler vor dem Ball waren und die Absicherung nicht immer gut war. Jetzt in Leipzig geht es Nagelsmann etwas vorsichtiger an, bringt mit dem Ball aber trotzdem schon seine Ideen durch.

Tore wie die ersten beiden in Gladbach oder das 0:2 in Berlin sind klassische Leipzig-Tore mit Umschaltmomenten und irrem Tempo, etwa Christopher Nkunkus Treffer gegen Union aber wie ein Ausriss aus der Nagelsmann-Fibel: Steil-Klatsch-Steil-Klatsch zwischen den Linien nach vorne, Verlagerung, Querpass, Tor. Leipzig ist noch nicht so weit, dass alles perfekt läuft. Und trotzdem fährt die Mannschaft mit ihren überragenden Einzelspielern und ihrer beeindruckend Tiefe im Kader - Leipzigs Kader bietet jedenfalls für alle Spielausrichtungen die nötigen hochklassigen Fußballer - schon die nötigen Ergebnisse ein. Es bleibt noch eine Menge Entwicklungspotenzial - und das ist keine gute Nachricht an die Konkurrenz.

Und auch wenn die Tabelle nach nur vier Spieltagen wenig Aussagekraft hat, kann man schon erahnen, dass Leipzig von seiner Defensivstärke offenbar kaum etwas eingebüßt hat. In der letzten Saison war die Mannschaft mit nur 29 Gegentoren die mit Abstand beste in dieser Kategorie, jetzt stehen erneut erst drei Gegentore nach 360 Spielminuten zu Buche. Auch ein Verdienst von Peter Gulacsi, der in der Bundesliga in den letzten beiden Jahren den größten Leistungssprung aller Torhüter hingelegt hat.

Das sind Leipzigs Schwächen:

Immer mal wieder fällt die über die Jahre auf Leipzig-Linie getrimmte Mannschaft in alte Verhaltensmuster zurück, auch wenn die Absprache vor dem Spiel eine andere war. Das zeigt sich unter anderem im Pressing: Nagelsmann lässt generell etwas weniger riskant und hoch anlaufen, seine Mannschaft soll sich nicht zu leicht locken lassen. Leipzigs Spieler sind in der einen oder anderen Szene aber eine Spur zu ungestüm, lassen sich dann vom defensiven Mittelfeld des Gegners aus den Positionen ziehen und geben auf den Flügeln damit zu viel Platz preis.

Vielleicht ist das auch eine Erklärung für das für Leipziger Verhältnisse eher mittelprächtige Angriffspressing bisher. Diese totale Gewissheit, den Gegner sauber abgesichert früh attackieren zu können, ist noch nicht wieder da. Stattdessen zögert der eine oder andere Spieler einen kurzen Moment, was dann letztlich den kompletten Ablauf torpediert und das Pressing aufweicht.

Mit dem Ball zeigt sich diese Unentschlossenheit ab und zu noch in zu überhastet und schlecht vorbereiteten Angriffen. Dann wird der Spagat sichtbar zwischen der nötigen Vertikalität im Spiel und dem, was Nagelsmann an sich unter Ballbesitzfußball und Positionsspiel versteht: Den Gegner auch zurückdrängen, ihn sich zurechtlegen und dann am Boden ausspielen.

Und, fast nicht zu glauben: Auch in Leipzigs Gourmet-Kader kann es zu Engpässen kommen. So konnte Nagelsmann gegen die Bayern trotz offenkundiger Unterlegenheit in der ersten Halbzeit nicht einfach umstellen, weil ihm ein Innenverteidiger fehlte, der ohne großen Qualitätsverlust auch auf der Sechs spielen kann. Aber das sind im Vergleich zu Werders Personalsorgen eher Luxusprobleme.

Das ist der Schlüsselspieler:

In einem Kader mit etlichen Topspielern bewegt sich Willi Orban immer ein wenig unter dem Radar. Orban ist kein Offensivspieler, kein Nationalspieler einer spektakulären Fußballnation und schon gar kein Lautsprecher und dessen selten im Fokus. Aber eben einer der besten Innenverteidiger der Bundesliga - weil der 26-Jährige das Komplettpaket mitbringt. Orban ist in seinen Defensivaktionen unheimlich wuchtig und robust, trotzdem beweglich genug auch gegen wendige Angreifer. Dazu hervorragend technisch und taktisch ausgebildet, was sich unter Nagelsmann noch eine Spur deutlicher bemerkbar macht: Ab und an bleibt der Trainer bei seinem eigentlichen Plan, den Spielaufbau vergleichsweise wenigen Spielern zu überlassen, im konkreten Fall dann sehr oft auch Orban. In Leipzigs Spielaufbau dribbelt der noch öfter an und geht aggressiv auf die erste Pressinglinie des Gegners zu, um dann von seiner halblinken Position ins Zentrum oder noch tiefer zwischen die Linien zu passen. Diese wichtige, neue Aufgabe plus sein Wert in der Defensive plus seinem Standing als Kapitän der Mannschaft und erster Ansprechpartner für den Trainer macht Orban zur wichtigsten Figur im RB-System.


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