Bundesliga Werder hinkt seinen Ansprüchen weit hinterher

Bremen. Vier Spieltage ist diese Bundesliga-Saison alt, und Werder hat erst vier Punkte geholt. Mannschaftskapitän Torsten Frings zeigt sich tief enttäuscht - und auch Cheftrainer Thomas Schaaf und Klaus Allofs hatten der Mannschaft vor dem Training offenbar viel zu sagen gehabt.
20.09.2010, 06:13
Lesedauer: 4 Min
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Werder hinkt seinen Ansprüchen weit hinterher
Von Marc Hagedorn

Bremen. Vier Spieltage ist diese Bundesliga-Saison alt, und Werder hat erst vier Punkte geholt. Mannschaftskapitän Torsten Frings zeigt sich tief enttäuscht - und auch Cheftrainer Thomas Schaaf und Klaus Allofs hatten der Mannschaft vor dem Training offenbar viel zu sagen gehabt.

Die Zufahrtswege zum Weserstadion waren am Sonntag weiträumig abgesperrt. Ab neun Uhr gab es wegen des Marathons keine Chance mehr, mit dem Auto aufs Gelände zu kommen. Werders Profis schafften es trotzdem alle pünktlich zum 10-Uhr-Training, und das war auch gut so. Denn um fünf nach zehn brauste Werder-Boss Klaus Allofs am Weserstadion vor und verschwand ebenfalls in den Katakomben. Erst eine halbe Stunde später kamen die Spieler heraus und trotteten gen Trainingsplatz. Cheftrainer Thomas Schaaf und Klaus Allofs hatten der Mannschaft offenbar etwas zu sagen gehabt.

Keine Überraschung: Werder hatte am Tag zuvor beim 0:2 gegen den FSV Mainz 05 auf der ganzen Linie enttäuscht. 'Solange ich hier bei Werder bin, haben wir noch nie so schlecht gespielt', hatte Mannschaftskapitän Torsten Frings gleich nach dem Spiel gesagt. Vor dem Besuch des Bosses am nächsten Morgen schützte diese Einsicht indes nicht. Zwar war von einer Krisensitzung keine Rede. Allofs: 'Man muss nach jedem Spiel sprechen, und das tun wir auch nach den guten.' Aber wohl erst recht nach den schlechten. Denn zu besprechen gab es einiges.

Werder hinkt seinen eigenen Ansprüchen weit hinterher. Vier Spieltage ist diese Bundesliga-Saison alt, und Werder hat erst vier Punkte geholt. Als Schnellstarter waren die Bremer in den vergangenen Jahren zwar nie bekannt, aber so schlecht wie dieses Mal ist Werder seit dem Sommer 2001 nicht mehr in eine Spielzeit gekommen. In der Vergangenheit markierte der vierte Spieltag oft die Wende zum Guten. Im Vorjahr etwa leiteten die Siege gegen Gladbach (3. Spieltag) und in Berlin (4. Spieltag) eine Serie von über 20 Pflichtspielen ohne Niederlage ein.

"Wir haben als Mannschaft versagt"

Dass es diesmal einen ähnlich schnellen Umschwung geben könnte, erscheint äußerst fraglich. Zu lang ist die Mängelliste, die Allofs gestern abarbeitete. 'Ich erwarte, dass man zu Hause anders auftritt. Man muss spüren, dass man gemeinsam etwas erreichen will.' Vor allem das 'gemeinsam' kam dem Werder-Boss gegen Mainz viel zu kurz. 'Wir haben als Mannschaft versagt', sagte Allofs und nahm sich exemplarisch die Offensivabteilung zur Brust. 'Hugo, die beiden Markos - sie waren nicht bereit, Wege zu gehen. Unser Mittelfeld war nicht bereit, nachzurücken.' Allofs hätte die Aufzählung der Unzulänglichkeiten ohne Probleme bis zur Abwehr ausdehnen können. Sein Fazit: 'Das war zu schlecht, um wahr zu sein.'

