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Torwarttrainer Vander im Interview
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„Pavlenka sieht Werders Entwicklung“

Jean-Julien Beer 03.07.2019 0 Kommentare

(nordphoto)

Nächste Saison gibt es neue Regeln für die Torhüter. Zum Beispiel muss beim Abstoß der Ball nicht mehr aus dem Strafraum gespielt werden, dafür muss der Torwart beim Elfmeter nur noch mit einem Fuß auf der Linie bleiben. Was bedeutet das für Ihre Arbeit mit Werders Torhütern, Herr Vander?

Christian Vander: Wir haben die Frauen-WM genutzt, um darauf zu achten, was sich durch die neuen Regeln grundsätzlich verändert. Die Geschichte bei den Elfmetern wurde dort schon wieder aufgeweicht, etwa dass es keine Gelbe Karte mehr gibt, wenn der Torwart sich zu früh bewegt. Große Veränderungen waren bei diesen Mannschaften aktuell noch nicht zu sehen. Ich hätte bei der Spieleröffnung erwartet, dass daraus ein paar neue Abläufe entstehen, weil der Verteidiger den Ball bei Abstoß jetzt schon im Strafraum annehmen kann. Nur bei den Japanerinnen war es einmal zu sehen, dass sie etwas versucht haben: Der Verteidiger kam in den Sechszehner, hat den Ball genommen und eine Seite wurde überlagert. Aber bei Regeländerungen ist es ja oft so, dass sich erst nach ein paar Wochen zeigt, wie die Mannschaften darauf reagieren.

Kann es für Werder zum Vorteil werden, wenn man zu den Teams gehört, die sich bei der Spieleröffnung möglichst früh etwas einfallen lassen?

Absolut. Es ist natürlich auch eine Frage der Spielphilosophie. Möchte man das überhaupt? Oder möchte man Risiko in der Spieleröffnung vermeiden? Wir haben das im Trainerteam bereits im Vorfeld der Vorbereitung besprochen. Wir haben ohnehin vor, mit den Abläufen in der Spieleröffnung ein bisschen zu spielen. Wo können Räume entstehen? Wo gibt es Passfenster, die wir bisher nicht angespielt haben?

Es war ja generell der Plan, das Spiel von hinten heraus über die Torhüter zu verfeinern. Wird sich das in den Trainingslagern abspielen?

Wir haben ein sinnvolles Zeitfenster gefunden, damit wir es auch in Trainingsspiele einbauen können, die am Anfang vielleicht noch nicht im großen 11 gegen 11 stattfinden. Dann wird es wichtig sein, noch ein oder zwei Szenen auf Video zu bekommen, um das Thema Richtung Saisonstart weiter zu verfeinern. Auch im letzten Jahr haben wir oft versucht, das Spiel über den Torwart flach zu eröffnen, haben in den letzten beiden Saisonspielen aber lang auf einen Zielspieler gespielt und beide Spiele gegen Hoffenheim und Leipzig gewonnen. Das muss auch immer ein Mittel bleiben, zu schauen: Welches Personal steht zur Verfügung und wie ist das Anlaufverhalten des Gegners? Auch daran muss man die Idee der Spieleröffnung vor jeder Partie neu ausrichten.

Was bedeuten diese neuen Zielfenster für Stammkeeper Jiri Pavlenka? Müssen sich bei ihm neue Automatismen einspielen?

Als er aus Prag zu uns wechselte, war die Spieleröffnung als der eine Teil des Torwarttrainings „Karo einfach“: Zielspieler vorne und langer Ball. In der ersten Saison haben wir über flache Pässe gesprochen, über einen ersten Kontakt, über eine Vororientierung. Im letzten Jahr haben wir dann den Chipball in den Achter- oder Zehnerraum dazu genommen. Natürlich auch den Chip auf die Außenverteidiger. Er hat jetzt einige Ideen. Aber die Technik ist bei der Spieleröffnung das eine, unter Zeit- und Handlungsdruck diese Technik richtig einzusetzen und dieses Passfenster zu sehen, in einem Bereich, wo du dir keinen Fehler erlauben darfst – das ist ein längerer Prozess. Da machen wir stetig Fortschritte. Man muss es natürlich gemeinsam mit dem Abwehrverbund und dem Mittelfeld betrachten: Wir haben in der Zeit gute Fußballer dazu bekommen, die gerne den Ball haben wollen. Deshalb können wir jetzt noch einen Schritt machen, weil Pavlenka auch mutiger geworden ist. Die Ideen hat er im Kopf, die Passfenster sieht er – jetzt geht es darum, unter Zeitdruck mutig die richtigen Entscheidungen zu treffen. 

