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Zurückgeblättert: 3. Februar 1964
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„Werder erstmals ohne Gegentor“

(mw) 03.02.2019 0 Kommentare

(Archiv Weser-Kurier)

Am 3. Februar 1964 schrieb der WESER-KURIER:

Im Weser-Stadion trat am Sonnabend der seltene Fall ein, daß der Trainer der unterlegenen Mannschaft weder von Pech sprach noch sich mit dem gängigen Hinweis zu entschuldigen versuchte, seine Mannen hätten die taktischen Anweisungen in den Wind geschlagen. Günter Brocker hielt vielmehr ein Kurzreferat, in dem er beiden Seiten gerecht wurde. Beide Tore, meinte er, seien vermeidbar gewesen, doch das Ergebnis sei letztlich gerecht, und überhaupt habe ihm das Spiel im großen und ganzen gefallen. Den Hinweis, daß mit Neumann und Prins, die beide vereinsseitig gesperrt sind, sowie mit dem verletzten Kiefaber drei der besten Spieler hatten ersetzt werden müssen, verkniff sich Brocker.

Von soviel Aufrichtigkeit und Objektivität übermannt, trollten sich die Journalisten. Sie hatten gehört, was in einem druckreifen Manuskript über Spielverlauf und Kritik stehen könnte, und weitere Fragen erübrigten sich. So sympathisch ihr Trainer auftrat, so sympathisch war die ganze Mannschaft, die ihre Niederlage nicht mit einer Katastrophe verwechselte, wie sich überhaupt alles in einer wohltuend sachlichen Atmosphäre abspielte. Selbst Schiedsrichter Wieser aus Köln muß es Spaß gemacht haben, dieses Treffen zu leiten. Wann trifft man nach einem Bundesligaspiel schon einmal einen fröhlich vor sich hin trällernden, Witzchen machenden Pfeifenmann? Einige krakeelende Zuschauer, die von den Regeln keine Ahnung haben und das alle Leute im Stadion laut wissen lassen, gibt es nun einmal überall. Herr Wieser war viel zu erhaben, und der Höhepunkt des Karnevals ist viel zu nahe, als daß der Schiedsrichter aus Köln sich ihretwegen die gute Laune hätte verderben lassen.

Es war ein gutes Spiel. Daß es nicht Note „ausgezeichnet" verdient, lag weniqer an den Spielern hüben und drüben als vielmehr an dem starken Wind, der über den Platz fegte und als ungebetener Spielpartner stark störte. Mehr als einmal kam es vor, daß der Ball nach einem Abschlag in den Händen des Torwarts der Gegenseite landete oder die Torauslinie übersprang, ohne daß ihn vorher einer der Feldspieler berührt hatte. Zuerst spielte Werder gegen den Wind, und gerade in dieser Halbzeit hatte die Bremer Mannschaft ihre besten Szenen. Nachdem Schimeczek auf Flanke von Ferner schon nach acht Minuten zum Führungstor eingeköpft hatte, besaß Werder noch viele Chancen, um das Treffen bereits vor der Pause zu entscheiden.

Schimeczek und vor allem Ferner waren in dieser Phase die treibenden Kräfte, während der unauffälligere Thun für einen schnellen Kombinationsfluß sorgte. Ein Pfostenschuß auf jeder Seite — zuerst von Braner, wenige Sekunden später von Soya — änderte nichts an dem Ergebnis. Die Kaiserslauterner, die Pulter in die Abwehr zurückzogen, hatten bis dahin wenig geboten. Die Abwehr deckte nicht konsequent, und der einzige umsichtige und durchschlagkräftige Stürmer schien Richter zu sein. Doch dieser Eindruck trog. In der ersten Viertelstunde nach der Pause kamen die Gäste recht unerwartet stark heraus. Jetzt endlich erlebten die Zuschauer von dieser Mannschaft ein gefälliges Kombinationsspiel, jetzt plötzlich schienen alle Spieler viel energischer und zielstrebiger zu sein.

Eine geraume Zeit gehörte dem 1. FC Kaiserslautern das Mittelfeld, und die Bremer Abwehr hatte mehr zu tun als in der ganzen Halbzeit vorher. So überraschend die Spieler in den roten Hosen und Trikots aber die Initiative an sich gerissen hatten, so unvermittelt sahen sie sich aber auch wieder in die Defensive gedrängt. Offenbar hatten sie ihre Kraft überschätzt, denn nach einer Stunde Spielzeit war es ein seltenes Ereignis, wenn sie noch einmal über die Mittellinie hinauskamen. Die Bremer Stürmer nahmen jede Möglichkeit zum Torschuß wahr, aber sie waren viel zu unkonzentriert. Der Angriff sah sich einer starken Abwehrmauer gegenüber und verstand es nicht, die große Feldüberlegenheit zahlenmäßig auszudrücken. Das zweite Tor fiel bezeichnenderweise nämlich nicht etwa nach einer gelungenen Kombination, sondern als Folge eines schweren Fehlers, den sich Richter, im übrigen der beste Feldspieler der Gäste, zuschulden kommen ließ. Ihm wurde der Ball von Schnarr zugespielt. Anstatt ihn sofort weiterzuleiten, versuchte Richter, in der Mitte der eigenen Hälfte linksaußen stehend, Thun abzuschütteln. Der Bremer Mittelstürmer jagte ihm aber den Ball ab und schoß ihn aus 20 Metern ein, noch ehe Schnarr sein Tor wieder erreicht hatte.

Zwei Spieler Werders standen diesmal im Mittelpunkt: Bernard und Klöckner, die nach monatelanger, durch Verletzungen bedingter Pause erstmals wieder zur Verfügung standen. Beide fügten sich auf Anhieb wieder in die Mannschaft ein, der sie erst wenige Male angehört haben. Bernard verstand sich offenbar mit seinen Vorderleuten gut, hielt anfangs einige gefangene Bälle nicht fest, wurde dann aber zusehends sicherer. Sein Reaktionsvermögen wurde nicht oft geprüft, doch mehrfach vereitelte er Torchancen durch entschlossenes Herauslaufen. Klöckner hatte in der ersten Halbzeit einige gute Momente, fiel nach der Pause aber kaum noch auf, weil Werder das Spiel stark auf den rechten Flügel verlagerte.

Werder Bremen: Bernard - Piontek, Lorenz - Schütz, Jagielski, Schimeczek - Zebrowski, Ferner, Thun, Soya, Klöckner.

1. FC Kaiserslautern: Schnarr - Schneider, Mangold - Bauer, Kostrewa, Wrenger - Gawletta, Reitgassl, Richter, Pulter, Braner.

Schiedsrichter: Wieser (Köln).

Das hochauflösende PDF der Original-Zeitungsseite gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).


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