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Die Taktik-Analyse zum Sieg bei Union
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Werder meistert alle Widerstände

Stefan Rommel 15.09.2019 2 Kommentare

(nordphoto)

Werder-Trainer Florian Kohfeldt musste auch wegen der Verletzungsmisere im Vergleich zum Augsburg-Spiel auf drei Positionen tauschen: Für die verletzten Niklas Moisander und Maximilian Eggestein begannen Christian Groß und Neuzugang Leo Bittencourt, dazu verdrängte Johannes Eggestein nach abgesessener Sperre Joshua Sargent auf die Bank - auf der Werder neben dem Amerikaner und Claudio Pizarro „nur“ noch drei Feldspieler aus der zweiten Mannschaft sitzen hatte.

Werder also mit Michael Lang, The Gebre Selassie, Groß und Marco Friedl in der Viererkette vor Jiri Pavlenka. Nuri Sahin auf der Sechs davor, Davy Klaassen und Johannes Eggestein auf den Halbpositionen sowie Yuya Osako auf der Zehn. Leo Bittencourt und Niclas Füllkrug bildeten den Angriff, wobei Bittencourt zwischen letzter Linie und Mittelfeld pendelte.

Der Start hätte für Werder gegen eine Mannschaft wie Union gar nicht besser sein können mit dem frühen Führungstor nach einem allerdings umstrittenen Elfmeter. So konnten die Gäste mit ihrer deutlich besseren Spielanlage Ball und Gegner kontrollieren. Nur wurde schon schnell klar, dass Theorie und Praxis an diesem Nachmittag nur selten viel gemein hatten.

Probleme mit Andersson und mit Ballbesitz

Werder stellte sich gegen den Ball in einem flachen 4-4-2 auf und konterte die Berliner Versuche, mit einem abkippenden Sechser in einer dynamischen Dreierkette aufzubauen mit dem Herausrücken von Klaassen oder Sahin auf den zweiten Sechser. Berlin wurde früh auf die Außen gelenkt, wenn die Mannschaft flach anspielen wollte, Werder kontrollierte das Zentrum. Etwas schwieriger gestaltete sich das Verteidigen der langen Bälle. Sebastian Andersson als Zielspieler machte einen richtig guten Job, behauptete viele Zuspiele und war auch in der Luft immer wieder in der Lage, seine Mitspieler einzusetzen. Allerdings zumeist in ungefährlichen Zonen, weshalb Werder mit seiner neu zusammengewürfelten Viererkette aus dem freien Spiel so gut wie gar nichts zuließ.

Werders Problem war eher der eigene Ballbesitz. Zwar machten Theo Gebre Selassie und auch Groß ihre Sache im Spielaufbau vernünftig und solide, gerade Groß dribbelte einige Male mutig ins Mittelfeld an. Aber mit der Qualität von Moisanders Passspiel konnte der Rechtsfuß auf der linken Innenverteidigerposition natürlich nicht ganz mithalten. Umso mehr war Sahin gefordert - aber nicht nur aktiv am Ball, sondern auch mit seinen Bewegungen. Sein Zurückfallen zwischen die Innenverteidiger öffnete Platz zum Andribbeln für Gebre Selassie und Groß.

Was bei Werder wie schon in Teilen gegen Augsburg fehlte, waren die Kombinationen über die Halbräume. Und weil Osako schon bei der Ballannahme mindestens einen, oft genug sogar zwei Gegenspieler im Rücken hatte und nach der Länderspielreise offenbar auch nicht besonders frisch im Kopf und in den Beinen war, kam auch Werder kaum einmal zu gefährlichen Torraumszenen - wenngleich der gut auf die Flügel ausweichende Füllkrug und Bittencourt in seiner Rolle als verkappte zweite Spitze einige gute Momente hatten, wenn Werder etwa den Ball mit Steil-Klatsch-Kombinationen nach vorne trug.

Unions Stabilität wird zum Boomerang

Union ließ den Gästen gegen den Ball aber nur wenige Räume, zog sich immer wieder gut zusammen und war auch auf die vereinzelt eingestreuten Verlagerungen vorbereitet. Die Momente des Angriffspressings gerade zu Beginn der Partie nahmen im Verlauf der ersten Halbzeit aber immer weiter ab, was den Gastgebern zwar eine ordentliche Stabilität verlieh, sich für die eigenen Umschaltmomente nach Ballgewinnen aber als pures Gift erwies.

Union konnte nicht einen gefährlichen Konter setzen, weil der Weg zum gegnerischen Tor schlicht viel zu weit und Werders Restverteidigung aufmerksam genug war. Und die Berliner blieben auch in ihrer zweiten Paradedisziplin ohne nennenswerte Aktionen: Werder verteidigte die Standards der Berliner konzentriert und letztlich ohne größere Mühe.

Es entwickelte sich ein eigenartiger Spielcharakter mit unsteten Phasen, der zusätzlich befeuert wurde von einer schwachen Schiedsrichterleistung, was zu vielen Unterbrechungen, Rudelbildungen und letztlich einer latenten Hektik führte, die keinen Spielfluss zuließ und unterm Strich eher positiv für Berlin war denn für die technisch besseren Bremer, die sich vom dauernden Stress durchaus beeindruckt zeigten und wenig Ruhe im eigenen Spiel fanden.

Berlin baut um, Pizarro auf die Sechs

Nach der erneuten Führung kurz nach der Pause passte Berlin seine Anlaufhöhe etwas an und verteidigte höher im Feld. Im eigenen Ballbesitz versuchte es die Mannschaft noch mehr mit langen Bällen oder aber über die linke Seite. Bis zur Einwechslung von Akaki Gogia blieb Union aber ungefährlich. Die Gastgeber spielten dann mit der Hereinnahme Gogias im Prinzip jeden Angriff über links, mit einem einrückenden Gogia und Außenverteidiger Christopher Lenz, der gut nachrückte. Berlin wurde ein paar Mal mit Flanken gefährlich, Werders Innenverteidigung und Keeper Pavlenka blieben aber aufmerksam.

Berlin löste in den letzten Minuten die Doppel-Sechs auf und stellte auf Raute im Mittelfeld um, der Platzverweis für Neven Subotic änderte daran nichts, Berlin verteidigte in den letzten Sequenzen nur noch mit einer Dreierkette in der letzten Linie. Werder dagegen musste am Ende sogar noch den eingewechselten Claudio Pizarro auf die Sechs zurückziehen, nachdem Sahin in einer völlig überdrehten Schlussphase vom Platz geflogen war.

Werder arbeitete den Sieg über die Zeit und schaffte einen Erfolg der Mentalität und des unbedingten Willens. Spielerisch lag - auch auf Grund der vielen Ausfälle - doch einiges im Argen. Aber wie sich die gebeutelte Viererkette bis auf ganz wenige Ausnahmen solide zeigte und statt der vermeintlichen Schwachstelle zum Garanten für den Sieg wurde, war durchaus bemerkenswert in einer Partie, die fußballerisch phasenweise kaum genießbar war.


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