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Kohfeldt will Johannes Eggestein neu erfinden
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Rolle rückwärts

Jean-Julien Beer 13.08.2019 3 Kommentare

(nordphoto)

Es muss nicht immer etwas Gutes bedeuten, wenn Spieler zum Einzelgespräch mit ihrem Trainer gerufen werden. Deshalb gehen viele Profis mit einem mulmigen Gefühl in solche Besprechungen, vor allem, wenn sie noch jung sind und erst am Anfang ihrer Karriere stehen. Doch auch die Trainer sind sich manchmal nicht sicher, wie so ein Gespräch verlaufen wird. Reagiert der Spieler einsichtig oder beleidigt? Ist er bereit für den weiteren gemeinsamen Weg? Deshalb war auch Florian Kohfeldt durchaus gespannt auf sein Vieraugengespräch mit Johannes Eggestein. Doch danach war der Trainer nur noch zufrieden. Alles lief glatt – obwohl zwischen beiden durchaus gravierende sportliche Veränderungen besprochen wurden.

Denn nachdem Kohfeldt schon den älteren der beiden Eggestein-Brüder, den 22-jährigen Maximilian, bis in den Kader der deutschen Nationalmannschaft coachte, möchte er nun den 21-jährigen Johannes neu erfinden. Der hatte in der Jugend als herausragender Mittelstürmer für Aufsehen gesorgt, war bei den Werder-Profis aber vor allem auf der rechten Außenbahn zum Einsatz gekommen. Kohfeldts neuer Plan sieht vor, dass diese beiden Positionen fortan nicht mehr das Kerngeschäft des Angreifers sind: Johannes Eggestein soll nun einen Mannschaftsteil nach hinten rücken, ins Mittelfeld. „Ich habe im Einzelgespräch zu ihm gesagt: Jojo, ich will mit dir diesen Weg weitergehen“, erzählt Kohfeldt, „aber ich möchte, dass du dich als offensiver Mittelfeldspieler begreifst, der wie ein Stürmer denkt.“ Der Trainer glaubt, dass sich der junge Angreifer in der neuen Rolle „ein Alleinstellungsmerkmal“ verschaffen könnte; im Bremer Kader, aber als U 21-Nationalspieler sicher auch weiter darüber hinaus.

Kein klassischer Flügelstürmer

Was die neuen Pläne für Johannes Eggestein konkret auf dem Feld bedeuten, umreißt Kohfeldt so: „Wenn wir es auf eine Position beschränken wollen, der kann für mich Achter, Zehner und äußerer Mittelfeldspieler spielen, wenn wir es etwas enger spielen. Er ist für mich nicht der klassische Flügelstürmer. Das sind drei Positionen, die er spielen kann und die ich auch als sehr positiv empfinde.“ Wenn sein Team in der berühmten Werder-Raute spiele, könnte er sich den jungen Eggestein „auch als eine von zwei Spitzen im Sturm vorstellen“, sagt Kohfeldt, um gleich nachzuschieben: „Aber eher sehe ich ihn auf den anderen Positionen im Mittelfeld.“

Für Kohfeldt war es wichtig, dass seine Vision für diesen Spieler im Laufe der Saisonvorbereitung bestätigt wurde. Zum Beispiel in den intensiven Spielformen im Trainingslager in Grassau, aber auch beim 4:0-Sieg im Test gegen den spanischen Erstligisten SD Eibar, als Johannes Eggestein im Laufe der zweiten Halbzeit auf der Achter-Position zum Einsatz kam. „Nehmen wir das letzte Tor gegen Eibar“, schwärmt Kohfeldt, „da kommt Jojo aus der Achterposition, hat aber einfach diesen Riecher, zu wissen: Wann gehe ich tief und wie schließe ich ab? Das kann ihn wirklich zu einem sehr wichtigen Spieler für uns machen. Und da sehe ich ihn.“

