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Ivan Klasnic im Interview
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„Warum ich?“

Christoph Sonnenberg 26.12.2017 0 Kommentare

GER, muend. Verhandlung im Zivilrechtsstreit Ivan Klasnic
Ivan Klasnic verbindet Bremen nicht nur mit dem Weserstadion, sondern auch mit dem Landgericht (hier vor einer mündlichen Verhandlung in einem Zivilrechtsstreit). (nordphoto / Ewert, nordphoto)

Herr Klasnic, Mitte Oktober haben Sie in Zagreb Ihre dritte Niere transplantiert bekommen. Die dritte innerhalb von zehn Jahren. Wie geht es Ihnen zwei Monate nach der Operation?

Ivan Klasnic: Ich bin kein neuer Mensch, vieles ist aber angenehmer. Ich kann trinken was und so viel ich will, essen was ich will. Ich muss nicht mehr zur Dialyse. Das Leben ist einfacher, und das ist schön. Mir ging es vorher aber auch nicht schlecht. Und ein Typ, der jammert, war und bin ich nicht.

Sie mussten vor der Transplantation dreimal in der Woche für je fünf Stunden zur Dialyse. Wie hat das Ihr Leben beeinflusst?

Die Dialyse war ein Handicap, ist doch klar. Ich durfte in dieser Zeit genau 1,5 Liter Wasser am Tag trinken. Zu der Menge zählte auch wasserhaltige Nahrung, zum Beispiel Salat oder Suppe. Es ist schon angenehm, dass ich jetzt keine Beschränkungen mehr habe. Und die Zeit, die ich bei der Dialyse verbracht habe, kann ich nun anders nutzen.

Anfang 2007 hatten Sie Ihre erste Transplantation, es folgten zwei weitere. Ihr Leben hat sich vor knapp elf Jahren stark verändert. Haben Sie Phasen gehabt, in denen Sie verzweifelt waren oder Ihren Lebensmut verloren haben?

Ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch, es gab aber natürlich auch andere Phasen. Dann habe ich mich schon gefragt, warum ich? Darüber habe ich schon nachgedacht. Ich bin aber kein Typ, der das nach außen zeigt, ich habe lieber ein Lächeln im Gesicht. Ich bin einer, der gerne einen Spruch macht, der freundlich zu den Menschen ist. So bin ich, und so will ich auch von den Menschen gesehen werden.

Ihre Lebensgeschichte war medial immer wieder ein Thema. Wie begegnen Ihnen die Menschen auf der Straße?

Sie sprechen mir ihre Bewunderung aus, wie ich mein Leben lebe.

War Ihnen schon immer klar, dass der Zeitpunkt kommen wird, an dem Sie eine neue Niere brauchen?

Grundsätzlich war mir das klar. Aber ich bin ein Spezialfall: Ich bin der erste Fußballer mit einer Spenderniere. Es gab und gibt also keine Vergleichswerte, kein zweites Beispiel. Niemand weiß, wie es sich auf die Niere ausgewirkt hat, dass ich Fußball gespielt habe. Ob es gut war, oder schlecht. Was passiert wäre, wenn ich noch länger gespielt hätte als bis 2013. Die ersten Probleme sind ja erst 2015 aufgetreten.

Wie lange haben Sie auf ihre Spenderniere gewartet?

So genau kann man das nicht sagen. Vor zwei Jahren wurden die Werte der transplantierten Niere schlechter, sie konnte nicht mehr filtrieren. Daraufhin hat der Arzt gesagt, ich müsse jetzt zur Dialyse. Da war ich insgesamt ein Jahr und acht Monate.

Mitunter müssen Bedürftige lange auf eine Organspende warten. Hatten Sie Zweifel, eine Spenderniere zu bekommen?

Ich hatte mich von der deutschen auf die kroatische Warteliste schreiben lassen, weil ich dachte, dass es in Kroatien mit einer Organspende schneller geht. In Deutschland sind die Menschen nicht so spendenwillig, hier herrscht eine andere Einstellung zur Organspende als in Kroatien. Und mir war klar, dass ich mit 37 Jahren am Ende der Liste stehe. In Deutschland hätte es also viel länger dauern können.

Sie sind gläubiger Katholik. Hat Ihnen der Glaube geholfen, die von Ihnen beschriebenen schweren Phase zu überstehen?