Als Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Überlegungen kristallisiert sich inzwischen das 0:0 im Spiel bei den Bayern heraus, in dem Werder erstaunlich gut spielte. 'Da waren wir mutig', sagte Allofs, 'in dem Spiel haben wir gezeigt, dass wir was vorhatten.' 45 Minuten lang gegen Tottenham und 90 Minuten lang gegen Mainz war von dieser Einstellung nichts zu sehen. Vielleicht, mutmaßte Allofs, seien die Spieler nicht in der Lage, mit zu viel Lob richtig umzugehen. 'Wir waren gegen Bayern so gut, nicht weil jeder ein Super-Spieler war, sondern weil wir alle gearbeitet haben.' Ob das als Erklärung reicht?

Wohl nicht, es gibt noch andere Erklärungsansätze, auch wenn diese schnell im Verdacht stehen, als billige Ausrede benutzt zu werden. Aber Fakt ist: Werder hat - erstens - Verletzte; Per Mertesacker, Naldo und Claudio Pizarro fehlen seit mindestens drei Spielen. Werder hat - zweitens - in dieser Saison mit einer völlig zerstückelten Vorbereitung schon drei englische Wochen hinter sich. Werder hat - drittens - mit Mikaël Silvestre und Wesley zwei Späteinsteiger, die ihren Platz in der Mannschaft erst noch finden müssen. Das spielt bei Werders Stotterstart eine Rolle.

Allerdings: Auch in der Vergangenheit musste sich die Mannschaft regelmäßig neu finden. Mal war Diego weg, mal Miroslav Klose, mal Johan Micoud. Und auch in den Vorjahren gab es nach Weltmeisterschaften (2006) und Europameisterschaften (2008) erschwerte Vorbereitungen. Trotzdem erweckten jene Werder-Teams nach sechs, sieben Pflichtspielen stets den Eindruck, schon zusammengefunden zu haben, anders als die aktuelle Mannschaft.

Viele Baustellen

Es sind viele Kleinigkeiten, Personalien, die Werders Probleme beschreiben. Beispiel Marko Arnautovic: Der gern als extrem beschriebene Stürmer spielt bis dato tatsächlich extrem - extrem gut oder extrem unauffällig. Beispiel Silvestre: Der weit gereiste Champions-League-Sieger liefert bisher eher Argumente, die nachvollziehbar machen, weshalb Arséne Wenger ihm beim FC Arsenal keinen neuen Vertrag mehr geben wollte. Der 33-Jährige hat großen Nachholbedarf in Sachen Fitness und Spielpraxis. Allofs nimmt ihn deshalb auch in Schutz: 'Für ihn wäre es leichter, wenn die Mannschaft funktionieren würde. Man kann nicht von ihm erwarten, dass er gleich der Fels in der Brandung ist.' Ein wohldosiertes Heranführen an die alte Stärke ist zurzeit nicht möglich: Silvestre-Konkurrent Sebastian Boenisch ist verletzt.

Drittes Beispiel Tim Borowski: Der Ex-Nationalspieler wurde am Sonnabend bei seiner Auswechselung lautstark ausgepfiffen, nicht zum ersten Mal in dieser Saison, aber noch nie so laut. Borowski hat bei vielen Fans schlechte Karten, und bei Werder tut man sich schwer, mit den Pfiffen umzugehen. Allofs umdribbelte unmittelbar nach dem Spiel die Causa Borowski: 'Auch die Mannschaft ist ausgepfiffen worden...'

Als die enttäuschten Werder-Fans pfiffen, feierten die Gäste aus Mainz, für die es bisher im Weserstadion nie etwas zu holen gegeben hatte. 05-Manager Christian Heidel beschrieb die Party so: 'Als wir in die Kabine gekommen sind, haben wir erstmal den Videotext angemacht und uns dann kaputt gelacht.' Mainz ist Tabellenführer. Werder ist Elfter. Allofs sagte gestern, dass 'die in Mainz sitzen und sich immer noch fragen: Was war denn da in Bremen los?' Nicht nur in Mainz fragt man sich das.

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