Zurück zu den neuen Regeln: Auch das Stellen der Mauer könnte zum Problem oder zur Chance werden, weil keine Gegner mehr in der Mauer stehen dürfen. Und wenn der Schiedsrichter nach einem Foul Gelb oder Rot zeigen möchte, kann der Freistoß vorher schnell ausgeführt werden. Was bedeutet das für die Torhüter?

Das mit der Mauer ist für den Torwart eher zu vernachlässigen. Wichtig war dabei schon immer, dass sich der Torwart total auf den Ball konzentriert. Du musst natürlich trotzdem als Torhüter fokussiert bleiben und darfst dich nicht ablenken lassen. Das mit den schnell ausgeführten Freistößen müssen wir ganz klar ansprechen. Es gab schon Fälle, wo der Torhüter noch die Mauer stellen wollte und der Freistoß blitzschnell ausgeführt wurde. Das müssen die Jungs im Kopf haben.

Wo kann und soll sich Pavlenka noch verbessern? Vielleicht beim Thema Ausstrahlung, das oft diskutiert wird?

Ich sehe schon, dass Pavlenka hierbei gerade im vergangenen Jahr einen großen Schritt gemacht hat, in der Kabine und auf dem Feld. In Phasen, in denen wir nicht so stabil waren, hat er die Jungs auch mal wach gerüttelt und kam mit Gestiken aus sich heraus und hat richtig gepusht. Ohne das zu coachen, hat er dabei für sich einen Weg gefunden, zu sagen: Ich will Erfolg, ich muss in dem Bereich noch ein wenig mehr machen. Ich möchte seinen Charakter gar nicht groß verändern. Unser zweiter Torhüter Kapino etwa hat in seiner Präsenz und Persönlichkeit ein ganz anderes Torwartspiel als Pavlenka. Aber beides muss seinen Platz haben, beides ist gut, wie es ist. Mir geht es darum, die Abläufe mit den Jungs zu besprechen. Ich möchte die Idee des Torwartspiels besprechen und die Techniken. Wie die Jungs ihre Persönlichkeit ausleben, ist jedem selber überlassen, so lange es keinen negativen Einfluss auf die Mannschaft hat.

Pavlenka sorgte im Sommer für Schlagzeilen. Erst durch seine Rückenverletzung im Nationalteam. Ist da wieder alles okay?

Er ist vom Nationalteam abgereist. Die Rückenprobleme haben uns schon vergangenen Sommer durch die Vorbereitung begleitet. Er sagt, es sei alles gut. Er wird ganz normal mit ins Zillertal reisen und wir gehen davon aus, dass wir dort keine Rücksicht auf muskuläre Probleme im Rücken nehmen müssen.

Vor allem ging es bei den Schlagzeilen um ständige Wechselgerüchte. Hartnäckig hielt sich, er solle Ersatztorhüter in Liverpool oder bei Juventus werden. Waren Sie immer sicher, dass er bleibt?

Ja. Zum Ende der Saison hatte ich mit Pavlenka zwei längere Gespräche, wo wir essen waren. Ich hatte nie den Eindruck, dass es ihm darum geht, nach links und rechts zu schauen, wo vielleicht Optionen entstehen können. Ich bekomme ja auch mit, dass viele Leute ihn als Torwart auf dem Zettel haben, trotzdem war ich immer überzeugt, dass das zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Thema für Pavlenka ist. Er sieht die Entwicklung und die Schritte, die er gemacht hat. Dass er zum Beispiel in der Nationalmannschaft mittlerweile um die Nummer eins kämpft, nachdem er vor zwei Jahren noch die Nummer drei oder vier dort war. Und die gute Entwicklung hier bei Werder ist ihm natürlich auch nicht verborgen geblieben. Es macht ihm Spaß, ein Teil davon zu sein. Die Stimmung in Bremen und die Fans, die volle Hütte, die wir immer haben  – das ist ein Riesen-Faustpfand. Das tauschst du ja nicht so schnell ein. Über eine Rolle als Ersatztorwart irgendwo hat er, glaube ich, gar nicht nachgedacht. Es müsste schon ein ganz besonderes Angebot kommen, damit Pavlenka auch nur überlegt, das hier bei Werder aufzugeben.

Reden wir über Stefanos Kapino: Im Training und von der Ausstrahlung her ist er ein Tier. Er hat seinen ersten Einsatz in der Bundesliga gehabt und geht jetzt in seine erste Sommervorbereitung bei Werder. Wie kann er sich entwickeln?

