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Marco Bode wird 50
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Mit Köpfchen an die Spitze

Christoph Bähr 23.07.2019 4 Kommentare

(nordphoto)

Es gibt da diese kuriose Geschichte aus Marco Bodes Kindheit. In seiner Heimstadt Osterode spielte er auf dem Schulhof Fangen. Die Mädchen jagten die Jungen, und irgendwann war nur noch Bode übrig. Er rannte davon, bis er eingekreist wurde und mit dem Rücken am Abgrund stand. Mehrere Meter ging es in die Tiefe, doch Bode sprang. Er krachte durch ein Dach und landete in einem Getreidesilo. Dort musste er in dem üblen Gestank ausharren, bis der Bauer, dem das Silo gehörte, ihn rettete. „Das war eines der peinlichsten Erlebnisse meiner Kindheit“, sagt Bode auf der CD, die 1999 zum 100-jährigen Werder-Bestehen erschien.

Das Erlebnis ist nicht nur etwas peinlich, es sagt auch viel aus über Marco Bode – Werders Ehrenspielführer und Aufsichtsratschef, der an diesem Dienstag 50 Jahre alt wird. Otto Rehhagel nannte ihn gerne „den fairsten Spieler seit dem Zweiten Weltkrieg“. Bode flog in 13 Jahren Bundesliga nie vom Platz, bekam nie eine Gelbsperre. Skandale gab es nie. Bode ist der Inbegriff von Vereinstreue und Loyalität. Außerdem tritt er stets höflich auf, beantwortet Fragen überlegt. Und trotzdem sollte man "den netten Herrn Bode“ nie unterschätzen. Er ist unheimlich ehrgeizig, auch wenn man es ihm nicht sofort anmerkt. Bode musste sich seine Fußballkarriere, die rückblickend wirkt wie aus dem Bilderbuch, hart erarbeiten. So wie er damals als Kind auf keinen Fall gefangen werden wollte, so wollte er es später unbedingt in die Bundesliga und dann in die Nationalmannschaft schaffen. „Ich war schon immer sehr ehrgeizig und wollte in vielen Dingen der Beste sein“, sagte Bode.

Im Fußball war er einer der Besten – in Osterode, der 20 000-Einwohner-Stadt im Harz. Also verpflichtete Werder den Linksfuß 1988 für die Amateurmannschaft. Am 5. August 1989 gab er im Alter von 20 Jahren sein Bundesliga-Debüt: sieben Minuten lang spielte er beim 2:2 gegen Düsseldorf mit. „Die ersten Profi-Jahre bin ich nur so mitgelaufen, da war ich nichts Besonderes“, sagte Bode einmal.

Das besondere Verhältnis zu Rehhagel

Der Mann mit der Lockenmähne und dem Schnäuzer war talentiert, aber kein Ausnahmespieler. Bode musste mehr arbeiten als manch ein Teamkollege und ihm half die Vielseitigkeit. Im Sturm, im Mittelfeld oder auf der linken Abwehrseite konnte er spielen. Während Bodes Anfangszeit bei Werder sagte Trainer Otto Rehhagel zu ihm: „Marco, für Fußball interessieren Sie sich ja nicht. Sie spielen bei mir nur, weil meine Frau Sie mag und Sie Abitur haben.“ Ganz ernst gemeint war das nicht, Theaterliebhaber Rehhagel wusste es durchaus zu schätzen, einen Spieler zu haben, der andere Interessen pflegte. Bode las gerne, spielte Schach, studierte einige Semester Mathematik und später Philosophie.

Wenn er aber auf dem Platz stand, gab es auch für ihn nur Fußball. So erkämpfte er sich einen Stammplatz bei Werder. Als er Anfang der 90er-Jahre in der Kritik stand, weil er zu viele Großchancen vergab, ließ sich Bode davon nicht beirren und bekam Rückendeckung vom Trainer. Bode wurde in der Rehhagel-Ära mit Werder zweimal Pokalsieger, deutscher Meister und Europapokalsieger der Pokalsieger, schoss dabei etliche wichtige Tore. Bode und den Trainer, unter dem er zum Bundesliga-Spieler reifte, verband eine besondere Beziehung. Als Rehhagel 1995 nach München ging, verlas dieser bei seiner Abschiedsfeier ein kleines Theaterstück, verfasst von Bode, der etliche Kabinen-Ansprachen des Trainers humorig aufbereitet hatte.

