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Gegner Frankfurt in der Analyse
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Schlüsselspieler Kamada spielt wie Osako

Stefan Rommel 06.10.2019 0 Kommentare

Daichi Kamada (links) ist ein zentraler Spieler der Eintracht.
Daichi Kamada (links) ist ein zentraler Spieler der Eintracht. (dpa)

Das sind Frankfurts Stärken:

Im Vergleich zu vielen anderen Mannschaften variiert Adi Hütter in seiner Grundordnung nicht viel. Frankfurts Trainer setzt voll auf die Dreier- beziehungsweise Fünferkette und nimmt allenfalls auf dieser Basis Veränderungen vor. In der Vorbereitung wurden zwar auch andere Varianten getestet, in den Pflichtspielen blieb die Eintracht aber „ihrem“ Dreierkettenmodell treu - was explizit als Stärke der Mannschaft zu sehen ist. Die Abläufe sind in allen Spielphasen grundsätzlich gelernt, die neuen Spieler können sich in einem bewährten System langsam herantasten, die aktuell vielen Ausfälle sollte die verinnerlichte Grundidee gut kompensieren. Die Grundparameter sind auch in der neuen Saison dieselben geblieben: Frankfurts Spiel lebt von Aggressivität, Aktivität, Wucht und Leidenschaft.

Am Pressing hat sich kaum etwas verändert: Frankfurt greift den Gegner früh und aggressiv an, rückt mit der letzten Linie phasenweise bis in die gegnerische Spielfeldhälfte auf. Die Mannschaft zeigt den dazugehörigen Mut, wenn die Halbverteidiger teilweise weit aus ihren Positionen auf die Flügel rücken müssen, um gegnerische Außenbahnspieler zu verteidigen - weil die eigenen Schienenspieler mal wieder weit aufgerückt sind. Grundsätzlich funktioniert das aufgrund der individuellen Stärke der Innenverteidiger und im Zusammenspiel mit dem ballnahen Sechser auch sehr gut. Frankfurt setzt dabei auch immer auf eine gesunde Körperlichkeit und Härte. Zweikämpfe sollen gesucht und gewonnen werden, die Besetzung im defensiven Mittelfeld mit klaren Abräumern wie Sebastian Rode, Dominik Kohr oder Gelson Fernandes befeuert und unterstützt diese Herangehensweise.

Variabler wird es im Spiel mit dem Ball. Schon der tiefe Spielaufbau ist einigermaßen ungewöhnlich in der Bundesliga. Die beiden Halbverteidiger schieben breit auf die Seite und agieren fast wie „gewöhnliche“ Außenverteidiger, das Zentrum bleibt durch den zentralen Innenverteidiger besetzt, der dazu unterstützt wird von einem abkippenden Sechser. Aus dieser dynamischen Viererkette soll das gegnerische Pressing aufgebrochen werden, um dem Ballführenden die Gelegenheit zum Andribbeln zu geben. Funktioniert das nicht, geht der Ball zu einem der Halbverteidiger auf den Flügel, die dann schnell vorrücken sollen. Die andribbelnden Innenverteidiger sind ein klares Markenzeichen der Mannschaft.

Zwar nutzt die Eintracht ab und zu auch längere Ballzirkulationen, um den Gegner zu locken. In der Regel sollen die Angreifer oder die Schienenspieler auf den Flügeln aber so früh wie möglich in die Angriffe eingebunden werden. Frankfurt steuert dabei - im Vergleich zur vergangenen Saison - vermehrt den Zwischenlinienraum an. Entweder rücken die Schienenspieler etwas ein oder die in der Regel drei Angreifer positionieren sich so, dass einer die Tiefe bedroht und zwei sich hinter dem gegnerischen Mittelfeld anspielbar machen.

Filip Kostic und Danny da Costa gehören zu den dynamischsten Schienenspielern der gesamten Liga und bieten immer wieder den klassischen Plan B an: Ist der Weg in die Halbräume oder ins Zentrum versperrt, geht es gerne über Einzelaktionen schlicht die Linie entlang nach vorne. Die Eintracht nutzt dabei viele Dribblings und vor allen Dingen Flanken. Schon 106 Mal segelte ein Ball von außen in den gegnerischen Strafraum, keine andere Mannschaft der Liga flankt auch nur annähernd so oft wie die Eintracht. Deshalb kommt es auch zu vergleichsweise vielen Torabschlüssen. Mit Bas Dost als Haller-Ersatz und Andre Silva als Jovic-Kopie sowie Goncalo Paciencia stehen drei sehr unterschiedliche Stürmertypen zur Verfügung, die sowohl am Boden als auch im Eins-gegen-Eins oder in der Luft jeweils große Qualitäten mitbringen.

