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Klaassen im großen WESER-KURIER-Interview
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„Niclas hat es nicht böse gemeint“

Jean-Julien Beer 18.09.2019 6 Kommentare

(dpa)

 

Werder erlebt einen komischen Saisonstart: zunächst zwei Niederlagen, dann viele Verletzte, nach den beiden Siegen jetzt trotzdem sechs Punkte. Wie ordnen Sie diesen Start ein, Herr Klaassen?

Davy Klaassen: Mit den vielen Verletzten müssen wir jetzt einfach leben. Die sind jetzt Fakt – und wir haben uns vorgenommen, nicht mehr viel darüber zu reden. Denn das bringt ja nichts. Die ersten beiden Spiele haben wir nicht schlecht gespielt, aber nicht gewonnen. Jetzt haben wir zweimal nicht so gut gespielt, aber gewonnen. Es ist wirklich so, wie Sie es sagen: ein verrückter, ein krasser Saisonstart.

Aber es hätte schlimmer kommen können, angesichts von zuletzt zehn verletzten Spielern. Gibt es Selbstvertrauen, dass man durch die Siege gegen Augsburg und Union Berlin trotzdem sechs Punkte hat?

Natürlich. Wobei ich eigentlich finde, dass wir - bei allem Respekt - immer den Anspruch haben sollten, Augsburg und Union zu schlagen, auch wenn wir ein paar Verletzte haben. Trotzdem tun diese Siege natürlich gut. Siege sind immer wichtig.

Umso mehr müssten Sie sich ärgern, dass Werder zum Auftakt gegen Düsseldorf verloren hat. Diese Fortuna hat seither kein weiteres Spiel mehr gewonnen…

Oh, das mache ich auch, das können Sie mir glauben. Wenn wir dieses Spiel noch zehn Mal spielen, dann gewinnen wir davon wahrscheinlich neun Mal. Da bin ich ganz sicher. Wir haben so viele Torchancen vergeben in diesem Spiel! Und die hatten nur ein paar Gelegenheiten, machen daraus aber drei Tore. Das ärgert einen, klar, aber auch hier gilt: Man darf daran nicht mehr zu oft denken. Es ist vorbei.

Wie gehen Sie damit um, wenn jede Woche wichtige Spieler bei Werder ausfallen? Kann man das ausblenden und sich einfach aufs nächste Spiel konzentrieren?

In dem Moment, wo du davon erfährst, denkst du natürlich: Ach Mist, jetzt ist der verletzt. Aber am nächsten Tag musst du versuchen, das zu verdrängen. Denn auf dem Platz darfst du nicht daran denken. Das würde uns nur Energie kosten, wir brauchen aber im Moment alle Energie, um unsere Spiele zu gewinnen. Ich versuche deshalb, dieses Verletzten-Thema von mir wegzuschieben. Deshalb ist es übrigens so wichtig, dass wir einen großen Kader haben mit vielen Spielern, die in der Bundesliga mithalten können.

Ihr Trainer Florian Kohfeldt hat im Sommer gesagt, dass Sie in dieser Saison einen großen nächsten Schritt machen könnten. Weil Sie jetzt die Liga und Werders Fußball kennen. Ist das auch Ihre Erwartung?

Genau so bin ich diese Saison auch angegangen. Es wird bei mir immer so sein, dass ich nie zufrieden bin. Ich will immer besser werden. Und natürlich will und kann ich mich hier bei Werder jetzt im zweiten Jahr weiter entwickeln.

Was aber für einen Mittelfeldspieler wie Sie deutlich schwieriger wird, wenn es in der Mannschaft wegen der vielen Verletzten nicht rundläuft.

Ich bin aber ein Spieler, der sich ohnehin nicht gerne in den Vordergrund drängt. Für mich ist die Mannschaft immer das Wichtigste. Es stimmt schon, im Moment ist es schwer, schönen Fußball zu spielen. Das geht jetzt einfach nicht so, weil es eine schwierige Situation ist für uns alle. Aber wenn wir trotzdem gewinnen und ich etwas dazu beitragen kann, dann ist das okay für mich.

Bei Union Berlin haben Sie sogar mit einem Elfmeter-Tor dazu beigetragen. Wie wichtig war dieser erste Saisontreffer für Sie, um richtig in der Saison angekommen zu sein?

Ein Tor ist schön, natürlich. Wenn ich nicht treffe, bin ich deswegen aber nicht frustriert. Aber klar, das ist bei mir wie bei jedem Fußballer: Ein Tor tut dir immer gut.

