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Die Hintergründe zum Kruse-Abgang
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Wechsel statt Gehaltseinbußen

Christoph Sonnenberg 19.05.2019 17 Kommentare

(nordphoto)

Zuletzt war es seine leere Wohnung, die für Gerede sorgte. In einem von Max Kruse gedrehten Video, vergangenen Sonnabend via Facebook veröffentlicht, war Kruse in seinem Wohnzimmer zu sehen, aber keine Möbel. Zuvor kursierte das Gerücht, Kruse habe seine Wohnung gekündigt, mit Nuri Sahin aber bereits einen Nachmieter. Kruse verlässt Bremen, das war der Kern all diesen Geredes. Jetzt ist es kein Gerücht mehr, kein Gerede, jetzt steht fest: Nach drei Jahren wechselt Kruse Klub und Stadt.

Über Monate zogen sich die Gespräche über eine Vertragsverlängerung, am Ende ohne Ergebnis. Donnerstagnachmittag kamen Werder und Kruse überein, die Verhandlungen abzubrechen. „Auf der einen Seite finde ich es natürlich sehr schade. Wir sollten eine große Portion Dankbarkeit ihm gegenüber haben„, sagte Florian Kohfeldt. Er blickt aber auch voraus: „Es liegt eine Chance darin. Ich sehe uns nicht in einer Abhängigkeit von Max. Es wird hier weiter gehen, es ist nichts, was uns dramatisch zurückwirft.“

Kruse betont, aus Respekt vor den Fans und als Entgegenkommen für den Verein die Entscheidung getroffen zu haben: „Ich weiß, es ist schwer, ich möchte euch dennoch bitten, sie zu akzeptieren und zu respektieren. Sie ist mir nicht leicht gefallen." So erlaubt Werder ihm, seine Zukunft selbst bestimmt zu haben. Tatsächlich war es der Klub, der Fakten geschaffen und die Verhandlungen beendet hat.

Zwei Neue sollen her

Nachfolger, das ist die gute Nachricht, sind in Sicht. „Wir werden das mit Sicherheit sehr gut auffangen und in Ruhe schauen, welche Spieler wir verpflichten können", sagte Frank Baumann. Es sollen gleich zwei Spieler sein, die das Erbe Kruses schultern. Auch für das Bremer Spielsystem hat der Abschied Folgen. Ohne den Kapitän verändert sich die Statik des Spiels. Ohne Kruse ergeben sich aber auch neue taktische Möglichkeiten und Variationen, sie werden Werder variabler und unberechenbarer machen.

In den vergangenen Woche verfestigte sich der Eindruck, Kruse betrachte Werder nur als Joker, falls das erhoffte große Angebot ausbleibe. Es gab Interesse von Tottenham und dem AS Rom, konkret war das nicht. Dass Kruse dennoch zögerte, ein Bekenntnis zu Werder abzugeben, hatte einen Meinungsumschwung zur Folge. Immer mehr Fans waren genervt, dass der Kapitän, den vielen guten Nachrichten rund um Werder keine hinzufügen mochte. Dass er weiter wartete, ob nicht doch noch ein akzeptabler Klub anklopft.

Einen neuen Verein hat Kruse noch nicht gefunden. Auch Kohfeldt weiß nicht, wohin es Kruse zieht: „Er hat es mir nicht gesagt. Das muss er auch nicht, das muss er für sich entscheiden." Am Ende, so vermuten sie bei Werder, wird er wohl doch in der Bundesliga anheuern. Obwohl er das nicht in Betracht gezogen hat, wie er im Laufe der Saison mehrfach betonte. Aber das, wovon Kruse träumte, dem Angebot eines Top-Klubs, der in der Champions League spielt, das kam eben nicht. Zumindest bis jetzt nicht.

Der FC Bayern, Mönchengladbach und zuletzt auch Leipzig haben abgewunken, trotzdem bleibt ein ablösefreier Kruse für etliche Klubs der Bundesliga ein attraktiver Transfer. Sorgen um seine Zukunft muss er sich sicherlich nicht machen.

Finanzielle Differenzen

Ein gewichtiger Grund dafür, dass Kruse nicht weiter in Bremen spielt, war das Geld. „Ich kann nur sagen: Im Vordergrund steht für mich nicht mehr das Geld, sondern der Spaß am Fußball und der Wohlfühlfaktor", sagte Kruse vergangenen August dem „Kicker" zu seiner Zukunft über den Sommer 2019 hinaus. „Dann kann man auf das eine oder andere auch verzichten." Mit geschätzten 3,5 Millionen Euro pro Jahr ist Kruse aktuell einer der Top-Verdiener des Kaders, verzichten mochte er aber auf nichts.

Davy Klaassen gehört in diese Gehaltskategorie, nach seiner Vertragsverlängerung auch Maximilian Eggestein. Dort wollte Kruse auch künftig eingeordnet bleiben. Werder, so ist zu hören, war dazu nicht bereit. Mit 31 Jahren ist Kruse im gehobenen Fußballer-Alter, die Zweifel, dass er mehr als noch ein gutes Jahr in den Beinen hat, sind Grundlage des reduzierten Angebots. Kruse sollte eine Tarifklasse nach unten rutschen. Die Gehaltsvorstellungen sollen am Ende so weit auseinander gewesen sein, dass eine Einigung ausgeschlossen werden konnte. Deshalb hat Werder die Gespräche beendet.

Genial bis kontrovers

Was bleibt von Kruse? Durchaus Beeindruckendes. Elf Tore und zehn Vorlagen in 32 Spielen sind es in der aktuellen Saison. In seiner ersten waren es gar 15 Treffer und sieben Vorlagen in nur 23 Einsätzen. Die vergangene  Spielzeit war mit sechs Toren und acht Assists in 29 Spielen seine schwächste. Das sind die Zahlen. Hinzu kommen viele berauschende Momente und geniale Pässe, die es wert waren, ein Bremer Spiel anzuschauen. Kruse hat oft den Unterschied gemacht, nicht nur über Sieg oder Niederlage, auch ob ein Spiel attraktiv war oder nicht, bestimmten seine Füße.

Es bleiben im Rückblick aber auch Phasen, in denen er nicht funktionierte. In denen nicht über Sport, sondern Schokocreme diskutiert wurde. Über fehlende Spritzigkeit, bedingt durch ein kleines Bäuchlein unterm Trikot. Über einen Leistungssportler, der sich Fett absaugen ließ. Alles Themen, die unnötig waren und Konzentration kosteten, und die nur entstanden, weil Kruse sein Leben nicht auf seinen Beruf ausrichtete, sondern oft genug nach dem, worauf er gerade Lust hatte. 

Es verwundert, dass Werder das Aus nach drei Jahren Beziehung nicht einfach in der Sommerpause wegmoderiert, statt es großformatig vor dem letzten – und sportlich wichtigen – Spiel in Szene zu setzen. Kruse soll darauf gedrängt haben, sich im Rahmen des letzten Saisonspiels gegen Leipzig von den Bremer Zuschauern zu verabschieden. „Trotz einer gewissen Enttäuschung sollte niemand vergessen, was er für uns geleistet hat. Es ist eine Frage des Respekts, dass Max verabschiedet wird", sagt Kohfeldt.


Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.