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„Werder mit 0:3 noch gut bedient“

(mw) 27.01.2019 0 Kommentare

(Archiv Weser-Kurier)

Das Kompliment des Tages formulierte Kuno Klötzer, Trainer des Hamburger SV. „Werder hat mir läuferisch sehr gut gefallen", verkündete der Fußbailehrer zum Erstaunen seiner Zuhörer nach dem 0:3-Debakel der Bremer im Volkspark-Stadion. Zur Ehre des wackeren Kuno Klötzer sei angenommen: Er wußte es besser. Doch ihm tat wohl eine Mannschaft leid, deren Trikot er selbst einmal während seiner aktiven Zeit getragen hat.

Denn noch eine halbe Stunde zuvor, in der Schlußphase des Spiels, hatten die Bremer kein Lob, sondern vor allem Lachen geerntet. Da hatte es auf den Rängen des Volkspark-Stadions nur noch amüsierte Kommentare gegeben, wenn die Gäste wieder einmal von ihren Gastgebern nach allen Regeln der Fußballkunst „vorgeführt„ worden waren. Und selbst Sepp Piontek, seit mehr als einem Jahrzehnt als Spieler oder Trainer bei allen Duellen zwischen HSV und Werder dabei, schüttelte den Kopf: „So sind wir hier noch nie untergegangen!“

Hamburger SV: Kargus, Kaltz, Nogly, Björnmose, Hidien (78. Krobbach), Winkler, Sperlich, Zaczyk, Heese, Honig, Volkert.

Werder Bremen: Burdenski, Kontny, Zembski, Höttges, Assauer, Kamp, Roentved (59. Schildt), Dietrich, Weist, Bracht, Görts.

Schiedsrichter: U. Zuchantke (Berlin).

Zuschauer: 25 000.

Tore: 1:0 (15.) Zaczyk; 2:0 (60.) Honig, Foulelfmeter; 3:0 (70.) Volkert.

Wer das 0:3 für den gerechten Ausdruck der Hamburger Überlegenheit hält, meint es zweifellos gut mit Werder. Denn nur zwei Faktoren verdanken es die Bremer, daß ihnen eine Niederlage verheerenden Ausmaßes erspart blieb: Ihrem eigenen Torwart Burdenski und der Unfähigkeit der Hamburger, nur die Hälfte ihrer großen Chancen zu Toren umzumünzen. Zu Burdenski: Er wehrte gleich ein halbes Dutzend schwerster Geschosse ab, die die HSV-Stürmer — nur unvollkommen von ihren Gegnern gehindert — in Richtung Bremer Tor schickten. Zu den vergebenen Chancen der Gastgeber: Sie waren so zahlreich, daß ein Mann wie Werders früherer Trainer und Liga-Obmann Fred Schulz trotz des 0:1-Rückstandes zur Pause noch überzeugt war: „Wer so viele Chancen ausläßt, gewinnt selten. Das Blatt kann sich wenden."

Er irrte. Denn nur für zehn Minuten der zweiten Halbzeit sah es so aus, als hätte Werder noch eine Chance. Dann neigte sich die Waage endgültig und verdientermaßen zur Hamburger Seite, wobei sich die Bremer nur für diesen Umschwung auf mangelndes Glück berufen können. Denn die Wende kam in der 60. Minute, in der folgendes geschah: Höttges setzte sich am rechten Flügel durch, zog den Ball flach zur Mitte, wo ihn nacheinander Dietrich und Weist um Zentimenter verpaßten. „Hätte Peter ihn nicht etwas abgelenkt„, meinte Weist später, „hätte ich ihn voll auf den Fuß bekommen!“ Im Gegenzug kam der Ball zu HSV-Rechtsaußen Sperlich, der in den Bremer Strafraum eindrang und dabei von Kontny und Zembski so ungeschickt attackiert wurde, daß er sich die Chance zu einem elfmeterreifen Sturz nicht entgehen ließ. Honig verwandelte, statt 1:1 stand es 0:2.

