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Leipzigs Sportdirektor Krösche im Interview
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„Wir alle haben die Karriere noch vor uns“

Christoph Bähr 20.09.2019 0 Kommentare

(dpa)

Es trifft sich gut, dass Sie am Sonnabend nach Bremen kommen. Da könnten Sie gleich ein 20-jähriges Jubiläum feiern. Wissen Sie, worauf ich anspiele?

Nein.

1999 haben Sie mit Werder die deutsche A-Jugend-Meisterschaft gewonnen. Erinnern Sie sich noch daran?

Oh ja, stimmt. So alt bin ich schon. Klar erinnere ich mich daran. Es war damals eine Überraschung, dass wir das Finale gegen Stuttgart gewonnen haben. Die Stuttgarter hatten viele Jugend-Nationalspieler und hatten mit die beste Jugendarbeit in Deutschland. Es war extrem heiß während des Endspiels. Wir haben mit 4:1 gewonnen, und ich habe ein Tor gemacht.

Werders heutiger Co-Trainer Tim Borowski war ebenfalls dabei.

Ja, Tim ist ein Freund von mir. Er hat damals auch ein Tor geschossen. Das war eine gute Zeit.

Mit Tim Borowski haben Sie also noch regelmäßig Kontakt. Gilt das auch für andere Teamkollegen von damals?

Axel Plaat war unser Trainer. Der hat mir kürzlich geschrieben, den werde ich am Samstag auch sehen.

Merkwürdigerweise hat es aus der Meistermannschaft kaum ein Spieler in die Bundesliga geschafft. Wie ist das zu erklären?

Bei Werder hat es tatsächlich nur Tim geschafft. Ich bin den Umweg über Paderborn gegangen. Die Gründe sind schwer zu benennen, manchmal ist das einfach so. Wir waren damals eben auch ein sehr gutes Team und haben über den Teamgeist viel kompensiert.

Tim Borowski hat nach seiner Karriere bei Werder den Management-Bereich kennengelernt, schlägt jetzt aber eine Trainerlaufbahn ein. Bei Ihnen verlief es umgekehrt. Warum sind Sie vom Trainer zum Sportdirektor geworden?

Es war nie mein Ziel, Trainer zu werden. Ich bin ein bisschen in die Trainerrolle reingerutscht. Als ich in Paderborn mit dem Bundesliga-Aufstieg 2014 meine Karriere beendet habe, wurde ich gefragt, ob ich etwas im Verein machen möchte. Also habe ich die U21 als Trainer übernommen. Das hat ganz gut funktioniert, wir sind gleich in die Oberliga aufgestiegen. Dann kam der Anruf von Roger Schmidt, ob ich nicht sein Co-Trainer bei Bayer Leverkusen sein möchte. Als wir entlassen worden sind, rief mich der damalige Paderborner Präsident Wilfried Finke an und fragte, ob ich nicht Geschäftsführer Sport werden möchte. Das war alles eher Zufall, aber insgesamt gefällt mir der Job, den ich jetzt habe, sehr gut. Mir macht die Arbeit sehr viel Spaß, das ist genau das Richtige für mich.

Inwiefern hilft es Ihnen als Sportdirektor, dass Sie auch die Seite des Trainers kennen?

Das hilft mir sehr. In Leverkusen haben wir zwei Jahre lang auf Champions-League-Niveau gearbeitet. Ich weiß ungefähr, was in einem Trainerteam los ist und welche Einflüsse auf Entscheidungen wirken. Auch die Seite der Spieler habe ich erlebt. Durch mein BWL-Studium sind mir die betriebswirtschaftlichen Themen außerdem nicht unbekannt. In der Gesamtheit kann ich also Erfahrungen aus vielen Bereichen in meinen Job einfließen lassen.

Der Trainer, mit dem Sie jetzt in Leipzig zusammenarbeiten, heißt Julian Nagelsmann. Ist es ein Vorteil, dass Sie beide neu im Verein sind? Oder ist es eher ein Nachteil, weil sich zwei handelnde Personen erst eingewöhnen müssen?

