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Gegner Dortmund in der Analyse
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Riese mit Schwächen

Stefan Rommel 03.05.2019 0 Kommentare

(dpa)

 

Das sind Dortmunds Stärken:

BVB-Coach Lucien Favre vertraut in der Regel einem 4-2-3-1, je nachdem wie die Rolle des Zehners interpretiert werden soll, auch einem flachen 4-4-2. Auffällig sind im Spiel mit dem Ball mehrere Dinge: Dortmunds Offensivspiel definiert sich über relativ viel Ballbesitz, der zum einen zur Ballkontrolle, also als defensives Stilmittel, genutzt wird und zum anderen dafür, die Angriffe ruhig und geduldig vorzubereiten. Selten wird die Mannschaft im tiefen Aufbau hektisch, lässt stattdessen den Ball gut zirkulieren und wartet auf den richtigen Moment zur Tempoverschärfung.

Im herausragend guten Positionsspiel kombiniert der BVB dabei nicht zu oft durchs Zentrum, sondern bewegt sich in vermeintlich weniger gefährlichen Zonen auf den Flügeln oder in den Halbräumen. Die Maßgabe ist dabei offenbar klar: Im Aufbau und im Übergangsdrittel wird mit zwei Kontakten gespielt, im letzten Drittel dürfen die Spieler kreativ sein und ziehen das Tempo enorm an, passen mit einem Kontakt, ziehen mit gegengleichen Läufen Räume auf und bedrohen stetig die Tiefe.

Mit den hoch anschiebenden Außenverteidigern gibt es auf den Flügeln zudem immer mehrere Optionen, um in den Rücken der Abwehr zu kommen. Dem zentralen Angreifer kommt eine ähnliche Rolle wie der von Max Kruse bei Werder zu: Favre nutzt den Spieler, um das Mittelfeld zu überladen, als Gegnerbinder oder klassischen Wandspieler. Der zentrale Angreifer definiert sich anders als seine Sturmkollegen nicht über sein Tempo.

Die Geschwindigkeit im Passspiel und in den Dribblings ist dagegen enorm, Jadon Sancho, Christian Pulisic, Jacob Bruun Larsen oder Maximilian Philipp sind überragende Eins-gegen-Eins-Spieler, die auch knifflige Situationen förmlich im Alleingang lösen können. Damit weiß der Gegner nie, wie er sich auf die Mannschaft einstellen soll, ob er Passlinien verteidigen oder in Manndeckung agieren soll, den BVB am Flügel festklemmen und viele direkte Duelle damit zulassen oder doch lieber das Zentrum schließen soll.

Auch auffällig: Anders als etwa die Bayern, die Flanken in den gegnerischen Strafraum teilweise nur so regnen lassen, nutzt der BVB dieses Stilmittel aus dem Halbraum kaum. Vielmehr soll von hier aus das vorbereitende Zuspiel in den Rücken des Gegners erfolgen und nach einem Durchbruch über die Seite entweder quer vor das Tor, noch besser aber an den Elfmeterpunkt oder an die Sechszehnerlinie zurückgespielt werden. Dadurch befinden sich weniger Gegenspieler zwischen Schütze und Tor, die Chance auf einen freien Schuss erhöht sich - was auch die immer noch starke Effizienz der Mannschaft erklärt.

Die Konter spielt der BVB erst aus dem gegnerischen Gegenpressing mit kurzen Ablagen heraus und versucht den Ball dann schnell zu verlagern. Zum einen ist dann der Balldruck weg, zum anderen kann der Passempfänger sofort ins Tempo gehen.

Gegen den Ball überstrahlt die Kontrolle des Zentrums fast alles. Die Mannschaft lenkt den Gegner schnell auf die Flügel und bleibt in dieser in der Mitte sehr kompakten Formation auch, wenn der Ball noch näher ans eigene Tor gelangt. Das soll vergleichsweise viele Flanken provozieren, die Dortmund mit seiner massiven Präsenz am und um den eigenen Strafraum aber gut verteidigt bekommt. Der BVB konzentriert sich dabei voll auf den zentralen Korridor vor dem Tor.