Jetzt müssen wir mal über Herrn Füllkrug reden…

(lacht) Darauf habe ich gewartet.

Der Trainer hatte Sie zum Elfmeterschützen bestimmt. Sie wollten gerade bei Union zum Elfmeter antreten, als Niclas Füllkrug mal kurz vorbei kam und fragte, ob nicht besser er schießen solle. Hat Sie das überrascht?

Er hat mich gefragt, ob ich mich sicher fühle. Da habe ich gesagt: ja. Es sieht natürlich für Außenstehende immer ein bisschen komisch aus, wenn ein Mitspieler zu einem kommt und redet. Und die Leute draußen verstehen dann gar nicht, was er sagt.

Nun, hier war es offensichtlich, was er wollte: Er wollte den Elfmeter schießen.

Ja, klar. Aber wir müssen das auch nicht größer machen, als es ist. Er ist ein Stürmer, der will natürlich Tore schießen. So sind Torjäger.

Komisch war ja auch nur, dass er vor dem zweiten Elfmeter schon wieder nachfragte. Kommt er beim nächsten Strafstoß wieder, oder wurde das jetzt geklärt?

Ich denke nicht, dass er noch einmal kommt. Wir haben das besprochen. Es war aber auch nur guter Wille von ihm, er hat es ja auch beim zweiten Mal nicht böse gemeint. Er wollte nur nachfragen, weil ich halt schon einen geschossen hatte. Es sah vielleicht komisch aus, aber für uns war das keine wichtige Sache.

Kann man sagen, dass ein Typ wie Niclas Füllkrug der Mannschaft gerade in dieser Phase gut tut? Weil er diesen Willen verkörpert und sich 90 Minuten gegen jeden und alles wehrt?

Er wird ja außerdem noch jede Woche fitter, das kommt hinzu. Er kann für den Gegner einfach ein ekliger Spieler sein. Es ist sehr wichtig, dass er so ist. Er macht einfach alles, um zu gewinnen. Ich glaube, das ist sehr gut für eine Mannschaft.

Normalerweise freut man sich als Fußballer auf solche Topspiele wie nun gegen Leipzig oder Dortmund. Kann man sich auch darauf freuen, wenn man wegen der vielen Verletzten nicht mit der besten Elf antreten kann?

Ich freue mich auf jeden Fall. Das sind schöne Spiele, aber auch schwierige, wo wir ein noch höheres Level erreichen müssen als zum Beispiel am letzten Wochenende. In diesen Spielen ist alles möglich. Natürlich haben wir weiterhin ein paar Verletzte und müssen noch schauen, wer zurückkommt und wer nicht, aber warum sollten wir nicht wieder eine Überraschung schaffen? Wir haben gegen beide Mannschaften in der vergangenen Saison gut ausgesehen.

Was ist angesichts der vielen Ausfälle mit dem Saisonziel Europa? Muss man das in die Schublade legen, bis alle wieder fit sind?

Ich glaube nicht, dass unser Saisonziel irgendwie von den Verletzten abhängt. Das ist unser Ziel. Wenn wir gar keine Verletzten hätten, wäre das genauso unser Ziel wie jetzt. Es sind erst vier Spieltage vorbei, wir müssen nicht jede Woche über dieses Ziel reden. Eigentlich ist das noch ganz weit weg, das wird sich im Frühjahr entscheiden. Wir haben uns dieses Ziel bewusst gesetzt, und das wird auch die ganze Saison so bleiben.

Wie wichtig wäre der Europapokal für Sie, um es zurück in die niederländische Nationalmannschaft zu schaffen?

Es ist nicht so, dass alle Spieler unseres Nationalteams international dabei sind mit ihren Klubs. Deshalb ist es nicht das wichtigste Kriterium. Es ist mir trotzdem wichtig, unser Ziel zu erreichen und mit meiner Mannschaft im Europacup zu spielen. Und ich will auch in der Nationalmannschaft spielen. Aber das eine hängt nicht vom anderen ab. Auch nicht im positiven Sinne: Ich denke nicht, dass ich automatisch wieder in die Nationalmannschaft käme, wenn Werder international spielen würde. Ich muss einfach so gut wie möglich spielen, um wieder nominiert zu werden. Ich werde sehr oft danach gefragt, aber was soll ich anderes sagen? Es gibt starke Konkurrenz, die spielen alle gut. Also muss auch ich so gut wie möglich spielen und auf meinen Moment warten.

Von Ihrer Art her sind Sie eher ein offensiver Mittelfeldspieler. Können Sie gegen Leipzig auch auf der Sechs im defensiven Mittelfeld übernehmen, wenn bis dahin kein anderer fit sein sollte?

