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Die Bundesliga-Kolumne
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Werder, Stadt und Wirtschaft müssen gemeinsam was entwickeln

Klaus-Dieter Fischer 02.11.2018 1 Kommentar

(Mein Werder)

Am Sonntag war ich für einen Moment ein wenig erschrocken. Warum? Weil ein paar Zuschauer nach dem Ende der ersten Halbzeit unsere Mannschaft ausgepfiffen haben. Klar, Werder hatte nicht gut gespielt, es stand 0:3 gegen Leverkusen. Trotzdem habe ich gedacht: Leute, welche Erwartungshaltung haben wir inzwischen? Natürlich hat unsere Sportliche Leitung vor der Saison gesagt, dass Europa das Ziel ist. Aber glaubt deshalb tatsächlich jemand, dass wir jetzt jeden Gegner vom Platz fegen müssen und ohne großen Widerstand jedes Spiel gewinnen? Es ist doch nur normal, dass Werder unter Florian Kohfeldt nach 16 Heimspielen auch mal ein Spiel im Weserstadion verliert.

Natürlich haben die Zuschauer das Recht, ihre Meinung kundzutun. Sie haben für das Spiel Eintritt gezahlt, sie waren enttäuscht, wie wir alle. Aber gut fand ich, dass die Sache ja weiterging: Die Reaktion, die folgte, fand ich unglaublich, wie zuerst die Ostkurve und dann das Reststadion dagegengehalten haben. Dafür hätte Werder eigentlich einen Punkt verdient gehabt. Aber gut, wir sind am Mittwoch dann ja ein bisschen ­rehabilitiert worden, als Leverkusen 5:0 in Gladbach gewonnen hat. Deshalb sage ich auch: Abhaken, unsere Strategie ist in dem Spiel nicht aufgegangen. Und mit dem souveränen Sieg im Pokal gegen Flensburg sind wir auch wieder im Soll.

Grundsätzlich finde ich es sehr gut, dass die Sportliche Leitung eine ambitionierte Zielsetzung ausgegeben hat. Denn ein ambitioniertes Ziel zu haben, tut dem Verein gut, und es tut ganz besonders den Spielern gut. Wir haben eine Vielzahl von Profis – Max Kruse, Davy Klaassen, Nuri Sahin, Martin Harnik, die aufstrebenden Eggesteins, um nur ein paar Namen zu nennen –, denen es schlicht und einfach nicht reicht, nur gegen den Abstieg zu spielen.

Sportlich gut aufgestellt

Viele Leute sagen, es war mutig von Europa zu sprechen. Ich sage: Es war richtig. Es wäre mutlos, nur Verhinderungsziele auszugeben. Und ganz nebenbei: Wenn Trainer und Manager das Ziel Europa rausgeben, dann zeigt das doch, wie viel Vertrauen sie in die Qualität ihrer Mannschaft haben. Das sollte uns freuen und hoffnungsvoll stimmen. Dass Florian Kohfeldt es schaffen würde, die Mannschaft auf Kurs zu bringen, war mir klar. Aber eine kleine Sorge habe ich doch: Es gibt Faktoren, die kein Trainer steuern kann, und das sind Verletzungen, längerfristige Ausfälle. Ich hoffe, dass Werder davon verschont bleibt, denn dann ist Werder kurz- und mittelfristig im sportlichen Bereich gut aufgestellt.

Langfristig sehe ich zwei weitere Faktoren, die Werders Zukunft mitentscheiden. Erstens: Wir brauchen Antworten auf die Entwicklungen im modernen Fußball, Stichwort 50+1 beziehungsweise Investoren-Einstiege. Und zweitens wird es für Werder elementar sein, das Nachwuchsleistungszentrum in der Pauliner Marsch für die Zukunft fit zu machen, wie schon mehrfach angekündigt. Da muss etwas kommen. Personell sind wir in dem Bereich auch dank der Rückkehr von Thomas Schaaf sehr gut aufgestellt, aber an der Infrastruktur muss etwas getan werden, da ist Werder nicht auf dem neuesten Stand.

Appell an die Bremer Wirtschaft

Und beim Thema Investoren frage ich mich: Muss sich die Bremer Wirtschaft, muss sich das Bremer Umfeld nicht stärker engagieren? Wir haben einen starken Aufsichtsrat. Vielleicht kann er es schaffen, so eine Art Bremen-Pool hinzubekommen, also Unternehmen und Kaufleute, die sich zusammentun und bei Werder einsteigen. Aus meiner Sicht ist das Werders einzige Chance. Einen „Scheich“ oder ausländische Investmentfonds würden wir Bremer nicht so leicht akzeptieren.

Werder ist ein seriöser Verein, der sich kümmert, der keine Skandale produziert. Werder hat den jetzigen Umschwung aus sich selbst heraus hinbekommen, und darauf darf man ruhig ein bisschen stolz sein. Aber für die kommenden großen Herausforderungen würde ein Schulterschluss gut reinpassen in die jetzige Aufbruchstimmung.

Bremen entwickelt gerade eine Vision für die Innenstadt, Werder ist bundesweit ein Aushängeschild für Bremen. Es wäre ein riesiger Schritt nach vorne, mit der Stadt und der bremischen Wirtschaft gemeinsam etwas zu entwickeln.

Klaus-Dieter Fischer (77)

ist Ehrenpräsident von Werder Bremen. Er schreibt im wöchentlichen Wechsel mit Jörg Wontorra, Christian Stoll, Thomas Eichin und Lou Richter darüber, was ihm in der Bundesliga und bei Werder aufgefallen ist.


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