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Was ist da bloß schiefgelaufen?

Marc Hagedorn 20.02.2018 22 Kommentare

GER, 1.FBL, Eintracht Frankfurt vs SV Werder Bremen
GER, 1.FBL, Eintracht Frankfurt vs SV Werder Bremen (nph / H. Koerkel, nordphoto)

Da liegt sie also. Weiß, faustgroß und so zerknüllt, dass sie Falten wirft. Der Besucher muss sie im Wuseum, dem Werder-Museum in der zweiten Etage des Weserstadions, schon ein wenig suchen. Sie liegt in einem Glasquader in der hinteren Ecke. Dort, wo sich die Gäste in ausrangierte Schalensitze fläzen können und auf Knopfdruck die Bilder der größten Werder-Erfolge in Endlosschleife im Fernsehen laufen. Sie passt hier gut hin, die Papierkugel, heimlicher Werder-Star der Derbywochen im April und Mai 2009, denn so wie diese 19 Tage damals verlaufen sind, gehören sie ohne Frage zu Werders größten Erfolgen.

Was waren das für Zeiten. Bremen und Hamburg und ein bisschen auch der Rest des Landes konnten gar nicht genug bekommen von den Duellen der stolzen Rivalen. Werder gegen den HSV, das waren drei Wettbewerbe, vier Spiele, viele Tore und verrückte Geschichten. Für die Bremer wurden es Feiertage, Werder gewann drei der vier Spiele, das unwichtigste – das Hinspiel im Uefa-Pokal-Halbfinale – überließ man dem HSV. Es gab ja noch das Rückspiel, und dort bügelte Werder das 0:1 aus der Vorwoche aus. Auch dank der Papierkugel, die ein Fan aufs Spielfeld geworfen hatte, und die dafür sorgte, dass der Ball ans Schienbein von HSV-Verteidiger Michael Gravgaard sprang. Es gab eine Ecke für Werder, und dann fiel schon das 3:1. Werder stand im Uefa-Pokal-Finale, der HSV war draußen. 

Tolle Tage waren das zwischen dem 22. April und dem 10. Mai, weil sie großes Kino boten und – je nach Sichtweise und Betroffenheit – Komödie, Drama oder Tragödie waren. Die Derbywochen markieren aber auch einen Einschnitt. Sie waren der Schlussakkord unter eine große Zeit. Im Jahr danach schaffte es der HSV noch einmal bis ins Halbfinale der Europa League und wartet seitdem auf die nächste Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb, mehr noch: Zweimal entging der Klub nur haarscharf dem Abstieg. Werder gelang nach einer guten Saison 2009/10 letztmalig die Qualifikation für die Champions League. Und auch von der Europa League kann Werder seitdem wie der HSV nur träumen. Im Mai 2016 wäre Werder dann fast abgestiegen.

Es ist verdammt viel schiefgelaufen bei beiden Klubs. Das Klischee geht so: Hamburg ist schöner, größer, potenter, Hamburg fühlt sich wie Champions League und tritt auch so auf. Bei Werder ist alles eine Nummer kleiner, nicht ganz so schrill, nicht ganz so überkandidelt. Das stimmt schon. Aber man kann auch nicht behaupten, dass sie beim HSV alles falsch gemacht und bei Werder einfach nur Pech gehabt hätten.

Werder war auch mal Champions League und ist so aufgetreten. Werder, das kann man im Jahr 2018 leicht vergessen, war zwischen 2004 und 2010 das, was heute Borussia Dortmund ist: der einzige konstante Bayern-Verfolger. Werder hat in dieser Zeit sieben Mal in der Königsklasse gespielt. Und wie. Mit mitreißendem Offensivfußball der Marke Schaaf, mit Johan Micoud, dem genialen Dirigenten. Mit Diego, dem kaum weniger genialen Nachfolger. Mit Per Mertesacker, mit Torsten Frings, mit Miroslav Klose, Tim Borowski und Mesut Özil, alles spätere Weltmeister oder Helden des Sommermärchens.

