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Die Taktik-Analyse zur Pleite gegen RB
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Leipzigs Männerfußball ist zu viel für Werder

Stefan Rommel 23.09.2019 7 Kommentare

(nordphoto)

Werder-Trainer Florian Kohfeldt musste seine Startelf erneut stark umbauen und improvisieren. Zu den schon verletzten Spielern gesellten sich unter der Woche noch Yuya Osako und Niclas Füllkrug, dazu fiel Nuri Sahin wegen einer Gelb-Rot-Sperre aus. Der genesene Maximilian Eggestein, Benjamin Goller bei seinem Startelf-Debüt in der Bundesliga und Joshua Sargent rückten in die Mannschaft.

RB-Coach Julian Nagelsmann rotierte nach dem Champions-League-Spiel bei Benfica zwei Spieler (Diego Demme und Emil Forsberg) auf die Bank, Yussuf Poulsen fehlte wegen der Geburt seines Kindes, Marcel Halstenberg verletzt. Dafür rückten Lukas Klostermann, Dayot Upamecano, Christopher Nkunku und Matheus Cunha ins Team.

Vielleicht etwas überraschend wählten beide Trainer eine Grundordnung mit Dreier- beziehungsweise Fünferkette und beide ein 5-3-2. Bei Werder übernahmen Theo Gebre Selassie, Christian Groß in zentraler Rolle und Marco Friedl die Innenverteidigung, Michael Lang rechts und Leo Bittencourt links waren die Schienenspieler. Im Mittelfeld agierten Maximilian Eggestein, Johannes Eggestein und Davy Klaassen gegen den Ball auf einer Linie, Sargent und Goller bildeten den Angriff.

Vorsichtige Bremer Herangehensweise

Werder spielte der angespannten Personalsituation geschuldet nicht nur mit Dreierkette, sondern auch mit einer Ausrichtung, die eher untypisch für die Mannschaft ist - gerade bei einem Heimspiel: Die Bremer zogen sich bei gegnerischem Ballbesitz ungewohnt weit zurück, erwarteten Leipzig in einem recht tiefen Mittelfeldpressing erst ab Höhe der Mittellinie. Werder wollte den Gästen keine Tiefe im Spiel anbieten, keinen Raum im Rücken der Abwehrkette und auch keinen Raum zwischen den Linien. Dafür bewegte sich die Dreierkette im Mittelfeld immer sehr eng angeschlossen an der Abwehrkette, die beiden Stürmer attackierten eng nebeneinander. Werder wollte so das Zentrum geschlossen halten und Leipzig eher auf die Flügel drängen.

Leipzig verteidigte deutlich höher im Feld als Werder und mit zwei Achtern vor dem klaren Sechser Konrad Laimer. Das brachte zwar mehr und früher Druck auf den Ball, barg aber auch ein gewisses Risiko, das sich gerade in der Anfangsphase ein paar Mal bemerkbar machte: Die Gäste manövrierten sich zwei, drei Mal in Gleichzahlsituationen bei Bremer Kontern. Diese riskante Restverteidigung war für Leipzigs Innenverteidiger mit ihrer herausragenden Robustheit und Schnelligkeit zwar zu stets meistern, die viele Laufarbeit in die „falsche“ Richtung brachte aber nicht nur Werder ein paar Mal bedrohlich nahe ans eigene Tor, sondern erwies sich für die eigenen Angriffsbemühungen als kontraproduktiv.

Zu ungeduldig im letzten Drittel

Leipzig brachte im Spielaufbau mit seinen teilweise sehr aggressiv andribbelnden Innenverteidigern zwar gut ins Laufen und war auch im Übergangsdrittel mit seinem Positionsspiel ordentlich unterwegs. RB zog im sehr sauber verdichteten Bremer Abwehrbollwerk immer mal wieder Räume frei, wenn die Flügelspieler einrückten und dafür ein Angreifer auf die Seite driftete, wirkliche Überzahl am Flügel konnte Leipzig aber ebenso wenig schaffen wie Spieler zwischen den Bremer Linien so anzuspielen, dass der Druck sofort mit nach vorne und auf die Bremer Abwehr zu mitgenommen werden konnte.

Im letzten Drittel wurden die Angriffe deshalb regelmäßig ungeduldig und zu kompliziert. Die Flanken waren nicht besonders gut vorbereitet und versandeten trotz der guten Strafraumpräsenz. Den Gästen fehlten deshalb nicht nur die nötigen Abschlussaktionen, sie luden Werder damit quasi zum Kontern ein. Diese Umschaltmomente spielte Werder wiederum etwas zu euphorisch und überhastet aus, suchte zu schnell den Weg in die Tiefe und prallte mit seinen Angreifern an den Leipziger Abwehrkanten regelrecht ab.

