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Werder wird 120 Jahre alt
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Was den Verein und die Stadt verbindet

Olaf Dorow 04.02.2019 3 Kommentare

(nordphoto)

Die berühmtesten Söhne der Stadt sind, nun ja, Tiere. Esel, Hund, Katze, Hahn. An den Bekanntheitsgrad der Bremer Stadtmusikanten kommt hier niemand heran. Jene Oberschüler, die vor 120 Jahren, am 4. Februar 1899, am Kuhhirten auf dem Stadtwerder den Fußball-Verein Werder Bremen gründeten, schon mal gar nicht. Eigentlich verwunderlich: Ihre Namen sind niemandem geläufig. Kein Denkmal, kein Platz, keine Straße erinnert an sie. Dabei sind sie die Initiatoren von etwas, das ein Teil der Stadt-DNA wurde. Etwas Identitätsstiftendes. Die jungen Männer haben etwas auf den Weg gebracht, das sich heute auf Feuerland oder am Rand der Sahara zumeist so darstellt: Bremen kennt man da eher seltener, Werder schon eher. Ah, Fremder, du kommst daher, wo Werder herkommt? Dann bist du mir ja gar nicht so fremd!

Werders Wert für diese Stadt ist oft genug besungen worden. Werder kann Bremen so bekannt machen, wie es sonst wohl nur die Stadtmusikanten schaffen. Werder zahlt Steuern, Werder schafft Arbeitsplätze, Werder zieht Besucher an. Werder sorgt für Attraktivität in einer Stadt, in der man nicht eben Gefahr läuft, vor lauter Attraktionen Schwindelanfälle zu bekommen. Reizüberflutung wäre nicht das passende Wort für eine Bremen-Beschreibung.

Aber ganz ehrlich: Liegt der Wert, den dieser Sportverein 120 Jahre nach seiner Gründung für diese Stadt hat, nicht jenseits von Besucherzahlen, Steuereinnahmen oder Bekanntheitsgraden? Ob Bremens wirtschaftliche Situation ohne seinen Fußball-Bundesligisten eine andere wäre, und zwar eine deutlich schlechtere, ist fraglich. Womöglich würden da zehn voneinander unabhängige Experten zehn voneinander abweichende Antworten liefern. Ja natürlich, Bremen kann auch ohne Werder Bremen sein. Auch ohne Werder fließt die Weser durch die Stadt, laufen die Bänder bei Mercedes, wird zur Schule, zur Uni, zur Arbeit und heim zur Familie gegangen.

Und trotzdem wäre es anders. Weil etwas fehlen würde, was hier seit Jahrzehnten dazugehört. Automatisch, obwohl es da gar keinen Automatismus gibt. Das wäre dann wohl eher der wahre Wert Werders. Es ist ein Gefühl. Man könnte sagen: nur ein Gefühl. Aber was ist das Leben schon ohne Gefühle? In einer Stadt zu leben, in der ein Bundesligist zu Hause ist, ein Gründungsmitglied der Bundesliga gar, bedeutet vielen Menschen etwas. In Bremen wohnt der Bundesligist sozusagen mittendrin, mitten unter uns. Das ist etwas Besonderes, das gibt es nicht so oft in diesem Land.

Die Sehnsucht nach dem Erfolg

Werder ist ein Unternehmen aus einer inzwischen turbokapitalistisch erscheinenden Branche. Es ist aber noch immer ein Klub, einer der wenigen im Land, der sein Stadion nicht „easyCredit-Stadion“ nennt, keinem Konzern, Fonds oder Milliardär gehört – und der sich neben dem Kommerz-Fußball Sport leistet, der Geld kostet, statt Geld zu bringen. Und alle zwei Wochen strömen in der Saison Zehntausende Menschen voller Erwartung und Spannung ins Weserstadion, und in Gedanken strömen noch ein paar mehr Zehntausend mit. Wie Werder gespielt hat, ist – ob sie live dabei waren oder nicht – für viele ein Thema. Ein Thema, das mit dem unbekannten Mit-Bremer verbinden kann, das einen unbewusst ein bisschen mehr an Bremen bindet. Es ist nicht für jeden ein Thema, es wäre Unsinn, das anzunehmen. Das ist auch gut so. Aber dieses Werder-Ding, das ist in dieser Stadt schon ein deutlich größeres Ding als viele, viele andere.

Dieser besondere und unsichtbare Draht zwischen Bremen, Bremern und Werder ist in der nun 120 Jahre währenden Vereinsgeschichte etwas historisch Gewachsenes. Um im Bild zu bleiben: Es ist kein unkaputtbarer Draht, wie der Polizeikosten-Streit oder das Gezerre um das Leistungszentrum zeigen. Man darf dennoch wohl behaupten, dass es ein dicker Draht ist. Man darf wohl auch behaupten, dass es dafür einen Hauptgrund gibt. Unerwarteter sportlicher Erfolg. Eine Meisterschaft in den 1960er Jahren, eine in den 1980ern, eine in den 1990ern. Andauernd Flutlicht an für Europacup-Spiele. Die Wunder von der Weser. Und dann trug das Double 2004 eine große Woge des Glücks in die Stadt.

Die Sehnsucht, dass die Fußballerfolge irgendwann, und dann vielleicht noch unerwarteter, zurückkommen, ist eine Art ungeschriebener Grundlagenvertrag ­geworden in dieser Stadt. Die Hoffnung, dass Bremen in diesem turbokapita­listischen Metier doch nicht zu klein ­geworden ist für große Fußball-Erfolge, sie lebt. Was könnte mehr Bindung ­schaffen?


Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.