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„Volle Kraft zurück“

mw 14.01.2019 0 Kommentare

(Archiv WESER-KURIER)

Der WESER-KURIER schrieb am 14. Januar 2014:

Werder hat über ein Jahrzehnt am Image eines offensivfreudigen Fußballklubs gearbeitet. Diese Zeiten sind vorbei – im sportlichen Abschwung liegt das Heil in der Defensive. Für Spieler wie Sebastian Prödl oder Nils Petersen ist der Wandel unabdingbar, auch wenn Werder dafür seinen fußballerischen Markenkern aufgibt.

Von Thorsten Waterkamp

Jerez. Werder probt die Defensive. In den Vormittagseinheiten des Trainingslagers gibt es kein anderes Thema als die Abwehrarbeit. Die Suche nach Stabilität und Sicherheit – das ist das Erstaunliche daran – beginnt für Werders Profis beim kleinen Fußball-Einmaleins, bei taktischen Selbstverständlichkeiten, die immer und immer wieder einstudiert werden. Es ist die Konsequenz aus den 37 Gegentoren der Hinrunde, aber auch aus der Erkenntnis, dass sich Werders einstiger fußballerischer Markenkern, das Offensivspektakel, abgenutzt hat. „Das ist nicht mehr das typische Werder-Spiel“, sagt Nils Petersen, der Stürmer. „Aber wir müssen uns auf die Defensive konzentrieren“, sagt Sebastian Prödl, der Verteidiger.

Der Angreifer und der Abwehrspieler stehen gleichermaßen vor einer neuen, für Bremer
Erfahrungen ungewohnten Situation. Ihre Aufgaben werden neu definiert. Der
Stürmer weiß, dass er weniger Möglichkeiten bekommt. Und der Verteidiger weiß,
dass 37 Gegentore zu viel sind – die Defensive wird tiefer stehen müssen, kompakter,
undurchdringlicher.

Werder, so glaubt es Sebastian Prödl, erfindet sich gerade neu, Werder, sagt er, muss „mehr Wiedererkennungswert“ haben. Wofür steht die Marke Werder? Bislang für Offensivfußball, Tore, Unterhaltung. Das funktionierte zehn Jahre meist gut und dann ein paar Jahre schon nicht mehr richtig. Die Zukunft, kann sich Prödl vorstellen, liegt eher in der Defensive: „Kann sein, dass wir defensiv spielen, kann sein, dass wir mit Defensiv-Pressing oder Offensiv-Pressing spielen“, sagt er und ergänzt später: „Mit so vielen Gegentoren liegt’s nahe, dass wir in Richtung Defensive gehen sollten.“

Was aber sagt ein Stürmer dazu, wenn seine Qualitäten weniger Gewicht im Gesamtkonzept haben? Nils Petersen weiß um die Notwendigkeit, gibt aber unumwunden zu: „Als Stürmer ist das natürlich nicht schön, wenn man sich einen Wolf läuft, aber wenig Futter hat. Ich muss mich anpassen.“ Es ist ein Anpassungsprozess, der in der Hinrunde schon begonnen hat. Werder wurde zum Minimalisten, hatte damit zum Saisonstart mit den beiden 1:0-Siegen in Braunschweig und gegen Augsburg maximalen Erfolg. Früher, erinnert er sich an sein erstes Jahr bei Werder, sei er einfach viel häufiger in Szene gesetzt worden: „Da hat man pro Halbzeit die drei, vier gefährlichen Bälle in den Strafraum bekommen. Jetzt bekommst du vielleicht in fünf Spielen fünf Chancen.“

Für Petersen bedeutet das, effektiver zu arbeiten. Für Prödl bedeutet das, noch weniger
zuzulassen. In den Trainingsspielen in Jerez, mit denen Robin Dutt jede Einheit beendet, ist es für Beobachter ein Leichtes, die Tore zu zählen. Dort sind die neuen Schwerpunkte messbar. Die Spiele enden entweder 0:0 oder 1:0. Mehr Tore fallen nicht.

Bis Sonntag war das so etwas wie die Fortsetzung dessen, was im Ernstfall gegen Leverkusen so gut und am Ende so erfolgreich mit dem 1:0 funktioniert hatte. Dann aber kam der Test gegen Nijmegen, und plötzlich ist zwar nicht alles in Frage gestellt, aber trotzdem tun sich Fragen auf. Woher kommen diese Schwankungen, warum findet die Mannschaft einfach nicht zur Stabilität? Ein Gegenspieler vom NEC Nijmegen hatte Petersen während der Partie sogar gefragt, ob die Bremer eventuell müde seien nach den vielen Trainingseinheiten. Der Angreifer bejahte das – und verschwieg lieber, dass es tags zuvor noch einen halben freien Tag gegeben hatte. „Wir sind wieder etwas zurück auf dem Boden der Tatsachen“, sagt Petersen.

Das Training ist in diesem Winter komplett auf die Defensive ausgerichtet – Motto: Volle Kraft zurück. Problem für Dutt: Er fängt gerade wieder dort an, wo er in der Sommervorbereitung schon einmal war. Es ist Basisarbeit, die der Trainer verrichtet, und manchmal erscheint es wie die Arbeit in einer Endlosschleife. „Das ist schon mühsam“, weiß Prödl.

Doch ohne die ständige Wiederholung, so glaubt er, geht es nicht. „Natürlich ist das kleine Fußball-Einmaleins eine Grundvoraussetzung, wenn man ein paar Jahre im Profi-Geschäft ist. Aber man hat ja oft genug gesehen, dass es der Gegner besser konnte – dann muss man es wiederholen“, sagt er. Petersen pflichtet ihm da bei: „Eigentlich sind das Dinge, die vorausgesetzt werden müssen. Die graben wir jetzt wieder aus – das muss aber auch sein. Wir haben viele Defizite, die wir aufarbeiten müssen.“

Grundlagen? Defizite? Defensive? In Bremen werden die Brücken zur goldenen Vergangenheit, zum Hurra-Fußball, zum Spektakel abgerissen. Die ständige Erinnerung an alte Erfolge, ihre Verklärung, das stört in der Gegenwart, findet Sebastian Prödl. Man müsse sich damit abfinden: „Es ist nicht mehr das Werder Bremen, das man noch vor drei, vier, fünf Jahren hatte. Wir sollten nicht mehr bewertet werden wie ein Champions-League-Verein. Wir sind’s einfach nicht mehr. Punkt.“

Das hochauflösende PDF der Original-Zeitungsseite gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).


Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.