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Werders Transferbilanz
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Vorgriff auf die Zukunft

Jean-Julien Beer und Christoph Bähr 05.09.2019 14 Kommentare

(nordphoto)

Wollte man alle Spieler zum Weserstadion bringen, die in diesem Sommer angeblich vor einem Wechsel zu Werder standen, dann müsste die Bremer BSAG dafür ihren größten Gelenkbus zur Verfügung stellen. Aus allen Himmelsrichtungen wurden die vermeintlichen Kandidaten durchs Internet getrieben. Ein paar Skandinavier waren dabei, Tschechen, Österreicher, auch Belgier und Niederländer, der Balkan war wieder mehr als ausreichend vertreten. Dazu Profis aus Griechenland, Frankreich, Italien, England oder Südamerika. Und diese lose Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Frank Baumann hielt tapfer durch, all diese Spielernamen nicht öffentlich zu kommentieren. Am Ende lotste der Sportchef vier gestandene Bundesligaspieler für Werders Profis nach Bremen: den Stürmer Niclas Füllkrug (für 6,3 Millionen Euro aus Hannover), dazu auf Leihbasis den Mittelfeldspieler Leonardo Bittencourt (TSG Hoffenheim) sowie die Verteidiger Ömer Toprak (Borussia Dortmund) und Michael Lang (Borussia Mönchengladbach); auch Marco Friedl wurde transferiert, den zuvor von Bayern München nur ausgeliehenen Abwehrspieler ließ sich Werder etwa drei Millionen Euro kosten. „Ich finde, dass wir uns in der Breite und in der Spitze des Kaders besser aufgestellt haben, wenn man es damit vergleicht, welche Spieler uns verlassen haben“, bilanziert Baumann, „mit Max Kruse ist ein wichtiger Stammspieler gegangen, dazu haben wir Spieler aus der zweiten und dritten Reihe abgegeben oder ausgeliehen. Wenn man das gegenüber stellt, sieht man, dass wir uns im Kader verbessert haben.“

Nah am Limit

Das ist nachvollziehbar und richtig, zugleich aber nur die halbe Wahrheit am Ende eines sehr heiklen Bremer Transfersommers, der den Werder-Machern viele Probleme bescherte. Grundsätzlich hing das mit ihrer Entscheidung zusammen, keinen Stammspieler verkaufen zu wollen, sondern auf Kontinuität im Team zu setzen. Denn damit war klar, dass wenig Geld für Neuzugänge zur Verfügung stehen würde. Ohne signifikante Transfereinnahmen ging Werder bereits bei den Käufen von Füllkrug und Friedl nah ans Limit. „Wir wollen weiter vernünftig wirtschaften, gehen aber diese Saison schon ein gewisses finanzielles Risiko ein, weil wir eben keine großen Transfereinnahmen hatten“, erklärte Baumann dazu vor Saisonstart im WESER-KURIER, „es ist Mut erforderlich, um gewisse Investitionen zu tätigen. Wir können aber dieses überschaubare Risiko eingehen, weil es uns in den letzten Jahren gelungen ist, durch die Entwicklung von Spielern interessante Werte zu schaffen.“

Genau diese Werte sollten gegen Ende des Transferfensters noch eine wichtige Rolle spielen, als das Verletzungspech gnadenlos zuschlug. Die Wochen davor waren durch Rückschläge geprägt. Das gehört dazu, wenn man ohne große finanzielle Möglichkeiten nach kreativen Lösungen sucht; es schmerzt trotzdem. Mit Wunschspieler Marko Grujic vom FC Liverpool war Werder sehr weit. Der Serbe sollte mit seiner Größe und seiner fußballerischen Klasse dem defensiven Mittelfeld mehr Stabilität verleihen. Doch der Deal scheiterte auf der Zielgeraden, weil die neureiche Berliner Hertha plötzlich ein Gesamtpaket schnürte, dass die Werderaner chancenlos zurückließ. Über Michael Gregoritsch ließ der FC Augsburg nicht groß mit sich reden: ohne hohe Ablöse kein Wechsel. Der spanische Außenverteidiger Alvaro Tejero, der Real Madrid gehörte, entschied sich trotz eines Besuchs in Bremen für einen Wechsel zu SD Eibar. Der deutsche U 21-Nationalspieler Benjamin Henrichs ließ sich lange von Werder umgarnen, doch auch bei diesem Außenverteidiger klappte eine Leihe nicht, er blieb bei der AS Monaco. Zuletzt scheiterte auch der Transfer des Schalkers Nabil Bentaleb, obwohl die Bremer hier ebenfalls viel Zeit investiert hatten; eine Knie-OP des Spielers durchkreuzte alle Ausleihpläne.

Ein dickes Transferminus

Weil gleichzeitig die personellen Probleme in Werders Defensive prekärer wurden, kamen in den letzten zwei Wochen Spieler, die so nicht vorgesehen waren. Mit Toprak gelang Werder dabei ein echter Coup. Lang war eine gute Notlösung. Bittencourt ermöglicht Kohfeldt Umstellungen in seiner arg gerupften Startelf. Der eigentlich gewünschte Sechser und das Talent für die defensiven Außenbahnen kamen aber nicht. Das Problem dabei wird auf den zweiten Blick deutlich. Weil auch die Leihspieler eine Gebühr in Millionenhöhe kosten, erwirtschaftete Werder ein Transferminus von etwa 15 Millionen Euro. Und bei Toprak ist Werder verpflichtet, den Spieler im kommenden Sommer für vier Millionen Euro zu kaufen. Bei Bittencourt könnte eine ähnliche Klausel greifen. Beide Spieler sind damit auch ein Vorgriff auf die Zukunft. Das meinte wohl auch Kohfeldt, als er sagte: „Wir haben jetzt schon einen Kader, der weit über unseren finanziellen Möglichkeiten liegt.“

Wegen der angesprochenen Werte im Kader bleibt Baumann sehr entspannt. Im Interview mit dem WESER-KURIER hatte er bereits angekündigt: „Es ist wahrscheinlich, dass wir nach dieser Saison zwei oder drei Stammspieler verlieren. Das ist eine Chance für den Verein, aber auch für andere Spieler, sich zu entwickeln.“ Und Werder braucht die entsprechenden Transfereinnahmen. Neben Kruse wurde auch für Martin Harnik (an den Hamburger SV verliehen) keine Ablösesumme fällig, nur Idrissa Touré (zu Juventus Turin) brachte eine Million.

Als Verkaufskandidaten für kommenden Sommer gelten Jiri Pavlenka, Milot Rashica, Maximilian Eggestein und Davy Klaassen. Mit Blick auf die Neuen wie Toprak und Bittencourt sagt Baumann: „Wir sind sehr zufrieden, zu welchen Konditionen die Transfers zustande gekommen sind, damit können wir sehr gut leben, sowohl in diesem Jahr als auch im kommenden Sommer.“ Schon jetzt hätte Werder einen Rekordverkauf tätigen können, verzichtete diesmal aber noch auf solche Einnahmen. Kommenden Sommer wird das in der Form nicht mehr möglich sein.

Auch Baumann weiß: „Wir haben eigentlich mehr gemacht, als wir wollten.“ Das war den Verletzten und der schwierigen Situation geschuldet. Ein schlechtes Gefühl hat er aber nicht: „Grundsätzlich sind wir mit den Transfers und mit dem Kader, der uns zur Verfügung steht, im Rahmen unserer Möglichkeiten sehr zufrieden.“ Denn die Möglichkeiten waren sehr bescheiden.


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