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Wie Kohfeldt im Trainingslager arbeitet
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Voll im Fußballmodus

Jannik Sorgatz 13.01.2019 1 Kommentar

(nordphoto)

Florian Kohfeldt zieht am 2. Januar eine schwarze Reisetasche durch den Terminal des Bremer Flughafens. Das Freigepäck dürfte der 36-Jährige auf dem Hinflug nach Johannesburg nicht annähernd ausgereizt haben: Trainingsshirt mit langen Ärmeln, Trainingsshirt mit kurzen Ärmeln, Poloshirt, Shorts, Sneaker, Regenjacke – Werders Trainer, das steht zehn Tage später vor dem Rückflug fest, ist in Südafrika zu 95 Prozent im Fußballmodus unterwegs gewesen.

Lediglich am 10. Januar steht Kohfeldt in schwarzem Hemd und schwarzer Hose im Garten der Residenz des deutschen Botschafters. Martin Schäfer, geboren in Bremen und aufgewachsen in Achim, hat zu einem Empfang geladen. „Das hat man auch nicht alle Tage“, sagt Kohfeldt. Als der Redeteil des Abends ansteht, muss Marco Bode noch einmal die Geschichte zum Besten geben, wie ihn Südafrikas Nationalheld Nelson Mandela einst mit Steffi Graf verglich. Kohfeldt steht ein wenig im Hintergrund, während Geschäftsführer Klaus Filbry die Werder-Delegation vorstellt. „Wir sind sehr froh, ihn zu haben“, sagt Filbry über Kohfeldt. „Er ist übrigens vier Jahre jünger als sein ältester Spieler, Claudio Pizarro.“

Der Moderator der Veranstaltung zeigt sich verblüfft, dass Kohfeldt erst 36 ist. Der wiederum schaut, als wisse er nicht so recht, wie er angesichts der Verblüffung schauen soll. Tatsächlich führt Kohfeldt seine Mannschaft mit einer Souveränität, die einen schnell vergessen lässt, dass dies erst seine dritte Vorbereitung als Cheftrainer ist. „Diese Mischung aus Nähe und Abstand, das hatte ich noch nie“, hat Nuri Sahin schon bald nach seinem Wechsel von Dortmund nach Bremen in einem „Sport Bild“-Interview gesagt. Selbst Jürgen Klopp habe in dieser Hinsicht nicht an Kohfeldt herangereicht.

Immer am Ball

Ausführlich spricht der zum ersten Mal in diesem Jahr noch vor dem Abflug in Bremen. Seinen sportlichen Plan fürs Trainingslager erläutert Kohfeldt so detailliert, dass man als Beobachter der Einheiten mit einer Checkliste am Rand sitzen könnte. Er hat, wie er später erzählen wird, zuerst den Plan erstellt, bevor die zahlreichen PR-Termine in Südafrika organisiert wurden. Kohfeldt selbst geht das Trainingslager nicht anders an, als wenn es in Algorfa oder Belek stattfindet. Den letzten von drei Punkten, dass Werder lernen müsse, „das Spiel zu fühlen“, nimmt sich der Trainer mit seiner Mannschaft vor allem in mehreren Sitzungen im Hotel vor. Durchaus kritisch sei es dort zugegangen, verrät Kohfeldt zwischendurch, „aber man muss auch offen ansprechen, was nicht gut gewesen ist.“

Auf dem Trainingsplatz ist er schon am ersten Nachmittag „on fire“, als sich seine Spieler nach dem Zehn-Stunden-Flug noch langsam eingrooven. Wenn seine „Männer“, wie er die Mannschaft im Kollektiv anspricht, athletische Übungen absolvieren, hat Kohfeldt meist einen Ball am Fuß, als sei der mit ihm verwachsen. Wenn der Ball dann rollt, dreht der Trainer auf. „Da habt ihr wieder euren Chancen nachgetrauert“, ruft er, als ein paar Offensivspieler hadern. „Das darf nicht, wir sind immer noch 30 Meter vor dem Tor. Die Chancen schauen wir uns später auf Video an.“ Immer wieder nimmt Kohfeldt Bezug auf bestimmte Hinrundenspiele, am häufigsten wohl auf das 2:6 gegen Leverkusen.

Am freien Tag, als die Mannschaft das Apartheid-Museum und einen Safaripark besucht, bleibt der Trainer im Hotel, will sich höchstens eine Stunde Tennis gönnen. Es ist der Tag, nachdem das Testspiel gegen die Kaizer Chiefs aufgrund eines Unwetters abgebrochen worden ist. Viele Tropfen vom Himmel und viele Blitze am Himmel haben laut Kohfeldt für den „Wermutstropfen“ des Trainingslagers gesorgt. In den Katakomben des WM-Finalstadions von 2010 präsentierte er sich „super sauer“. Sollte der zweite Test auch nicht reibungslos über die Bühne gehen, schwante ihm Böses. „Dann haben wir sportlich keine optimale Situation“, drückte Kohfeldt sich milder aus, als er es zunächst im Sinn zu haben schien.

Kohfeldts Fazit zu Südafrika

Doch nach dem Spielabbruch am Sonntag läuft bis zum Ende tatsächlich fast alles reibungslos. Nur einmal muss Werder umziehen, weil sich der Trainingsplatz im Vorort Randburg einen Tag lang erholen muss nach mehreren Wolkenbrüchen. Und so sitzt Kohfeldt am Freitag mit Blick auf Johannesburgs Skyline im Stadion der Bidvest Wits und lässt die Südafrika-Reise Revue passieren.

Den für seine Mannschaft erinnerungswürdigsten Termin hat Kohfeldt nicht mitgemacht. Am Dienstag ging es ins Township Diepsloot, auf dem Kunstrasenplatz eines Sozialprojektes spielten die Werderaner mit Kindern Fußball. „Das hat in der Mannschaft etwas ausgelöst und war sehr schön, weil es ungemein erdet“, sagt Kohfeldt. „Das ist manchmal mehr wert als die eine oder andere Minute im Testspiel.“ Er und seine Spieler seien viel unterwegs, bekämen von den Städten allerdings nicht viel mit. „Weil Südafrika ein besonderes Land ist mit einer besonderen Geschichte, war das hier anders.“ Trotzdem fände er es respektlos, bei Erlebnissen wie dem Township-Besuch von „Teambuilding-Maßnahmen“ zu sprechen. Mögliche Fehlinterpretationen fängt der Trainer präventiv ein.

Sein persönliches Fazit? „Arbeitsreich, abwechslungsreich, aber durchweg sehr positiv“, sagt Kohfeldt. Nach dem 2:2 gegen die Bidvest Wits hat er nicht die Beine hochgelegt, sondern 10.000 Kilometer fernab der Heimat mit der Analyse des nächsten Gegners, Hannover 96, begonnen. „Er liebt seinen Job, schmeißt sich da rein“, hat Nuri Sahin über Kohfeldt gesagt. In Südafrika ließ der Trainer keinerlei Zweifel daran. Einen Vorteil hat die Arbeits-Intensität: Die Tasche dürfte auch vor dem Rückflug schnell gepackt gewesen sein.


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