Das sind Frankfurts Schwächen:

Das größte Problem ist immer noch der Umbau der Mannschaft in der Offensive. Nach den Abgängen von Sebastien Haller, Luka Jovic und Ante Rebic hat das Team nicht nur alle drei Angreifer verloren, sondern auch eine ganze Reihe von Markenzeichen im Spiel mit dem Ball. Der lange Chipball in die Spitze ist seltener zu sehen, Rebic fehlt als Wandspieler für Pässe in enge Situationen, aus denen er sich dann dank seines massiven Körpers rausdrehen konnte, Jovic‘ erster Kontakt war in jeder Hinsicht fantastisch. Hütter muss deshalb viel ausprobieren und auch improvisieren. Und bisher ruckelt es noch an der einen oder anderen Stelle.

Der neu formierte Angriff, ob mit zwei Zehnern und einer Spitze oder mit einem Zehner und zwei Spitzen, hat noch nicht so zueinandergefunden, der Mannschaft geht diese Selbstverständlichkeit ab, jederzeit Torgefahr erzeugen zu können. Stattdessen müssen torkritische Situationen improvisiert erarbeitet werden, wobei die Mannschaft noch zu viele kleinere Fehler begeht. So fehlt es bisweilen an der nötigen Geduld, um sich vom Flügel diagonal vors Tor zu spielen. Stattdessen wird schnell aus dem Halbfeld geflankt, was trotz Dost oder Paciencia im Zentrum nicht immer besonders zielführend ist.

Im letzten Drittel fehlt es noch an Lösungsmöglichkeiten, gerade gegen Gegner, die etwas tiefer stehen. Hütter arbeitet vermehrt mit Überlagerungen und Verlagerungen, so richtig in Fleisch und Blut sind diese Stilmittel bei seiner Mannschaft aber noch nicht übergegangen. Im Zweifel entscheiden sich die Spieler für die gewohnte Direktheit und Geradlinigkeit, anstatt einen gut vorbereiteten Angriff auch geduldig und sauber zu Ende zu spielen.

Ein weiterer Kollateralschaden ist die bisher recht schwache Chancenverwertung. Die Mannschaft benötigt zu viele Gelegenheiten, um zum Torerfolg zu kommen. Auch das war in der vergangenen Saison noch deutlich besser. Gegen den Ball bietet das sehr riskante Pressing und Gegenpressing dem Gegner immer wieder Momente an, um komplett durchzubrechen. Auch hier passen die Abläufe nicht immer, es fehlt der nötige Balldruck und am Ende steht dann die Dreierkette automatisch im Fokus. Wegen der durchaus angespannten Personalsituation ohne die gesetzten Abwehrspieler David Abraham und womöglich auch Makoto Hasebe sowie Torhüter Kevin Trapp dürfte die neu formierte Defensive durchaus anfällig sein. „Libero“ Hasebe war als letzte Instanz überragend und im Zweifel der Rettungsanker, nun muss sich die Defensive um Martin Hinteregger herum schnell finden und die gefährlichen Eins-gegen-Eins-Situationen lösen. Das riskante Verteidigen ohne eingespielte Formation in der letzten Linie ist ein Vabanquespiel.

Das ist der Schlüsselspieler:

Eigentlich gilt auch in dieser Saison: Je wilder und hektischer das Spiel, desto besser für die Eintracht. Und es bleibt auch der große Fokus auf das Flügelspiel. Dazu passt ein Spieler wie Daichi Kamada auf den ersten Blick kaum. Trotzdem kann der Japaner eine im wahrsten Sinne des Wortes sehr zentrale Rolle einnehmen. Im Frankfurter 3-4-1-2 will Hütter den Zehnerraum permanent besetzt haben und hat in Kamada dafür den nahezu perfekten Spieler gefunden. Kamada besetzt hervorragend den Raum vor der gegnerischen Abwehr, hat ein tolles Timing, sich in Spielrichtung frei und anspielbar zu machen. Der erste Kontakt ist bärenstark und entwickelt schnell Dynamik zum gegnerischen Tor. Dazu bringt er die nötige Übersicht mit, setzt die Mitspieler geschickt ein und sucht ab und zu auch selbst den Abschluss - ein bisschen wie Werders Yuya Osako also.


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