Ich habe das bei Ajax Amsterdam schon mal eine Saison gespielt. Ich kann das auch, kein Problem, aber alle wissen, dass es nicht meine beste Position wäre.

Haben Sie eine Lieblingsposition im Mittelfeld? Ist diese Achter-Rolle wirklich ideal, oder ist sie nicht etwas zu weit weg vom Tor?

Die Acht ist meine beste Position. Früher habe ich immer Zehner gespielt, aber ich glaube, dass der Achter jetzt besser zu mir passt. Der Fußball hat sich verändert. Auf der Zehn brauchst du heute mehr Spieler, die auch mal eine Einzelaktion haben. Das bringe ich nicht so mit wie andere Spieler bei uns. Aber die Sechser-Position wäre wirklich kein Problem für mich, schon bei Union habe ich gegen den Ball eigentlich wie ein Sechser verteidigt.

Am Ende sogar mit Claudio Pizarro als Doppel-Sechs!

(lacht) Ja, genau. Claudio kann einfach alles.

Im Sommer haben alle, auch wir Medien, sehr viel über den Verlust von Max Kruse gesprochen. Der beste Torschütze und Vorbereiter hat den Verein verlassen, dazu war er der Kapitän. Nach vier Spieltagen merkt man das Werder aber gar nicht an. Oder merkt die Mannschaft, dass ohne Kruse etwas fehlt?

Nein. Er war natürlich ein guter Spieler und unser Kapitän, dazu auch ein guter Typ. Natürlich ist es anders, wenn er nicht mehr da ist. Aber ich glaube, wir haben das gut aufgefangen. Viele Spieler, die vergangene Saison schon viel Verantwortung übernommen haben, die machen das jetzt noch etwas mehr. Deswegen haben wir das gut hinbekommen.

Was hat sich in der Mannschaftsführung dadurch verändert, dass Niklas Moisander und Sie jetzt die Kapitäne sind?

Nicht sehr viel, weil es relativ einfach war: Wir hatten zu Saisonbeginn noch nicht so viele Veränderungen im Kader, es waren im Grunde fast die gleichen Spieler wie im Vorjahr da. Es hat sich einfach nur ein wenig weiterentwickelt.

Moisander betont oft, wie wichtig der Teamgeist für einen Verein wie Werder ist. Merkt man gerade in dieser schwierigen Phase mit den vielen Ausfällen, was dieser gute Zusammenhalt ausmacht?

Ja, absolut. Aber diesen Teamgeist hatten wir auch vergangene Saison schon. Seitdem ich hier in Bremen bin, habe ich das immer so empfunden. Das ist eindeutig eine unserer Stärken.

Durch den verpatzten Start und die vielen Verletzten hätte die Stimmung im Team durchaus auch kippen können.

So etwas kann passieren. Bei uns war es aber nicht so. Auch wenn wir verlieren sind zwar alle sauer, aber wir halten und bleiben zusammen, und das ist wichtig. Auch wie die Fans reagieren, ist fantastisch. Sie bleiben immer positiv, und das hilft uns allen. Natürlich muss man auch kritisch sein, wir gehen immer selbstkritisch mit unserer Leistung um. Aber man muss trotzdem positiv bleiben.

So lange Moisander ausfällt, bleiben Sie Werders Kapitän. Was bedeutet es Ihnen, dass der Trainer Sie für diese Rolle ausgewählt hat?

Es bedeutet mir viel. Es macht mich stolz, dass ich in diesem Verein der Vizekapitän bin. Es bedeutet natürlich auch mehr Verantwortung, aber das passt denke ich auch ein bisschen zu mir. Auch wenn Niklas da ist, bringe ich mich so ein wie jetzt in Berlin. Eigentlich ändert sich nicht viel, wenn ich die Binde trage – außer, dass Niklas uns natürlich dann in der Abwehr fehlt.

Der Trainer sagte über Sie: Davy Klaassen ist ein Top-Profi, immer da, immer Pflege, immer top vorbereitet. Sie seien damit auch ein wichtiges Vorbild für die jüngeren Spieler. Nun sind Sie erst 26 Jahre – sind Sie gerne schon so ein Vorbild?

Ich mache das nicht nur, um es den Jüngeren zu zeigen. Ich weiß, dass es mir hilft und unserer Mannschaft hilft, wenn ich mich so verhalte. Wenn die Jungs dann denken: Oh, das ist gut, der ist ein Vorbild für mich – dann fülle ich die Rolle gerne aus.


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