Julian und ich haben eine sehr gute Basis vorgefunden, die Ralf Rangnick (ehemaliger Sportdirektor und Trainer, Anm. d. Red.) und Oliver Mintzlaff (Geschäftsführer, Anm. d. Red.) hervorragend aufgebaut haben. Das war eine gute Grundlage, um nun unsere Ideen einzubringen und umzusetzen. Ich sehe es eher als Vorteil, dass wir beide uns die Dinge neu anschauen und bewerten können.

Ralf Rangnick hat RB Leipzig maßgeblich geprägt. Wie schwierig ist es, in seine großen Fußstapfen zu treten?

Er hat unfassbar große Fußstapfen hinterlassen, gar keine Frage. Aber Julian und ich haben uns ja bewusst dieser Herausforderung gestellt. Im Leben muss man Herausforderungen annehmen, um sich weiterzuentwickeln. Wir profitieren von der Arbeit, die geleistet wurde, wollen aber unseren eigenen Weg gehen, damit wir das, was vorhanden ist und sehr gut funktioniert, noch weiterentwickeln.

Bisher hätte es für Sie bei RB Leipzig kaum besser laufen können. Die Mannschaft ist in der Bundesliga Tabellenführer und hat auch das erste Gruppenspiel in der Champions League gegen Benfica Lissabon gewonnen. Was macht das Team aktuell so stark?

Das Trainerteam entwickelt die Jungs weiter und gibt ihnen klare Ideen an die Hand, wie wir Fußball spielen wollen. Dazu sind wir unverbraucht und voll auf die Weiterentwicklung fokussiert. Julian, die Mannschaft, ich und auch alle anderen im Verein haben noch nie einen Titel gewonnen. Wir alle haben die Karriere noch vor und, das treibt uns an und ist ein wichtiger Grund dafür, dass wir so früh schon so erfolgreich sind.

Kann man jetzt schon festhalten: RB Leipzig ist in dieser Saison reif für die Meisterschaft?

Es ist der falsche Zeitpunkt, um davon zu sprechen. Wir haben einen ganz guten Start hingelegt, aber gerade gegen Bayern haben wir in der ersten Halbzeit erlebt, dass wir immer an unsere Grenzen gehen müssen, um Spiele zu gewinnen. Wir haben sehr viel Potenzial, doch um irgendwann Titel zu gewinnen, müssen wir uns extrem weiterentwickeln und vor allem auch extrem konstant unsere Leistung abrufen.

Fahren Sie als Tabellenführer mit besonders viel Selbstvertrauen nach Bremen?

Erst einmal haben wir ein sehr schwieriges Spiel in Bremen vor der Brust, gerade auch mit dem Champions-League-Spiel unter der Woche in Lissabon in den Knochen. Werder hat eine sehr gute Mannschaft mit einem sehr guten Trainer. Unsere Jungs wissen natürlich, was sie können. Sie sind absolut überzeugt davon, wie wir Fußball spielen, und glauben an ihre eigene Stärke. Von daher haben wir schon das Ziel, in Bremen zu gewinnen. Das wird aber brutal schwierig, auch dafür müssen wir wieder an unsere Grenzen gehen.

Werder fehlen momentan sehr viele verletzte Spieler. Können die Bremer dem Tabellenführer da überhaupt gefährlich werden?

Natürlich ist die Situation mit so vielen Verletzten für Werder nicht optimal, trotzdem stehen noch sehr gute Spieler auf dem Platz. Man braucht nicht zu denken, dass das ein Spaziergang für uns wird, nur weil viele Spieler verletzt sind.

Ist das Spiel gegen Werder für Sie aufgrund Ihrer grün-weißen Vergangenheit etwas Besonderes?

Definitiv. Werder ist für mich immer etwas Besonderes. Ich habe meine Jugend dort verbracht und habe noch viele Bekannte in Bremen. Auch Verwandte von mir wohnen dort. Ich mag die Stadt und den Verein. Werder ist sehr sympathisch. Den einen oder anderen kenne ich noch von früher, zum Beispiel eben Tim Borowski. Ich fahre also immer mit einem positiven Gefühl nach Bremen und bin davon überzeugt, dass ich am Samstag auch mit einem positiven Gefühl wieder wegfahre.

Was für einen Eindruck haben Sie von Werders Trainer Florian Kohfeldt?