Das war die Entscheidung für den HSV, der Volkert zwanzig Minuten vor dem Abpfiff noch den Glanzpunkt aufsetzte. Er überwand Burdenski mit einem aus 20 Metern in den oberen Torwinkel geschlenzten Schuß, der alle Aussichten hat, als „Tor des Monats" honoriert zu werden. Bereits in der 15. Minute hatte ein Assauer-Fehlpaß und eine mißglückte Abwehraktion von Kamp Zaczyk das 1:0 ermöglicht, der Burdenski im Nachschuß überwand. Piontek warf seiner Mannschaft hinterher mangelnde Einsatzbereitschaft und eine allzu lässige Einstellung vor, was sicherlich dazu beitrug, daß von zehn Zweikämpfen acht verloren wurden, daß die Mehrzahl der Pässe mißriet, daß der HSV auch läuferisch eindeutig überlegen war.

Doch es war zweifellos nicht der einzige Grund dafür, daß praktisch die gesamte Mannschaft völlig aus den Fugen geraten war. Denn die größten Enttäuschungen bereiteten Spieler, die seit langem dafür bekannt sind, daß sie auch dann nicht die Flinte ins Korn werfen, wenn die Schlacht verloren scheint, die bisher stets ein Vorbild an Berufsauffassung waren. Horst Höttges gehörte dazu, ebenso Karl-Heinz Kamp und Peter Dietrich. Im Volkspark-Stadion jedoch sah Höttges gegen Volkert 90 Minuten lang so schlecht aus, daß Hamburger Journalisten, die den Nationalverteidiger seit Beginn seiner Länderspiellaufbahn kennen, hinterher überzeugt waren: „Er muß einfach verletzt sein. So kann kein gesunder Horst Höttges spielen!"

Oder Kamp: Sein Gegenspieler Zaczyk, so weiß man, ist keineswegs beim HSV mehr der Dreh- und Angelpunkt früherer Jahre, er muß um seinen Platz in der Elf kämpfen. Doch Kamp, der vor allem deswegen stets dabei war, weil er seine Defensivaufgaben bisher mustergültig zu erledigen pflegte, wurde von dem 29-jährigen Hamburger ein ums andere Mal ausmanövriert. Mit fortlaufender Spielzeit ging auch Dietrich immer mehr in der allgemeinen Konfusion unter, was die Vermutung aufkommen ließ: Bei den Spielern wie Höttges, Kamp und Dietrich fehlte es weniger am Willen als vielmehr an der Kraft. Vielleicht hat der pausenlose Einsatz der vergangenen Monate bei einigen doch etliches an Substanz gekostet.

Doch es wäre verfehlt, nun gerade diesen dreien die Hauptschuld anzulasten. Mittelstürmer Weist fügte seinen unzulänglichen Leistungen der vergangenen Wochen eine weitere hinzu, Görts hatte vor seinem Bewacher Kaltz mehr Respekt als vor jedem anderen Verteidiger in dieser Saison. Außer bei Burdenski überwogen die Pluspunkte nur bei einem Bremer: Zembski setzte als Vorstopper den Hamburger Heese matt. Assauer schmälerte seine Leistung einmal mehr durch etliche Fehlpässe, Kontny ermöglichte Sperlich ein überzeugendes Debüt. Im Mittelfeld hatte Roentved sehr stark begonnen, schied jedoch nach der Pause mit einer Wadenprellung aus. Für ihn kam Schildt in die Mannschaft, dem zumindest eines zu bescheinigen ist: Er war an diesem Tag noch der schwungvollste Bremer Stürmer. Dazu allerdings bedurfte es lediglich einiger gelungener Spurts.

Das hochauflösende PDF der Original-Zeitungsseite gibt es hier (bei iOS den Link länger gedrückt halten).


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