Der Spieler sei damit „komplett einverstanden“, betont Kohfeldt, „er sieht es auch so. Es ist auch die Entwicklung, die er gehen möchte.“ Dem Trainer ist dieser Aspekt keineswegs egal. Er möchte junge Spieler fördern und formen, aber nicht verbiegen. „Du kannst so etwas nicht gegen den Willen eines Spielers machen“, weiß Kohfeldt, „deshalb ist das Verständnis wichtig.“

Mehr Konkurrenz im Mittelfeld

Für Johannes Eggestein bedeutet das jedoch auch eine neue Konkurrenzsituation. Vergangene Saison war es nicht so schwer, sich auf der rechten Außenbahn gegenüber einem damals noch sehr grünen Joshua Sargent durchzusetzen und auf viele Spiele zu kommen. 23 Einsätze waren es allein in der Bundesliga, eines seiner vier Tore machte er beim wichtigen 1:0-Sieg im Saisonfinale gegen Hoffenheim, als Max Kruse bereits verletzt nicht mehr zur Verfügung stand. In den spektakulären Pokalpartien kam Johannes Eggestein zu fünf Einsätzen (ein Tor). Diese Leistungen im Werder-Trikot katapultierten ihn auch in den Kader der deutschen U 21 bei der Europameisterschaft in diesem Sommer in Italien und San Marino.

Fortan heißen seine Konkurrenten Davy Klaassen, Maximilian Eggestein, Yuya Osako und Kevin Möhwald – einfacher wird es also nicht, auf viele Spiele zu kommen. Sein Vorteil: Mit seiner Geschwindigkeit und seinem Torriecher ist er wie gemacht für den neuen Werder-Ansatz, durch Steilpässe von Nuri Sahin in die Tiefe schnell anzugreifen und torgefährlich zu werden. Das wurde gegen Eibar, aber auch im Training deutlich. „Man merkt, dass das Zusammenspiel insgesamt deutlich flüssiger wird“, lobte Kohfeldt nach den anspruchsvollen mannschaftstaktischen Übungen, „die Jungs kennen sich ja nun auch deutlich länger und besser, teilweise schon Jahre.“ Das gilt auch für Johannes Eggestein, der im Frühjahr noch als Angreifer seinen Vertrag bei Werder bis Juni 2022 verlängerte, um mit dem Verein zu wachsen.

Chance auf die Startelf

Dass der Trainer in ihm einen „sehr wichtigen Spieler für die Zukunft“ sieht, ist einerseits ein deutlicher Vertrauensbeweis. Es bedeutet aber auch, dass die Spielanteile in der Gegenwart nicht garantiert sind. Wie auch, bei dieser Konkurrenz im Mittelfeld. Nun wird es auch darauf ankommen, wie schnell sich Johannes Eggestein in der neuen Rolle zurechtfindet. Kohfeldt registrierte durchaus, dass der 21-Jährige „seine gute Entwicklung in der Vorbereitung bestätigt hat“, gerade im wichtigen Trainingslager in Grassau am Chiemsee fand ihn der Trainer „sehr gut“. Deshalb kündigt der Trainer an: „Jojo ist mit Sicherheit jemand, der um Startelfeinsätze kämpft.“

Es ist ein Plan mit Weitsicht, den Florian Kohfeldt da verfolgt. Schon jetzt liegt der Marktwert des jüngeren Eggestein bei zehn Millionen Euro. Profis, die in verschiedenen Mannschaftsteilen mehrere Positionen auf Bundesliganiveau spielen können, werden in der Regel schnell wertvoller. Und keiner weiß, was im kommenden Sommer auf dem Transfermarkt passiert. Schon heute haben potente Großvereine ein Auge auf Spieler wie Klaassen oder Maximilian Eggestein geworfen. Für Werder wäre es geradezu perfekt, wenn ein möglicher Nachfolger dann aus den eigenen Reihen käme und schon auf höchstem Niveau etabliert wäre. Auf so ein Vieraugengespräch würde sich dann auch Kohfeldt ganz sicher wieder freuen.


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