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Trübe Aussichten für Harnik

Malte Bürger 15.07.2019 13 Kommentare

(nordphoto)

Es kam nicht selten in den vergangenen Tagen vor, dass die Werder-Fans während des Trainings beinahe ekstatisch jubelten. Zumeist war Claudio Pizarro in der Nähe, der sich im frenetischen Beifall der Anhänger sonnen durfte. Doch einmal, da gehörte der gesamte Applaus Martin Harnik. Der Österreicher hatte sich nach einer Einheit mit Torhüter Stefanos Kapino die Bälle über eine große Distanz zugespielt. Harnik begeisterte dabei mit einer spektakulären Hacken-Ballannahme und sofortigem Volley. Die Menge tobte, Harnik lief mit erhobenen Armen in Richtung Kabine und sagte: „Besser wird es nicht, das war mein Moment in diesem Trainingslager.“ Wer am Sonnabend seinen Coach sprechen hörte, dürfte einen ähnlichen Gedanken haben.

Die sportliche Zukunft des 32-jährigen Stürmers steht nämlich auf ziemlich wackeligen Beinen. „Wir werden grundsätzlich mit Martin jetzt noch einmal seine Situation besprechen“, kündigte Florian Kohfeldt an. „Man muss ehrlich sagen, dass er von einem Startelfplatz ziemlich weit weg ist.“ Wirklich überraschend kam diese Aussage nicht, genügend Indizien hatte es bereits in den Testspielen im Zillertal gegeben. So durfte Harnik beim Kurzturnier nicht etwa mit den großen Namen aufs Feld, sondern mit den Akteuren aus der U23. Gegen Darmstadt war es nicht anders.

Anspruch auf einen Stammplatz

Ziemlich genau ein Jahr ist der Angreifer jetzt wieder in Bremen, nach seiner Zeit in Hannover wollte der ehemalige österreichische Nationalspieler im zweiten Anlauf beweisen, dass er auch für Werder Tore schießen kann. Einige wichtige Treffer sind ihm tatsächlich gelungen, etwa beim spektakulären Pokalcoup in Dortmund, doch so richtig festbeißen konnte er sich nie. Ganz klar, Harnik hatte sich mehr erhofft. „Martin ist allein aufgrund seiner Vita ein Spieler mit einem berechtigten Anspruch darauf, hier Stammkraft zu sein“, sagte Kohfeldt. „Deswegen ist es nur eine Form von Respekt und Ehrlichkeit, dass auch so mit ihm zu besprechen.“

Offene Worte bringen es mit sich, dass sie schmerzhaft sein können. Für beide Parteien. Und eben deutlich machen, dass Vorstellungen auseinander gehen. „Es sind in diesem Jahr positive Dinge passiert, die so vielleicht auch nicht zu erwarten waren: die gute Entwicklung von Josh Sargent, Milot Rashica ist inzwischen gesetzt“, zählte Werders Trainer auf. „Dazu kommt Yuya Osako, und auch Claudio ist noch immer in einer Form, die man kaum glauben kann. Johannes Eggestein und Fin Bartels dürfen wir auch nicht vergessen. Die Konkurrenzsituation ist einfach eine andere geworden.“ Leidtragender ist Martin Harnik, der all diese Kollegen an sich vorbeiziehen lassen musste. Für ihn bleibt allenfalls der Platz als Edeljoker. Wenn überhaupt.

Das riecht auf den ersten Blick nach einer baldigen Trennung – doch so schnell will Florian Kohfeldt seinen Stürmer nicht ziehen lassen. Bei aller Kritik sagt der 36-Jährige nämlich auch: „Ich würde ihn sehr gern behalten, weil ich ihn noch immer für einen Spieler halte, der in gewissen Momenten in der Bundesliga sehr wertvoll sein kann.“ Die Frage ist nur, ob Harnik das auch noch will. „Wir müssen klar für uns definieren, welche Rolle er für sich sieht und welche Erwartungen wir an ihn haben. Wenn das weiter übereinstimmt, freue ich mich sehr, ihn in unserem Kader zu haben.“

Probleme mit der Ordnung

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Martin Harnik andere Ambitionen hegt. Auch er dürfte lieber berechtigte Aussichten auf einen Einsatz haben, anstatt jede Woche nach dem Prinzip Hoffnung zu leben. Und es wäre - das ist zweifelsfrei durchzuhören, wenn Florian Kohfeldt spricht - ein echter Kraftakt, der dem Österreicher bevorsteht. „Martin hat unglaubliche Qualitäten, was tiefe Läufe angeht. Er hat etwas Unkonventionelles in seinem Spiel und schießt auch Tore“, sagte Kohfeldt. „Das sind alles gute Eigenschaften, aber er tut sich manchmal schwer damit, sich in eine Ordnung einzufügen.“ Genau diese Ordnung ist für das Werder-Spiel elementar, weshalb Harnik im Abseits steht. „Er ist natürlich auch in einem Alter, wo er für sich entscheiden muss, wie er mit dieser Rolle umgeht. Sie kann auch wieder in der Startelf münden, momentan halte ich die Chancen aber eher für gering.“

Gänzlich anders sieht die Lage bei Josh Sargent aus. Der US-Amerikaner lief zwar ebenfalls in beiden Tests mit den U23-Spielern auf, zumindest gegen Darmstadt hätte es aber eigentlich anders sein sollen. „Eigentlich war er für die erste Gruppe geplant, wir haben aber dann noch einmal umgeplant“, sagte Kohfeldt, der kurzfristig Fin Bartels den Vorzug gab. Das wollte er aber keinesfalls als Bestrafung verstanden wissen. Vielmehr gefalle ihm, wie sich Sargent bislang präsentiere. „Er ist physisch in einem sehr guten Zustand, auch sein Pressing samt Defensivgedanke war sehr gut“, lobte Kohfeldt. „Sein Grundproblem ist noch die Entscheidungsfindung, da ist er manchmal zu zögerlich.“

An diesen und weiteren Details will Florian Kohfeldt mit dem Sturmtalent arbeiten – weil er noch immer ein Stück der Werder-Zukunft im 19-Jährigen sieht. „Er besitzt eine unfassbare Abschlussfähigkeit, wenn er im Strafraum ist. Da bin ich froh, dass ich kein Torwart mehr bin“, sagte Kohfeldt lachend. „Ich glaube schon, dass Josh eine größere Rolle spielt als im letzten Jahr.“ Martin Harnik wäre froh, wenn solche Worte bei Werder auch über ihn gesagt würden.


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