Wetter: wolkig, 7 bis 15 °C
Die Bundesliga-Kolumne von Lou Richter
Der Artikel wurde zur Merkliste hinzugefügt.
Die Merkliste finden Sie oben links auf der Seite.

Sport stirbt, wenn echter Wettbewerb fehlt

Lou Richter 20.09.2019 3 Kommentare

(WESER-KURIER)

Die Umbenennung des Weserstadions in Rotes-Kreuz-Arena steht angesichts der zahlreichen Lädierten im Raum. Bremer Kernpessimisten fürchten, Werder könnte bald auf allen Positionen nicht doppelt besetzt, sondern doppelt verletzt sein. So weit wird’s nur kommen, sollte die Pest wieder ausbrechen.

Klar ist: Eine Fußballmannschaft, in der Kreisklasse wie in der Bundesliga, ist immer eine Baustelle. Da gibt’s Verletzte, Sperren, Zu- und Abgänge, da gibt’s Veränderungen in Strategie und Taktik, beständig ist nur der Wandel.

Werder scheint dabei immer stabiler, robuster, gefestigter zu werden. Der Sieg in Berlin war da ein weiterer Beweis. Es ist falsch, die wackeren Recken, die in der Alten Försterei drei Punkte abholten, als „Das letzte Aufgebot“ oder „Floris Reste-Rampe“ zu diskreditieren. Richtig ist vielmehr, dass da eine Mannschaft auf dem Platz stand, die diese Bezeichnung verdiente.

Altvordere, die noch barfuß zum Ball verbastelte Stoffreste mit Sägespänefüllung durch Nachbarfenster bufften, mahnen gerne Zusammenhalt und Geschlossenheit an. Das ist traditionell und gleichzeitig höchst modern, wie die Erfolge von Musterkollektiven à la Eintracht Frankfurt oder Ajax Amsterdam in der vergangenen Saison bewiesen haben.

Warten auf den Video-Assistenten

Werder präsentierte sich in Berlin, der Stadt der Einheit, als „ein Kopp und ein Arsch“, wie mein Oppa gerne einmütige Haufen bezeichnete. Bewundernswert auch, wie Davy Klaassen die Warterei bis zur Ausführung des ersten Elfmeters durchstand. Bis sich Schiri und Video-Assistent einig waren, hatte ich ein gutes Buch gelesen. Warum dauert das so quälend lange? Bei der Basketball-Weltmeisterschaft kürzlich in China konnte man sehen, wie die Entscheidungsfindung schneller klappt.

Geduld und Geschlossenheit werden gegen die bolzende Marketing-Abteilung aus Leipzig am Sonnabend nicht reichen. Nicht falsch verstehen: Ich habe hohen Respekt vor der Leistung, mit der dort in kurzer Zeit eine Spitzenmannschaft etabliert wurde. Aber wenn milliardenschwere Konzerne eine Bundesliga-Organisation aus dem Hut (oder der Dose) zaubern, kriege ich Bauchschmerzen – auch, wenn ich nach Paris oder Manchester schaue.

Die Arm-Reich-Schere

Sport stirbt, wenn echter Wettbewerb fehlt. Das tapfere Weltergewicht gegen den Schwergewichtsbrocken? Der SC Freiburg mag aktuell Dritter sein, aber bevor die bewundernswerten Streich-Buben in den Meisterschaftskampf eingreifen, wird Mutter Beimer Vater. Das Dilemma der immer größer werdenden Arm-Reich-Schere ist nicht nur gesellschaftlich problematisch, sondern eben sportlich kontraproduktiv.

„Ich glaube, dass der Tabellenerste jederzeit den Spitzenreiter schlagen kann“, hat Berti Vogts mal aus Versehen behauptet. Die von ihm gewünschte Ausgeglichenheit ist in den Top-Ligen längst passé. Leider habe ich gerade keine Lösung dieser Schieflage parat, sie wird aber auf Dauer benötigt.

Mutmaßlich wird sich die Upper-Class der Top-Vereine irgendwann in die schon heraufbeschworene, paneuropäische Super League verabschieden. In der Zwischenzeit glauben wir mal übermütig daran, dass Werder Bremen jederzeit den Spitzenreiter schlagen kann. Hoffentlich wissen das die Leipziger noch nicht.

Lou Richter (59)

wurde durch die Moderation der Sat.1-Sportsendung „Ran“ bekannt. Im wöchentlichen Wechsel mit Thomas Eichin, Jörg Wontorra, Christian Stoll und Klaus-Dieter Fischer schreibt Lou Richter in unserer Zeitung, was ihm im Bundes­liga-Geschehen aufgefallen ist.


Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.