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Kurioses Remis gegen Dortmund
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Pizarros Geniestreich in einem wahnsinnigen Spiel

Malte Bürger 05.05.2019 21 Kommentare

(nordphoto)

Es soll ja Menschen geben, für die es nichts Schöneres als einen Freizeitpark gibt. Irgendwo zwischen freiem Fall, Gruselkabinett und wendungsreicher Achterbahn fühlen sie sich am wohlsten. Nun hat auch das Weserstadion schon häufig genug bewiesen, dass es ein echter Freudentempel sein kann. Selbst dann, wenn es eigentlich überhaupt nicht danach aussieht. Aber wie das bei berauschenden Fahrgeschäften nun einmal so ist, gibt es nicht nur Höhen, sondern auch Tiefen. So wie am Sonnabend. Werder gelang gegen Borussia Dortmund erst wenig, mit 0:2 lag das Team zurück - nur um dann famos zurückzukommen und im Videobeweis-Chaos wieder einmal Leidtragender zu sein. Am Ende hieß es 2:2 

Schon vor dem Spiel herrschte reger Betrieb: Das rotationsfreudigste Karussell am Osterdeich bleibt nämlich die Abwehr. Da Niklas Moisander wegen einer Gelbsperre ausfiel, stand ohnehin schon fest, dass Trainer Florian Kohfeldt wieder einmal das Personal in der Defensive wechseln musste. Die konstante Inkonstanz in der Hintermannschaft wurde jedoch noch einmal zusätzlich strapaziert, als auch Theo Gebre Selassie passen musste. Ein Schlag aufs Knie hatte einen Einsatz des Tschechen unmöglich gemacht – und so rückte Marco Friedl eben nicht wie geplant als Moisander-Ersatz in die Innenverteidigung, sondern wie schon einst im Pokal-Viertelfinale gegen Schalke auf die rechte Seite. „Er hat das damals gut gemacht und deshalb war es für uns die logische Variante, dass er das jetzt wieder dort macht“, sagte Kohfeldt unmittelbar vor dem Anpfiff. Im Abwehrzentrum sollte es derweil das Duo Sebastian Langkamp/Milos Veljkovic richten.

Pulisic völlig unbedrängt

Es dauerte gerade einmal sechs Minuten, da war dieser Plan dahin. Die sprintstarken Dortmunder nutzten ihre Vorteile im Tempo-Spiel, während Veljkovic viel zu langsam verteidigte und auch sonst kein Bremer einen wirklich aufmerksamen Eindruck machte. Und so lief Christian Pulisic quasi von der Mittellinie aus bis in den Strafraum durch, wo er problemlos Jiri Pavlenka zur Führung überwand. Nur kurz darauf verhinderte der Werder-Keeper mit einer Glanzparade gegen Mario Götze sogar den zweiten frühen Gegentreffer (14.).

Die Bremer taten sich enorm schwer, in dieses Spiel zu finden. Immer dann, wenn die Borussen die Geschwindigkeit drosselten, näherten sich die Gastgeber zaghaft dem gegnerischen Sechzehner an, um dann aber nicht wirklich gefährlich zu werden. Das wiederum nutzten die Dortmunder, um urplötzlich die Schlagzahl zu erhöhen und sofort für Schwerstarbeit in der Werder-Abwehr zu sorgen. Die Art und Weise, wie die Westfalen trotz ihrer Derbyniederlage aus der Vorwoche das Geschehen kontrollierten, war beeindruckend - und aus Bremer Sicht durchaus besorgniserregend.

Traumtor von Alcacer

Satte 35 Minuten dauerte es, bis auch die Heimelf so etwas wie eine gute Torchance hatte. Da an der Strafraumgrenze kein Durchkommen war, probierte es Milot Rashica aus der Distanz, letztlich ging der Ball aber knapp drüber. „Ich will diese Gier sehen, das unbedingte Gewinnenwollen“, hatte Florian Kohfeldt vor dem Spiel gefordert. Es begann nun immerhin eine kurze Phase, in der es seiner Mannschaft erstmals gelang, genau das zu zeigen. Werder wehrte sich, holte sich verlorene Bälle schnell wieder und übte zumindest etwas Druck aus.