Persönlich kenne ich ihn nicht. Aber die Art und Weise, wie er Fußball spielen lässt, gefällt mir. Er ist mutig und geht auch ein Risiko ein. Die Mannschaft hat sich sehr gut entwickelt, seit er Trainer ist. Gleiches gilt natürlich auch für die Spieler. Er macht wirklich einen sehr guten Job und hat einen großen Anteil daran, dass Werder solch eine gute letzte Saison gespielt hat.

Florian Kohfeldt ist bei jedem Training mittendrin, stoppt die Übungen, sagt den Spielern, was sie besser machen können. Ist Julian Nagelsmann auch so ein akribischer Trainingsarbeiter?

Für mich gehört zur Stellenbeschreibung eines Trainers, dass er in der Lage ist, Spieler besser zu machen. Eine Folge davon ist natürlich, dass dann auch meist die Ergebnisse stimmen. Julian hat bei der TSG Hoffenheim schon bewiesen, dass die Jungs unter ihm besser werden. Auch in der kurzen Zeit bei uns haben sich die Spieler schon individuell weiterentwickelt. Der eine oder andere hat bereits einen kleinen Schritt nach vorne gemacht. Da haben Florian Kohfeldt und Julian Nagelsmann ähnliche Fähigkeiten.

Können Sie Beispiele von Spielern nennen, die unter Nagelsmann einen Entwicklungssprung gemacht haben?

Ich glaube, dass sich alle ein Stück weit entwickelt haben. Wenn man in den letzten Wochen Spieler herausheben kann, sind das Nordi Mukiele, Marcel Sabitzer oder auch Timo Werner.

Julian Nagelsmann und Florian Kohfeldt greifen beide gerne während des Spiels ein und nehmen Umstellungen vor. Erwartet uns am Sonnabend also ein Taktikduell an der Seitenlinie?

Beide sind intelligente Trainer, die das Spiel verstehen. Sie sind in der Lage, dann zu reagieren, wenn es nötig ist. Sie greifen nicht ein, nur um einzugreifen. Daher glaube ich nicht, dass es zu einem großen Taktikfestival kommt.

Das Image ist bei RB Leipzig ein wichtiges Thema. In Teilen der Fanszene ist Ihr Klub extrem unbeliebt. Ändert sich daran gerade etwas, weil die Mannschaft attraktiven Fußball spielt und die Tabelle anführt?

Wir bekommen schon seit längerer Zeit Wertschätzung für das, was wir tun. Wenn man sieht, mit welcher Spielfreude und mit welchem Mut wir Fußball spielen, wie wir insgesamt als Klub auftreten, sind wir eine Bereicherung für die Bundesliga. Das wurde in den vergangenen Jahren immer stärker honoriert und hat sich natürlich auch positiv auf unser Image und unsere Beliebtheit ausgewirkt.

Bei Auswärtsspielen schlägt RB Leipzig dennoch regelmäßig Feindschaft entgegen. Die Fans von Union Berlin haben kürzlich während des Spiels 15 Minuten geschwiegen, um gegen Ihren Verein zu protestieren. Wie gehen Sie mit solchen Aktionen um?

Grundsätzlich muss man erst einmal festhalten, dass das nur noch ganz selten der Fall ist. Was bei Union Berlin beim ersten Bundesliga-Spiel der Vereinsgeschichte passiert ist, kann ich persönlich nicht nachvollziehen, aber das muss ich nicht und kann es auch nicht ändern. Deshalb beschäftige ich mich damit nicht. Wir konzentrieren uns auf uns und wollen unseren Fußball auf den Platz bringen. Ansonsten leben wir in Deutschland, hier kann jeder seine Meinung äußern.

Die Kritik an RB Leipzig geht weit über das Sportliche hinaus. Der Verein gilt vielen Fans als Paradebeispiel für die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs. Setzen Sie sich mit dieser Kritik auseinander?

Ich setze mich damit gar nicht auseinander. Borussia Dortmund ist eine Aktiengesellschaft. Bayern München verkauft Anteile an Audi, Adidas und Allianz. Ich finde den Ansatz dieser Diskussion daher völlig falsch, aber ich habe genug damit zu tun, mich auf das Sportliche zu konzentrieren.


Bremen ohne Werder - das ist unvorstellbar! Und das Profiteam, das in der Bundesliga um Punkte und Tore kämpft, ist das Herzstück des Vereins. Auf dieser Seite gibt es News, Fotos und Videos rund um die Werder-Profis.