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Stimmungsbericht aus Dortmund
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Wahnsinn auf Westfälisch

Jürgen Koers 03.05.2019 0 Kommentare

(imago images)

In Dortmund waren sie alle „bräsich“ in den letzten Tagen. So sagt man im Ruhrpott-Idiom, wenn Leute verärgert, ungehalten sind. Ein 2:4-Debakel im Derby lässt sich schwerer verdauen als halbgarer Pfefferpotthast. Und selbst wer das Wort „bräsich“ nicht kennt oder Pfefferpotthast, dem sei beruhigend versichert: Manches wirkt schwer verständlich und verdaulich beim BVB derzeit.

Die Irritationen in der Kommunikation liegen nicht allein darin begründet, dass der frankophone Cheftrainer Lucien Favre sich auf Deutsch nur unwillig mitteilt. In dieser Woche sah sich der BVB sogar genötigt, die weitere Zusammenarbeit mit dem Schweizer zu versichern. Als Tabellenzweiter. Wahnsinn auf Westfälisch!

Favre, um mit den nüchternen Fakten zu beginnen, hat die in ihn gesetzten Hoffnungen bemerkenswert übererfüllt. Seit Sommer hat er den überfälligen Umbruch im Kader vorangetrieben, der BVB steht wieder für sehr ansehnlichen und zumeist erfolgreichen Fußball. Drei Spieltage vor Saisonende bestehen realistische Chancen auf den Titel. Die Stadt Dortmund jedenfalls hat alles in die Wege geleitet für einen Meisterkorso vor 250.000 Fans am 19. Mai.

Die Skeptiker poltern

Doch je näher das Saisonende rückt, desto lauter poltern die Skeptiker. Das liegt zum einen an der immens gestiegenen Erwartungshaltung. Nach einer fast perfekten Hinrunde reiften Träume, zu deren Erfüllung die Mannschaft mit ihren sportlichen Leistungen im Frühjahr nicht immer beisteuern konnte. Der klassische Fall: erst überperformt, dann eingebrochen.

Hinzu kommt, dass die Fallhöhe immens gestiegen ist. Wer einmal neun Punkte vor dem FC Bayern lag, kann es schwerlich als Triumph verkaufen, wenn er sich knapp hinter den Münchnern ins Ziel zaudert. „Da sind wir ein bisschen die Getriebenen unseres schnellen Erfolgs“, erklärte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke. Da hat er Recht.

Viel, sehr viel sogar hat funktioniert in Dortmund. Eine Mannschaft mit neuen, prägenden Gesichtern. Eine fachlich potente Führungsriege, für die sich Watzke und Sportdirektor Michael Zorc Sebastian Kehl als Lizenzspieler-Chef und als Berater Matthias Sammer hinzugeholt haben. Und dann dieser Fußball: ballfertig, rasant, torgefährlich! Bis Anfang Februar war der BVB das Maß der Dinge in der Bundesliga, das seit Klopp-Zeiten vermisste „BVB-Gefühl“ kehrte zurück. Und nun?

Nun wissen sie tief im Westen selbst nicht so recht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Erst haben sie sich hasenfüßig lange Zeit gelassen mit der Aussage, dass die Meisterschaft ein Ziel ist, das man nicht um jeden Preis verhindern will. Und selbst da holperte die Kommunikation: Erst Sammer forsch via TV, dann Zorc auf anhaltendes Drängen sprachen letztlich vom Titel. Der Cheftrainer auf die Frage, ob das denn mit ihm abgestimmt sei und wie er das finde: „Wir haben doch eine Demokratie, oder?“

Zu viele Aussetzer

Mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist das bei Fußballmannschaften so eine Sache. Jedenfalls leisteten sich die Dortmunder seit dem Winter (nur Platz fünf in der Rückrundentabelle) kollektive und individuelle Aussetzer, die schmerzten. 22 Gegentore in 14 Partien, dramatische Schwächen bei Standards. Die 0:5-Blamage bei den Bayern. Selbst eine 2:0-Führung gegen den FSV Mainz 05 kann die Nerven der Schwarzgelben derzeit kaum beruhigen. Das 2:4-Debakel im Derby. Favre, der mit dem Schwermut eines Niedergeschlagenen die Meisterschaft für verspielt erklärt. Und flugs von seinen Vorgesetzten verbal wieder eingefangen wird.

Das passt alles nicht ins Bild eines Titelkandidaten? Stimmt. Doch bei allem Zittern und Zaudern gibt es auch die Stimmen der Erfahrenen, die sich zu Wort melden. „Es ist noch alles möglich“, erinnert der formstarke Mario Götze. Präsident Dr. Reinhard Rauball betont: „Ich bin sogar sicher, wir machen das.“ Das sind doch mal klare Aussagen.

Doch das Bauchgefühl bei vielen Borussen-Fans tendiert eher in Richtung Magenverstimmung als zum delikaten Festschmaus. Bei Platz zwei in der Schlussabrechnung wären die meisten „bedröppelt“. Also traurig. Irgendwie verständlich.

Der Autor

Jürgen Koers ist seit 2012 BVB-Reporter bei den Ruhr Nachrichten. In dieser Kolumne für Mein Werder beschreibt er die derzeitige Stimmung beim nächsten Werder-Gegner Borussia Dortmund.


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