Exakt in diesen Zeitraum hinein platzte ein Traumtor von Paco Alcacer. Nach einem flinken Konter war der starke Pulisic zu Boden gegangen, als sich ihm Friedl in den Weg stellte. Den folgenden Freistoß versenkte Alcacer dann unhaltbar und sehenswert im Bremer Kasten (41.). Es fehlte nicht viel und Alcacer, Pulisic oder Götze hätten bei ihren Chancen binnen weniger Sekunden noch vor der Pause den dritten Treffer nachgelegt (44.). So aber war die beste Werder-Nachricht zu diesem Moment, dass die Halbzeit danach endlich vorbei war. „Wir haben das am Anfang sehr, sehr schlecht gemacht“, sagte Kapitän Max Kruse später, „deswegen hat uns Dortmund in der ersten Halbzeit hergespielt.“

Werder viel zu harmlos

Auch nach dem Seitenwechsel waren die Geschwindigkeitsunterschiede allgegenwärtig. Dortmund knüpfte nahtlos an die erste Hälfte an, Raphael Guerreiro prüfte Pavlenka direkt mit einem unangenehmen Flatterball (49.). Wenig später köpfte Pulisic knapp am Tor vorbei (54.), dann musste Pavlenka gegen den Ex-Bremer Thomas Delaney eine Flugeinlage auspacken (55.). Dann traf zwar Alcacer, doch der Stürmer stand knapp im Abseits (58.). Es war offensichtlich: Hätten die Borussen ihre Angriffe konsequenter zu Ende gespielt, der Bremer Rückstand wäre längst größer gewesen.

Und so tickte die Zeit herunter. Nichts, aber auch wirklich gar nichts deutete darauf hin, dass Werder an diesem Abend noch irgendwie eine Wende würde schaffen können. Oder zumindest ein Unentschieden. Was auch immer versucht wurde, die Dortmunder erstickten jegliche Bemühung im Keim. Es ist schon eine ganze Weile her, dass Werder im eigenen Stadion derart viele Probleme mit einem Gegner hatte.

Pavlenka rettet weiter

Florian Kohfeldt reagierte doppelt, schickte nach einer Stunde Claudio Pizarro und Kevin Möhwald für Yuya Osako und Nuri Sahin, die beide nahezu komplett unauffällig geblieben waren, aufs Feld. Wirklich brenzlig blieb es trotzdem nur vor dem eigenen Kasten. Wieder probierte es Alcacer, wieder rettete Pavlenka in höchster Not (65.).

Aus heiterem Himmel gelang es den Bremern dann trotzdem, auf 1:2 zu verkürzen. Kevin Möhwald probierte es mit einem Flachschuss aus der Distanz, der allerdings direkt auf BVB-Keeper Roman Bürki zurollte. Völlig überraschend patzte der Torhüter jedoch und ließ den Ball durch die Beine ins Netz entwischen (70.). Plötzlich war sie wieder da, die Hoffnung. Die Bremer Glückshormone baten doch noch einmal zum Tanz. Und die Achterbahnfahrt erreichte tatsächlich noch einmal ungeahnte Höhen. Mit seiner besten Aktion eroberte Augustinsson den Ball an der Grundlinie, bediente Pizarro, der in allerbester Stürmermanier zum Ausgleich traf (75.).

Wieder Stress mit dem Videobeweis

Der Wahnsinn war zurück im Weserstadion. Und es wurde tatsächlich noch verrückter: Nach einer Ecke prallte Götze der Ball im eigenen Strafraum an den Arm (78.). Kein schlimmes Vergehen, nach all den kuriosen Elfmeterentscheidungen der vergangenen Wochen deutete aber vieles auf einen Strafstoß für Werder hin. Schiedsrichter Marco Fritz schaute sich die Szene selbst noch einmal auf dem Monitor an - und zeigte zum Bremer Entsetzen nicht auf den Punkt.

Doch Werder ließ nicht nach. Bei einem Konter lief Rashica auf Bürki zu, sein Abschluss geriet aber zu zentral (87.). Lange Zeit hatte es nach einem klaren Dortmunder Sieg ausgesehen, während die Bremer Europapokalträume den nächsten Dämpfer zu bekommen schienen. Je länger das Spiel dauerte, desto realistischer schien gar ein Werder-Sieg. In der Nachspielzeit wurde erst ein Schuss von Möhwald geblockt, dann verpasste Pizarro nur ganz knapp das 3:2. Es wäre die Krönung des absoluten Irrsinns gewesen, aber auch so war dieser Abend völlig wahnwitzig. „Es ist schwierig, gegen einen solchen Gegner nach einem 0:2 noch zurückzukommen. Wir haben das geschafft, das zeigt auch unsere Qualität“, sagte Max Kruse. „Aber das Ergebnis deckt sich nicht mit unseren Ansprüchen. Es ist noch alles drin, aber es wird schwierig.“


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Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.