Leipzig legt Werders Spielaufbau lahm

Nach und nach wurde ersichtlich, dass Leipzig schlicht deutlich mehr individuelle Qualität auf dem Platz hatte und dann erlaubte sich Werder einen entscheidenden gruppentaktischen Fehler: Ecken verteidigte die Mannschaft in einer Mischung aus Manndeckung und Raumdeckung. Bei Nkunkus Eckstoß standen die beiden Spieler im Raum zwar auf Höhe der Fünfmeterlinie, aber zu weit vorne postiert und zu weit auseinander. Zwischen den beiden öffnete sich der Raum für den einlaufenden Orban, der zur Führung traf.

Zum Rückstand gesellte sich noch ein zweites Problem aus Bremer Sicht: Sofort danach stellte Leipzig von 5-3-2 auf ein 5-2-1-2 um. Marcel Sabitzer rutschte von der Acht auf die Sechs neben Laimer, Nkunku dafür auf die Zehn. Jetzt hatte Leipzig einen direkten Gegenspieler für Maximilian Eggestein abgestellt, der Werders tiefen Aufbau enorm erschwerte. Werder reagierte für  sehr kurze Zeit mit der gleichen Variante und zog Johannes Eggestein auf die Zehn, wich von diesem Plan aber schnell wieder ab. Offenbar wollte Kohfeldt Spielern, die ohnehin schon auf fremden Positionen spielen müssen und als Mannschaft nicht eingespielt sind, so früh in der Partie nicht noch mehr neue Aufgaben zu stellen.

Die Standards als Unterschied

Leipzig hatte nun die Kontrolle über den Ball und zog ein ordentliches Positionsspiel auf - der entscheidende Unterschied zwischen beiden Mannschaften in der ersten Halbzeit blieben aber die Standards. Während Leipzig bei den stark getretenen Ecken von Nkunku stets gefährlich war und mit Sabitzers herausragendem Freistoß die Führung ausbaute, verpufften die Bremer Eckbälle und Freistöße ohne nennenswerte Gefahr für das Leipziger Tor. Leipzig genügten drei Torschüsse für zwei Treffer, Werder dagegen vergab seine Konter und die beste Chance kurz vor der Pause durch Klaassen.

Nagelsmann nahm zur zweiten Halbzeit Mukiele runter und stellte Klostermann auf dessen rechte Seite, links kam Marcelo Saracchi ins Spiel. Die beiden Flügelspieler sorgten auf ihren angestammten Seiten nun für mehr Druck auf den Außenbahnen, Leipzig rückte als Mannschaft geschlossener auf und sammelte viele zweite Bälle auf, was letztlich die Restverteidigung deutlich entlastete und mehr Angriffe aufs Bremer Tor rollen ließ. Waren die Gäste in der ersten Halbzeit aber noch brutal effizient, so ging RB jetzt mit seinen Chancen etwas zu großzügig um. Trotzdem hatte Leipzig das Spiel nun voll im Griff.

Umgekehrte Rollenverteilung

Nachdem Werder im 5-2-1-2 - Johannes Eggestein spielte nun doch wieder als Zehner hinter den Spitzen - zwar wieder etwas griffiger wurde und höher anlief, aber eben durch das erhöhte Risiko auch mehr Torchancen für Leipzig zuließ, brachte Kohfeldt Claudio Pizarro und stellte auf Viererkette und die Raute im Mittelfeld um. Mit dem Platzverweis für Laimer wenige Sekunden danach öffnete sich für Werder unverhofft die Tür wieder einen Spalt.

Leipzig blieb bei der Fünferkette und stellte auf 5-3-1 um. Die Gäste hatten nun kaum noch Druck auf den neuen Bremer Sechser Philipp Bargfrede, der für Maximilian Eggestein ins Spiel kam, und ließ Werner als Entwicklungsspieler für Konter vorne stehen. Dafür drehte RB die Ausgangsstellung im Vergleich zum Beginn der Partie aber einfach. Jetzt verteidigte Leipzig tief, ohne jeglichen Raum hinter der Abwehrkette und ohne Löcher im Zentrum. Werder musste immer wieder über die Flügel angreifen und flanken. Das wiederum erwies sich angesichts der klaren Unterlegenheit in der Luft als unbrauchbares Mittel. Und echte Druckphasen entwickelten sich auch nicht, weil Leipzig zwischendurch teilweise minutenlang den Ball kontrollierte und Werder hinterherrennen ließ.

Werder hatte einen, vielleicht zwei Momente in der ersten Halbzeit, um zuzupacken und die Partie unter Umständen auf seine Seite zu ziehen. Ansonsten war Leipzig aber in allen Belangen besser und spielte seine turmhohe körperliche Überlegenheit von Minute zu Minute mehr aus. Am Ende war es fast wie ein Spiel einer Herrenmannschaft gegen eine bunt gemischte Jugendauswahl. Werder wehrte sich, so gut es die widrigen Umständen eben zuließen, hatte einer allenfalls mittelprächtigen Leipziger Mannschaft in den entscheidenden Phasen aber zu wenig entgegenzusetzen.


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