Letztes Jahr im Winter hatten wir ganz klare Coachingschwerpunkte für ihn, die unser Spiel auch ausmachen. Unser Positionsspiel, die Abläufe, das Eins gegen Eins. Es war neu für ihn, so an ein Torwarttraining ran zu gehen. Auch mit dem Bewusstsein, jeden Tag hart zu arbeiten. Du bist halt die Nummer zwei und da ist die Gefahr groß, dass du nur trainierst. Aber nur trainieren, um zu trainieren – das macht dich nicht besser. Wenn du dann im Spiel rein musst, hast du kein gutes Gefühl. Und für das, wo du hin willst, was du dir wünschst – nämlich die Nummer eins bei Werder Bremen zu werden, musst du jeden Tag ans Limit  gehen. Das war ein Schwerpunkt, weil Kapino nicht der Torwarttyp Nummer zwei ist, der sich damit leicht abfinden kann. Da mussten wir einen vernünftigen Weg finden. Das haben wir geschafft. Was mir bei ihm jetzt wichtig ist: Die Emotionalität, die er im Spiel hat, in den Griff zu bekommen. Er ist ein Typ, der sich schnell über Schiedsrichterentscheidungen aufregt und dadurch in Hektik verfällt. Das muss er besser managen, damit die Torwartabläufe, die eigentlich sitzen, in der Hitze des Gefechtes nicht verloren gehen. Diese 90 bis 95 Minuten komplett konzentriert und fehlerfrei dabei zu bleiben, das ist für ihn der nächste Schritt. Dafür müssen wir auch die Vorbereitungsspiele nutzen.

Wie sehen die Planungen für den dritten Torwart aus? Luca Plogmann sollte eigentlich verliehen werden, findet aber keinen guten Klub.

Man sieht, dass es schwierig ist, den passenden Verein für ihn zu finden. Wir haben uns klar für eine Leihe ausgesprochen, weil Spielpraxis auf einem noch höheren Niveau eminent wichtig ist. Gerade beim Übergang von den Junioren zu den Senioren. Im letzten Jahr war es für Luca in der Regionalliga okay, wenn wir jetzt zusammen etwas gefunden hätten, auf hohem Niveau, wäre es das Nonplusultra gewesen. Natürlich wird Luca sich auch bei uns entwickeln. Aber wir können ihm diesen nächsten Schritt mit der höherklassigen Spielpraxis Woche für Woche nicht bieten, weil die Bundesligaplätze besetzt sind und die U23 in der Regionalliga spielt. Vielleicht passiert ja noch etwas, dann hätten wir überhaupt keine Bauchschmerzen mit Dos Santos Haesler, der sich über die zweite Mannschaft toll entwickelt hat. Und wenn bei Luca nichts mehr passiert, werden wir sehen, dass wir ihn bestmöglich über die Regionalliga entwickeln.

Reden wir über modernes Torwartspiel, seit Manuel Neuer ist das in aller Munde. Die Spielweise von Neuer ist nun bekannt und ausreichend diskutiert – wohin kann sich das Torwartspiel in den nächsten Jahren entwickeln?

Wenn wir uns unter Torwarttrainern treffen, sprechen wir über viele Varianten. Aber es ist am Ende immer noch eine Mannschaft, die auf dem Feld steht. Ein Cheftrainer wird wahrscheinlich immer sagen: Modern ist, wenn der Torwart keinen Fehler macht. Und das wird sich ja nie ändern. Für jeden Torwart ist das mit Abstand wichtigste Thema, im Spiel fehlerfrei zu bleiben. Darüber hinaus versucht man natürlich immer, Dinge zu entwickeln und dadurch kleine Vorteile im Spiel zu gewinnen. Und da glaube ich, dass man – vielleicht noch nicht in dieser Saison – dahin kommen kann, dass zum Beispiel bei einer dynamischen Dreierkette der mittlere Part nicht mehr durch einen defensiven Mittelfeldspieler besetzt wird, sondern dass der Torwart diese zentrale Position übernimmt.

Das wäre ein mutiger Schritt!

Absolut. Aber daraus kann man viele Dinge entwickeln, wie man den Torhüter ins Spiel einbezieht. Hier kann der Fußball sicher noch einen Schritt machen. Dafür ist natürlich ein Spieler wie Ter Stegen ein riesengroßes Vorbild, mit welcher Ruhe und mit welchen Optionen er hinten das Spiel eröffnen kann. Nun spielt er zwar bei Barcelona, die wollen eh alle den Ball haben, egal unter welchem Druck oder wie sie vom Gegner angelaufen werden. Trotzdem denke ich, dass sich auch andere Mannschaften in diese Richtung noch weiter entwickeln, dass der Torwart auch in der Offensive mitspielt und dadurch eine immer höhere Wertigkeit erhält.