Plötzlich Nationalspieler

Es ist schon etwas merkwürdig, dass Bode den Sprung zum überdurchschnittlichen Bundesliga-Spieler erst schaffte, als sein großer Förderer Rehhagel weg war. Nachfolger Aad de Mos gelang in Bremen zwar nicht viel, doch er verbesserte Bodes Defensivverhalten. „Er hat von mir verlangt, auch defensiv zu arbeiten. Das funktionierte gut auf der linken Seite, und da ist Bundestrainer Berti Vogts aufmerksam geworden“, erzählte Bode.

Sein großer Ehrgeiz katapultierte den Jungen aus dem Harz, den ehemaligen „Chancentod“, also tatsächlich unter die besten Fußballspieler des Landes. Bode wurde Europameister 1996, kam bei dem Turnier in England dreimal zum Einsatz und wäre beim denkwürdigen Halbfinalsieg nach Elfmeterschießen über den Gastgeber sogar beinahe als Schütze angetreten. „Ich wäre der Nächste gewesen, war aber ganz froh, dass ich nicht schießen musste“, gab Bode später zu.

1999 trat er dann an, verwandelte im Elfmeterschießen und gewann mit Werder das Pokalfinale gegen die Bayern. Es war Bodes letzter Titel, doch einen echten Höhepunkt hielt seine Karriere noch bereit. Obwohl er im Vorfeld des Turniers oft verletzt gewesen war, durfte Bode mit zur Weltmeisterschaft 2002 nach Japan und Südkorea. Teamchef Rudi Völler hielt viel vom zuverlässigen Allrounder, der Werderaner gehörte zum Spielerrat und bekam vom Boulevard den Spitznamen „Buch-Bode“ verpasst, weil er ein bisschen Lesestoff im Gepäck hatte.

Bode schoss ein wichtiges Tor gegen Kamerun und wurde Vize-Weltmeister. Damit war der große Ehrgeiz gestillt. Er hatte fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gab, und der Kopfmensch Bode wollte auf dem Höhepunkt abtreten. Mit 32 Jahren, fit und unverletzt, hörte er auf – nach 379 Bundesliga-Spielen (101 Tore) und 40 Länderspielen (neun Tore). Aufgrund der starken WM bekam er mehrere Angebote, doch Bode lehnte alle ab. „Ich wollte mich bewusst distanzieren von der Branche“, erklärte er.

Bode arbeitete als Journalist, produzierte TV-Formate, engagierte sich in vielerlei Hinsicht sozial, etwa für ein Leseprojekt für Grundschüler oder den Bremer Sportgarten. Er spielte Tennis und Schach. Den Fußball brauchte er nicht unbedingt, doch der Fußball brauchte ihn – genauer gesagt: Werder brauchte ihn. Wie konnte er in schwierigen Zeiten dem Verein absagen, dem er als Spieler trotz einiger Angebote stets die Treue gehalten hatte? Also wurde Bode 2012 Mitglied des Aufsichtsrats und übernahm 2014 die Leitung des Gremiums. Mit seiner überlegten Art navigierte er Werder wieder in ruhigeres Fahrwasser. Und der große Ehrgeiz, der ihn in der Schule auf das Dach eines Getreidesilos springen ließ, ist weiterhin vorhanden. Bode hat noch viel vor und betonte kürzlich: „Ich habe die Hoffnung, dass Werder auch in zehn Jahren im Kern das ist, was es heute ist. Nämlich ein familiärer, anfassbarer und weltoffener Klub, der erfolgreich sein kann – in der Bundesliga, und hoffentlich auch darüber hinaus.“


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