Fehler in Werders System

Das System Werder funktionierte so lange, wie die Klubführung und die Sportliche Leitung aus Klaus Allofs und Thomas Schaaf mehr gute als schlechte Transferentscheidungen trafen. Schon in den großen Jahren verlor Werder regelmäßig seine größten Spieler, an diesem Prinzip hat sich bis heute nichts geändert, höchstens der Maßstab für Größe. Werder hat Micoud verloren, Klose, Frings, Borowski und Ismael – und dafür Diego, Mertesacker und Özil geholt. Viele Menschen fragen sich bis heute, wo das viele Geld aus den Champions-League-Jahren und den späteren Spielerverkäufen geblieben ist. Antwort: Im Stadion, für dessen Ausbau Werder hohe Kredite aufnehmen musste, die noch lange nicht abbezahlt sind. Und im sündhaft teuren Kader jener Jahre. Das erste der vier Nordderbys 2009 gewann Werder mit folgender Aufstellung: Wiese, Boenisch, Fritz, Mertesacker, Naldo, Baumann, Frings, Özil, Diego, Pizarro und Almeida. Das war eine Millionen-Elf.

Werder hat nach der Verpflichtung von Mesut Özil nicht mehr gut eingekauft. Marko Arnautovic etwa wurde für mehr als sechs Millionen Euro geholt, er erhielt einen Vertrag auf Champions-League-Niveau, dummerweise spielte Arnautovic mit Werder aber nur in einem seiner drei Bremer Jahre auch tatsächlich in der Champions League. Ähnlich bei Eljero Elia, Mehmet Ekici oder Wesley: Zwischen fünf und 7,5 Millionen Euro hatten sie gekostet und wurden fürstlich bezahlt zu einer Zeit, als Werder sich das eigentlich nicht mehr leisten konnte. Heute vergessene Spieler wie Denni Avdic, Lukas Schmitz, Joseph Akpala oder Marcelo Moreno waren Millionen-Einkäufe zu einer Zeit, in denen Fehleinkäufe in dieser Größenordnung eigentlich verboten waren. 

Irgendwann war das Tafelsilber weg (Mertesacker, Naldo, Marko Marin, Sokratis), und Werder holte Thomas Eichin als Sanierer. Es folgten quälende Jahre der Konsolidierung. Das Preis-Leistungs-Verhältnis bei den Spielern passte wieder besser, aber das hieß eben auch: Große Sprünge waren mit den Mannschaften der Jahre 2013 bis 2016 nicht zu machen. Auch weil für die zentrale Position in einem Verein wie Werder keine dauerhafte Lösung mehr gefunden wurde. Werder ist ein Trainerverein: Otto Rehhagel hat das begründet, Thomas Schaaf fortgesetzt, und dann mussten drei Trainer innerhalb von vier Jahren vorzeitig gehen. Verglichen mit dem HSV ist das nicht viel, für Bremer Verhältnisse aber unerhört.

85 Millionen Euro Minus

Den HSV traf die Nach-Derbywochen-Zeit noch derber. Interimslösungen mitgerechnet wechselte 16 Mal der Chef auf der Trainerbank, um Übergangslösungen bereinigt sind es seit Martin Jol immer noch zehn Namen. Und sechs Manager. Und mehr als 100 Spieler. Inzwischen gehen die Zuschauerzahlen runter, von einst 55 000 im Schnitt auf nun 49 000. „Das Missverhältnis zwischen Aufwand und Erfolg ist beim HSV eklatant größer als bei Werder“, sagt Daniel Jovanov. Er ist seit 2012 HSV-Reporter und schreibt unter anderem für die „Zeit“ und „Spiegel online“. Je nachdem, wie man die Bilanzen interpretiert, hat der HSV seit 2014 ein Minus von 35 Millionen Euro (so die offizielle Zahl) und 85 Millionen (so die Recherchen der „Zeit“) gemacht.