Was bedeutet das für die Nachwuchsarbeit bei Werder?

Das heißt, dass wir unsere jungen Torhüter auch entsprechend ausbilden müssen. Deswegen sind wir schon seit zwei Jahren dazu übergegangen, dass alle unsere Jugendtorhüter beidfüßig groß werden. Das ist bei uns vom Schwerpunkt der Trainingsarbeit und Ausbildung her inzwischen fast gleichwertig mit den Fangtechniken.

Dieses „Modern ist, wenn der Torwart keinen Fehler macht“ trifft ja auch auf Pavlenka zu, der in seinem Kerngeschäft selten patzt. Trotzdem schwanken seine öffentlichen Bewertungen extrem. Woran liegt das?

Das kann ich gar nicht sagen. Wir haben ohnehin unsere eigenen Bewertungen, wie wir ihn sehen. Die sind für mich von größerer Bedeutung. Natürlich verfolge ich das aber in den Medien. Einmal hieß es, er würde nur die Bälle halten, die eigentlich schon Abseits waren. Da hatte er zwei richtig gute Situationen im Eins gegen Eins gehalten, der Schiri aber auf Abseits entschieden. Das Problem dabei: Wenn sich danach der Videoschiri das angesehen hätte, dann hätten die Tore trotzdem gezählt.

Hat er ein Image-Problem?

Nein. Aber ich glaube, dass die schlechten Bewertungen bei ihm durch eine höhere Erwartungshaltung entstanden sind. Im ersten Jahr wurde Pavlenka vielleicht hier und da auch mal zu positiv bewertet. Er war neu, keiner wusste, wie er ist und wie er sich entwickelt. Dann hat er es sehr gut gemacht, obwohl nach dem ersten Trainingslager einige kritische Stimmen in der Öffentlichkeit aufkamen. In der Folge hatte dann alles über ihn einfach einen positiven Unterton. Und seither ging man wohl davon aus, dass es immer so weitergeht. Die Erwartungshaltung ist gestiegen. Er hätte weiter Woche für Woche für einen Sieg sorgen sollen, das wäre die Normalität gewesen. Das funktioniert aber natürlich nicht. In der letzten Rückrunde haben sich die Bewertungen auf einem neutralen Level eingependelt. Auch im Quervergleich zu anderen Torhütern.

Ist Pavlenka ein Torwart, der sich über öffentliche Bewertungen Gedanken macht? Oder prallt das an ihm ab?

Ich glaube ganz ehrlich, dass er es gar nicht mitbekommt. Ich habe davor zum Beispiel Felix Wiedwald erlebt, da wusste ich, dass er am Tag nach dem Spiel sofort auf seine Bewertungen in den Medien geschaut hat. Es war ein Prozess, ihn dafür zu sensibilisieren, dass das nicht das Entscheidende ist für sein Spiel. Erst als er sich davon befreite und sich nur auf sein Torwartspiel konzentrierte und darauf, wie wir ihn sehen – da lief es richtig gut für ihn. Aber es hat gedauert, bis er verstanden hat, dass ihn das Drumherum nicht weiterbringt, sondern in seinen Torwartleistungen eher negativ beeinflusst. Ich kenne es von mir selber auch: Wenn du in der Zeitung eine 5 kassierst – das ist nicht schön. Dann gehst du auch nicht mit einem guten Gefühl ins Training, sondern es beschäftigt dich. Es setzt einen auch unter Druck fürs nächste Wochenende, und dadurch kannst du als Torhüter ein paar Prozent verlieren. Deshalb sage ich den Keepern immer: Konzentriert euch nur auf eure Leistung und beschäftigt euch nicht mit Dingen, die ihr nicht beeinflussen könnt.

Wenn Cheftrainer Florian Kohfeldt nun seinen Vertrag bei Werder verlängert – gehören Sie dann zu dem Stab um ihn herum, der auch verlängert? Oder sind Sie solo zu sehen, weil sie schon vor ihm bei den Profis waren?

Die Bereiche Athletik und Torwarttraining sind bei uns eigenständig. Wir werden unabhängig vom Fußball-Trainerteam gesehen. Im letzten Jahr habe ich meinen Vertrag bei Werder verlängert, so dass wir die nächsten Jahre konzeptionell gemeinsam planen können – und das unabhängig davon, ob Florian Kohfeldt irgendwann zu seinem anderen Verein geht oder auch nicht. Das war eine bewusste Entscheidung von Werder und mir, ich bin nicht auf dem Sprung.


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