Ja, hat er. Ich bete zu Gott und denke an Gott. Das war immer so, unabhängig davon, wie es mir geht. Der Verlauf meines Lebens hat mich nicht an Gott zweifeln lassen, es sollte so kommen. Ich habe ja nichts falsch gemacht oder etwas dafür getan, das zu dieser Situation geführt hat.

Eine Transplantation ist ein Einschnitt in das Leben. Hat sich durch die Nierenerkrankung Ihre Einstellung zum Leben verändert?

Ich denke jetzt viel mehr an meine Gesundheit. Fußballer spielen oft auch, wenn sie eigentlich nicht sollten. Wenn der Trainer sagt, den Schnupfen läufst du raus, dann läuft man den Schnupfen auch raus. Heute achte ich viel mehr darauf, was mir gut tut.

Ihre Geschichte ist im Fußball einmalig. Haben sich viele Weggefährten gemeldet nach der Transplantation im Oktober?

Ja, und das tat mir sehr gut. Es ist schön zu sehen, wer alles an einen denkt. Da geht es nicht nur um ehemalige Mitspieler, auch Journalisten haben sich gemeldet. Diese Solidarität gab es allerdings vorher schon. Beim meinem ersten Spiel nach der Transplantation, mit Werders U 23 im Pokal gegen St. Pauli im Weserstadion, waren 35 000 Zuschauer da, die meinen Namen gerufen haben, als ich eingewechselt wurde. Bei Heimspielen der Bolton Wanderers sind vergangene Saison die Zuschauer jedes Mal in der 17. Spielminute aufgestanden und haben geklatscht – als Erinnerung an mich. Die 17 war meine Rückennummer. Auch deshalb ist die Vorstellung, noch mal als Spieler in ein Stadion einzulaufen, faszinierend.

Dann sprechen wir doch mal über Fußball. Werder muss mal wieder gegen den Abstieg kämpfen. Überrascht es Sie, dass die Bremer keinen Entwicklungssprung gemacht haben?

Zumindest steht Werder in der Tabelle über dem HSV. (grinst) Diese Saison war bisher wirklich nicht berauschend, wobei die letzten Spiele deutlich besser waren als die zu Saisonbeginn. Der Tabellenplatz gibt das Ziel für die Rückrunde vor: Siege, Siege, Siege. Etwas anderes zählt nicht mehr.

Ist es nötig, für den Klassenerhalt in der Winterpause Verstärkungen zu holen?

Fin Bartels fällt den Rest der Saison aus. Auch Max Kruse fehlt ja hin und wieder mal, das darf man nicht vergessen. In der Offensive täten also ein, zwei Verstärkungen gut.

Wird es bis zum Ende der Saison ein Kampf um den Verbleib in der Liga?

Es gibt schlechtere Mannschaften in der Liga als Werder, darum wird es reichen. Aber es wird bis zum Schluss knapp bleiben.

Von 2001 bis 2008 sind Sie für Werder gestürmt. Wie ist Ihre Bindung zum Verein?

Es sind ja einige meiner ehemaligen Mitspieler in der Vereinsführung aktiv, Frank Baumann und Marco Bode. Mit beiden telefoniere ich häufiger. Ich versuche, den richtigen Stürmer im Klub unterzubringen. Bisher ist Baumi (Baumann; Anm. d. Red.) noch nicht angesprungen. (lacht)

Einige Ihrer Bremer Ex-Kollegen – Torsten Frings, Tim Borowski – sind heute Trainer. Wäre das auch ein Job für Sie?

Der Trainerjob wäre nichts für mich, die Position des Managers schon eher. Nach der letzten Nierentransplantation habe ich jetzt noch mal ein Angebot als Spieler bekommen, vielleicht ist das für mich ja auch noch mal eine Option. Bis zum Sommer hätte ich noch Zeit, mich wieder in Form zu bringen.

Sie haben Ihre Karriere noch immer nicht offiziell beendet?

Nein, ich habe ja noch kein Abschiedsspiel gemacht. Auch darüber habe ich mit Baumi gesprochen, ich würde es gerne im Weserstadion machen. Einen Termin gibt es noch nicht, wir sprechen aber darüber. Zunächst muss Claudio (Pizarro; Anm,. d. Red.) sein Abschiedsspiel machen, dann sehen wir weiter. Aber jetzt habe ich ja eine neue Niere, und eine Transplantation ist wie ein Motorwechsel. Ich habe nun einen neuen. Nach der ersten Transplantation habe ich ja auch wieder gespielt, warum sollte es also nicht noch einmal klappen?

Die Fragen stellte Christoph Sonnenberg.


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