Am Sonntag erst hat Jovanov die siebenstündige Mitgliederversammlung besucht, an deren Ende Ex-Boss Bernd Hoffmann mit hauchdünner Mehrheit zum neuen Präsidenten gewählt wurde. Die Stimmung war so aufgeheizt, dass Hoffmann unter „Hoffmann raus“-Rufen von Sicherheitsleuten in den Pressebereich geführt werden musste. „Ich bin nachdenklich“, sagte Hoffmann dort, „wenn wir den Gegner im eigenen Verein suchen, werden wir es zu nichts bringen.“ Beobachter Jovanov sagt: „Es herrscht ein Gefühl der tiefen Spaltung beim HSV.“

Das Sündenregister der vielen Vereinslenker ist lang: überbezahlte Spieler; eine insgesamt falsch zusammengestellte Mannschaft; und natürlich Klaus-Michael Kühne, der milliardenschwere Gönner und Anteilseigner des HSV. „Er hat mit seiner Kritik auf eine Weise recht, denn wenn 100 Millionen Euro an die Wand gefahren werden, dann muss er das kritisieren dürfen“, sagt Jovanov, „andererseits muss man aber auch sagen, dass er mit seinem Geld, seinen Einmischungen und seinen Personalentscheidungen dem HSV nicht geholfen hat.“

„Aufstellen für Europa“

Beim HSV sind sie wieder mal an dem Punkt, an dem grundsätzliche Entscheidungen fällig sind. Hoffmann hat angekündigt, dass es ein Weiter-so nicht geben wird. Das ist angesichts der sportlichen und finanziellen Notlage nachvollziehbar, heißt in der Konsequenz früher oder später aber auch: Der Nächste bitte! Der nächste Manager. Der nächste Vorstand. Der nächste Trainer. Als der HSV vor vier Jahren seine Profiabteilung aus dem e. V. ausgegliedert hat, geschah das unter dem Slogan „Aufstellen für Europa“. Heute, im Februar 2018, muss ein Plan B für den Abstiegsfall her, ein „Aufstellen für die zweite Liga“ quasi.

Die zweite Liga ist auch in Bremen etwas, das Angst und Schrecken verbreitet. Auch für Werder wäre ein Abstieg mit unkontrollierbaren Folgen verbunden. Das Fernsehgeld würde drastisch reduziert. Topspieler würden die Mannschaft verlassen. Immerhin hat Werder inzwischen wieder einen Kader mit ein paar wertvollen Spielern: Max Kruse, Thomas Delaney, Jiri Pavlenka, Ludwig Augustinsson oder Maximilian Eggestein würden Werder viel Geld in die Kasse spülen. Beim HSV dagegen sehen Kritiker höchstens bei den Spielern Filip Kostic und Fiete Arp eine positive Wertentwicklung. Über die meisten anderen Profis hatte Mäzen Kühne kürzlich sein Urteil ja schon gesprochen: „Der HSV ist ein Phänomen, weil die Luschen immer hier hängen bleiben.“

Auch Werder hat in den Champions-League-losen Jahren bis 2015 viel Geld durchgebracht, fast 40 Millionen Euro Rücklagen aufgebraucht. Seitdem schreibt Werder wieder schwarze Zahlen. Der Weg dorthin war mühsam. „Das Geschäftsmodell SV Werder steht unter brutalen Zwängen einer hemmungslosen Konkurrenz mit viel Privatkapital“, sagt der Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel, aber trotzdem ist ihm dieses Geschäftsmodell eines mittelständischen Unternehmens lieber als der HSV-Weg mit Kühne. Werders Weg steht für Hickel für Nachhaltigkeit und Selbstbestimmung, mithin für „einen sympathischen Verein“.

Mit Blick auf das 108. Nordderby in der Bundesliga-Geschichte am Sonnabend im Weserstadion sagt Hickel: „Das Geschäftsmodell mit seriösem Jahresüberschuss, Eigenkapital und Vereinsmitgliedern wird gewinnen.“ Also Werder.

Vom Glanz jener Tage 2009 ist Werder trotzdem noch meilenweit entfernt. Bis sich das ändert, muss die Papierkugel im Wuseum als schöne Erinnerung dienen.


Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.