Das sind Dortmunds Schwächen:

Dortmund lässt den Gegner vergleichsweise leicht kombinieren und zieht erst ab 30, 40 Meter vor dem eigenen Tor die Kreise enger. Die Gegner werden also nicht immer durch aggressives Angriffspressing gestört, sondern dürfen zunächst kombinieren und sogar zu Torabschlüssen kommen - sofern diese nicht besonders viel Chancen auf einen Torerfolg versprechen. Allerdings funktioniert die Idee mit den qualitativ schlechten Abschlüssen für den Gegner nicht immer. Dortmunds junge und eher unerfahrene Abwehr ist körperlich robust und schnell, begeht aber immer auch noch den einen oder anderen Fehler.

Und: Die aktuelle Regelauslegung gerade bei Handspielen im Strafraum ist das reinste Gift für Favres Überlegungen. Der will den Zufall durch eine massive Präsenz im eigenen Strafraum kontrollieren, mit vielen Spieler zwischen Tor und Ball Schüsse blocken. Das birgt automatisch das Risiko, vermehrt Handelfmeter gegen sich verhängt zu bekommen.

Dortmunds Verschiebe- und Absicherungsmechanismen bei Flanken lassen zudem immer eine Schwachstelle am zweiten Pfosten zu. Während der ballnahe Außenverteidiger und der ballnahe Sechser zum Ball und potenziellen Flankengeber schieben, sichern die restlichen drei Verteidiger und der zweite Sechser das Zentrum im Strafraum massiv ab. Hier gibt es weder an der Fünfmeterlinie noch im Rückraum viele gute Optionen - aber bei einem weiten Schlag über die Dortmunder Verteidiger hinweg auf einen von der Seite einlaufenden Spieler sehr wohl.

Probleme hat der BVB auch mit Mannschaften, die entweder hoch und aggressiv anlaufen und mit Mannorientierungen arbeiten oder aber mit Teams, die das genaue Gegenteil verfolgen und sich mit neun Spielern um den eigenen Strafraum verschanzen und durch die enge Staffelung keine Räume lassen, um Tempo ins Spiel zu bringen und stattdessen Dribblings doppelt absichern.

Im hohen Pressing des Gegners mit entsprechendem Balldruck kommt die Mannschaft nicht zu den gewünschten einfachen Verlagerungen der Innenverteidiger auf die Flügelspieler. Mannorientierungen können dazu situativ auch ein gutes Mittel sein, um die ruhige Ballzirkulation zur Vorbereitung der Dortmunder Angriffe zu stören. Im tiefen Abwehrpressing des Gegners fehlte es der Mannschaft besonders in der Rückrunde immer wieder an den nötigen Ideen. Mit dem Ausfall von Marco Reus dürften sowohl Kreativität, als auch Tempo durchs Zentrum und die Halbräume verloren gehen, dazu fehlt das Herz der Mannschaft und der wichtigste Unterschiedspieler.

Das ist der Schlüsselspieler:

Ohne Reus rückt automatisch Mario Götze noch mehr in den Fokus. Götze hat sich in dieser Saison wieder stabilisiert und zeigte einige herausragende Momente, kaum ein Spieler in der Bundesliga ist mit dem ersten Kontakt auch unter größter Bedrängnis so sicher und kreativ wie Götze, der manchmal nur mit einer einfach erscheinenden Ablage oder einem Klatschenlassen eine komplette Abwehr aushebelt. Vermutlich wird Götze auch in der Reus-Position auflaufen, also als Zehner hinter der einzigen Spitze Paco Alcacer. Durch seine geschickten Bewegungen im Raum zwischen den gegnerischen Linien wird Götze eine dauernde Gefahr für Werder darstellen, sobald er schnell aufdrehen kann. Für die restlichen drei Spiele, von denen Reus für zwei gesperrt ist, liegt der Fokus beim BVB nun noch etwas stärker auf Götze.


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